Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1498 DIE S^ELT dern. Und wir dürfen uns nicht schmeicheln, sobald damit zu Ende zu sein. Man streitet nicht mit den religiösen Leidenschaften, und was die menschliche Dummheit betrifft, die in diesen Dingen eine große Rolle spielt, so ist sie unüberwindlich. Doch das ist gleichgiltig. Trotz allem muß man protestieren. Sagen wir die Wahrheit! Vielleicht wird sie doch einmal gehört werden! Herzlich der Ihre Duchesne. Der Protest des französischen Rabbinats Das französische Rabbinat hat folgende Erklärung veröffentlicht: Im Augenblick, wo in Rußland ein Prozeß wegen angeblichen Ritualmordes beginnt, der die Anklagen wiederholt, die schon von den Heiden gegen die ersten Christen erhoben wurden, und denen Tausende von Juden im Mittelalter zum Opfer gefallen sind, haben wir die Pflicht, aufs energischste gegen eine Legende zu protestieren, die von den ersten Würdenträgern der verschiedenen Konfessionen, von den Gelehrten und den bedeutendsten Männern aller Länder als vollkommen unbegründet erklärt worden ist. Wir erachten es nicht der Würde des Judentums entsprechend, dasselbe gegen eine Anklage verteidigen zu wollen, welche die formellsten Vorschriften unserer Religion, unsere Traditionen, unsere Gefühle und die ganze Geschichte Lüge strafen; wir brandmarken aber vor der zivilisierten Welt diesen Versuch, eine hundertmal widerlegte Verleumdung neu aufleben zu lassen, die eine grobe Verhöhnung der Wahrheit darstellt und im Gegensatz steht zu einer Religion, die als erste die Unverletzlichkeit der menschlichen Person proklamiert und der Welt die heilige Lehre der Nächstenliebe geschenkt hat. gez.: Das franz. Rabbinat. E. Levy. Protestversammlung in Amsterdam Am 6. Oktober wurde hier eine große Protestversammlung gegen die Beilis-Affäre veranstaltet, in der Prof. Dr. G. A. van Hamei, Parlamentsabgeordneter, und der ehemalige Professor des Strafrechts an der Universität Amsterdam, Abgeordneter Dr. jur. M. Mendels, Rabbiner S. Ph. de V r i e s und Dr. ehern. A. v. R a a 11 e das Wort ergriffen. Die Versammlung war von über 1200 Personen besucht. Alle Redner protestierten gegen den unwürdigen, mittelalterlichen Prozeß in Kiew. Der Fürsterzbischof von Ol mutz gegen die Ritualmordlüge Aus Proßnitz (Mähren) wird uns berichtet: Bei dem am 20. d. Ms. erfolgten Einzuge Seiner Eminenz des Fürsterzbischofs Dr. Bauer wurde derselbe von einer Deputation der israelitischen Kultusgemeinde, mit dem Kultusvorsteher Herrn Kais. Rat Mayer an der Spitze, feierlichst begrüßt. Hierbei hielt unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Goldschmidt an den Kardinal folgende Ansprache: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Ewigen! Die Eigenschaften Gottes sind Liebe und Wahrheit. Wir richten an Eure Eminenz die ergebene Bitte, daß Sie der Wahrheit und der Liebe auch in unserer Stadt zu ihrem Rechte verhelfen, indem Sie Ihre mächtige Stimme dafür erheben, daß die schändlichste aller Lügen, die uns dessen beschuldigt, daß wir nach dem Leben unseres Nächsten trachten, um dessen Blut für Glaubenszwecke zu verbrauchen, zumindest im Kreise der hiesigen Geistlichkeit, gegen uns künftighin nicht mehr erhoben werde. Sollte Eurer Eminenz dies gelingen, dann werden wir die Stunde segnen, die Sie in unsere Mitte geführt hat." Nr. 44 Der Kardinal erwiderte: „Ich danke Ihnen für die freundliche Begrüßung und muß bedauern, daß