Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 44 1499 DIE3^ELT Landeskirche, sowie der Herzog von Norfolk, der Führer der englischen Katholiken, haben schriftlich ihre Verurteilung der Blutanklage ausgedrückt. In einer Sitzung des Board of Deputies, die jüngsten Sonntag stattfand, wurde mitgeteilt, daß es gelungen ist, Cardinal Merry del Val zur Bestätigung einer päpstlichen Bulle gegen den Blutaberglauben, die im Besitz der jüdischen ^Gemeinde in Rom ist, zu bewegen, und daß eine Abschrift dieser Bulle mit der offiziellen Bestätigung dieses höchsten Würdenträgers der katholischen Kirche an die Verteidiger Beilis nach Kiew abgesandt worden ist. Da der „Sachverständige“ der Kläger zugunsten eines Ritualmordes ein katholischer Priester (Pranaitis) ist, so kann diesem Schritt eine große Bedeutung zugemessen werden. Der Beilis-Prozeß kam auch auf einem Festessen, das der Verein „Maccabaeans“ dem berühmten Anthropologen Prof. C. G. Seligmann zu Ehren diesen Sonntag gegeben hatte, zur Sprache. Dr. Redcliffe S a 1 a m a n wies darauf hin, wie in diesem Augenblick jedem Juden durch die Blutanklage in Kiew das Herz schwer drücke, und bat die anwesenden christlichen Anthropologen, Männer von großem wissenschaftlichen Ruf, ihre Stimme dagegen zu erheben. Der Hon. W. Pember Reeves, der gewesene Vertreter von Neuseeland bei der englischen Regierung und jetzige Rektor der London School of Economics, antwortete, daß jeder, der die Juden kennt, die Blutanklage mit Abscheu zurückweisen müsse, und daß nicht die Juden, sondern die russische Regierung jetzt auf der Anklagebank sitze. WELTCHRONIK D □ tl | Ludwig Max Goldberger | Einer jener „königlichen Kaufleute“ ist in diesem Manne in voriger Woche in Berlin gestorben, ein Kaufmann, der in seiner Welt wirklich ein kleiner König war. Die zahlreichen Werke seines Lebens, Werke der Tat und Werke der Schrift, sind in der ganzen europäischen und amerikanischen Presse gewürdigt worden. Nur hier und da aber fand sich die Andeutung, daß dieser Mann auch ein guter Jude war, und dann meist — wie charakteristisch für Deutschland! — im Zusammenhang mit der Tatsache, daß er zu einem Staatsposten deshalb nicht berufen wurde, weil man nicht wagen durfte, ihm das Anerbieten der Taufe zu machen, das sonst begabten und tüchtigen Juden nicht selten als Brücke zur Staatskarriere gebaut wird. Ludwig Max Goldberger, Geheimer Kommerzienrat und Ritter des Roten Adlerordens II. Klasse mit Eichenlaub usw., höher reicht es kaum für deutsche Juden, war 2. Vorsitzender des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und Begründer der „Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelrte Universelle“. Eine ungeheure Energie steckte in diesem breitschultrigen, untersetzten Manne, und daß er sie wenigstens zum Teil in jüdischem Sinne verwandte, soll nach seinem frühen Tode auch an dieser Stelle dankbar anerkannt werden. Nathan Straus-Stiftungen In Palästina Wie wir seinerzeit berichtet haben, hat Herr Nathan Straus auf seiner letzten Orientreise Miss Eva Leon mitgenommen, um ihr die Leitung verschiedener Institute in Palästina zu übertragen. Nach einem achtmonatigen Aufenthalt in Palästina ist Miß Leon nunmehr nach New York zurückgekehrt und berichtet folgendes über ihr dortiges Werk: Der amerikanische Verein jüdischer Frauen Hadassah Chapter hatte beschlossen, eine Krankenpflegerinnenstation und eine Haushaltsschule in Jerusalem zu gründen, und Herr Nathan Straus erbot sich, die Reisekosten für zwei aus Amerika kommende Krankenpflegerinnen und die Unterhaltskosten der Institute während der ersten vier Monate zu bestreiten. Mr. Straus’ erste Tat nach unserer gemeinsamen Ankunft war die Einrichtung einer Perlmutterfabrik, in der über 80 Männer und 25 Mädchen mit der Anfertigung von Reiseandenken beschäftigt sind. Für die Pflegerinnenstation wurde ein Haus mit Garten gekauft und die gesamte Hauseinrichtung im Lande selbst angefertigt Um das Institut populär zu machen, wandten wir uns in erster Linie an die Schulkinder, die ihrerseits wieder die Eltern auf den Segen dieser neuen Einrichtung aufmerksam machen sollten. Um vor allem das Uebel der Trachoma zu bekämpfen, ließen wir einen Augenarzt nebst Assistenten aus Europa herüberkommen, der schon merkliche Erfolge in der Bekämpfung der Krankheit erzielt hat. Für die Haushaltsschule haben wir ebenfalls ein Haus eingerichtet und erteilen hier einer Anzahl von Mädchen im Alter von 14—16 Jahren Unterricht in allen Zweigen hauswirtschaftlicher Tätigkeit. Die infolge des Wassermangels in Palästina an Reinlichkeit wenig gewöhnten Mädchen werden hier zur Sauberkeit und Ordnung erzogen. Die Unterrichtssprache ist Hebräisch. Die bekannte amerikanische Sozialreformerin Jane A d d a m s, die uns im Frühling einen Besuch abstattete, war erstaunt über die von uns bereits erzielten Erfolge. Ein weiteres Unternehmen des Herrn Straus war die Reinigung der Straßen, die zur Klagemauer führen und die bisher zu den schmutzigsten Straßen Jerusalems gehörten. Dank Herrn Straus, werden diese Straßen jetzt täglich dreimal gereinigt Spanien und die luden Spanien, das vor einem halben Jahrtausend die Juden so grausam vertrieben hat, bemüht sich seit einiger Zeit in lebhaftester Weise, die Sympathien der Judenheit zu erwerben. Die spanische Regierung braucht die Juden von Marokko, um dort festen Fuß fassen zu können, und sie braucht die Juden Europas, um einen Aufschwung des lahmen Handels und der Industrie Spaniens zu ermöglichen. Dazu versucht sie nun verschiedene Mittel. Eins davon ist, daß sie Professor Dr. A. S. Y a h u d a, den bekannten Berliner Gelehrten, eingeladen hat, an der Madrider Universität die neugegründete Lehrkanzel für hebräische und rabbinische Disziplinen zu übernehmen. Dr. Yahuda soll in Madrid offiziell empfangen werden und auf Kosten der Regierung eine Studienreise in Marokko unternehmen. Jüdische Richter in England Im Anschluß an die Ernennung von Sir Rufus I s a a c s zum Lord-Oberrichter bringen die englischen Zeitungen eine Reihe von Mitteilungen über die Besetzung von Richterstellen durch Juden. In England sind die Juden erst seit 80 Jahren als Justizbeamte zugelassen. Seitdem hat es bereits eine ganze Reihe hervorragender Juristen unter ihnen gegeben. Die englische Presse beschäftigt sich mit der Frage, ob auch zu dem Posten des Großkanzlers ein Jude zugelassen werden könnte, während dieser Posten einem Katholiken prinzipiell verschlossen ist. Einige Blätter, darunter der „Observer4*