derzeit meine, als auch Ihre Stimme nicht hinreicht, um dieser häßlichen Lüge, wie ich es gerne möchte, ein Ende zu bereiten." Eine verbotene Protestversammlung in Saloniki Saloniki, 10. Oktober. Der jüdische Turnverein „Makkabi" hatte sich an die griechischen Behörden gewandt und ihre Erlaubnis zu einer Protestversammlung gegen den Beilis-Prozeß erbeten. Diese Genehmigung ist jedoch mit der Begründung verweigert worden, daß eine solche Protestversammlung politischen Charakter hätte und gegen eine mit Griechenland befreundete Nation gerichtet sein würde. Da ihnen die öffentliche Protestversammlung untersagt worden war, gaben die Delegierten aller jüdischen Vereine von Saloniki in einer hierzu einberufenen Sitzung eine schriftliche Protesterklärung gegen die Ritualmordbeschuldigung ab. Auf die von Rabbi Jacob Meir gemeinsam mit dem ungarischen Rabbiner Lebovics an die Rabbiner einer ganzen Reihe von Städten gerichtete Aufforderung, gegen den Beilis- Prozeß zu protestieren, sind bei dem Großrabbiner von Saloniki schon über 000 Protesterklärungen seitens der Rabbiner Oesterreich-Ungams und anderer Länder eingelaufen. Die öffentliche Meinung in England und der Beilisprozeß Soweit sich die englische Presse über den Beilis-Prozeß redaktionell geäußert hat, ist sie noch nie über die Ungeheuerlichkeit einer ausländischen cause celebre so einig wie diesmal gewesen. Die ziemlich ausführlichen Berichte der Reuterschen Agentur sowie der Spezialbericht der „Times" haben die englischen Leser genügend mit der Art der Beweise, auf denen in Rußland ein jüdischer Ritualmord aufgebaut worden ist, bekannt gemacht. Sogar die publizistischen Freundlichkeiten, die man der russischen Regierung in einem guten Teil der englischen Presse erweisen möchte, haben es nicht verhindern können, daß man der Wahrheit die Ehre gab. Aber dies allein genügt nicht, denn auch das englische Volk soll sich darüber äußern, wie es über den Beilis-Prozeß in Kiew denkt. Es fand daher letzten Sonnabend eine Versammlung im Great Assembly Hall statt, die von 5—6000 Personen bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war. Die Versammlung war von sozialistischen Kreisen einberufen und sollte die Solidarität der englischen Arbeiter mit den jüdischen Massen in Rußland ausdrücken. Die Redner waren, außer drei Juden, bekannte englische Arbeiterführer, die ohne Umschweife ihre Entrüstung gegen diese neueste Verfolgung der russischen Juden aussprachen. Die Agitation wird fortgesetzt werden, und eine Protestdemonstration im Trafalger Square soll demnächst stattfinden, um wieder die Gefühle des englischen Proletariats über dieses Justizattentat zum Ausdruck zu bringen. Es wird jedoch allgemein erwartet, daß auch die offiziellen Vertreter der jüdischen Gemeinde ihre Pflicht tun, und da der Board of Deputies es abgelehnt hat, irgendwas in dieser Hinsicht zu unternehmen, so ist die English Zionist Federation in die Bresche getreten. Auf einer Versammlung der Exekutive, die Anfang dieser Woche stattfand, wurde beschlossen, nächsten Dienstag eine Versammlung von Vertretern aller christlichen Konfessionen einzuberufen. Es wird erwartet, daß in dieser Versammlung, die unter dem Vorsitz von Sir Francis Montefiore in Memorial Hall stattfinden wird, einflußreiche Persönlichkeiten aller Kreise des öffentlichen englischen Lebens das Wort ergreifen werden. Der Erzbischof von Canterbury, das Haupt der anglikanischen