Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 44 DIE :LT 1497 Fünfzehnter^ Verhandlungstag Bei der Fortsetzung seiner, die ganze Vormittagssitzung ausfüllenden Vernehmung betont Krassowski, daß er bei seinen Nachforschungen nicht eigenmächtig gehandelt habe. Er habe von allen seinen Schritten dem Untersuchungsrichter oder der Staatsanwaltschaft Mitteilung gemacht, dem Untersuchungsrichter habe er täglich mehrmals Bericht erstattet. In Fällen, wo er Mitarbeiter brauchte, habe er sich an den Chef der Ochrana, Iwanow, gewandt, der ihm dann Leute zur Verfügung stellte, denen der Zeuge die verschiedensten Vorschriften erteilte. Nie habe er ohne Angabe der Gründe irgend jemand verhaften lassen. Nach seinem Dafürhalten habe er durchaus keine Ausnahmestellung eingenommen. Als ihm vom Staatsanwalt vorgehalten wird, daß er doch ohne Wissen des Untersuchungsrichters einmal dem Luka Prichodko (wie dieser als Zeuge ausgesagt hat) das Gesicht schminken und ihm eine andere Nase habe aufsetzen lassen, erklärt Zeuge, daß er das nie getan habe und daß er davon zum ersten Male höre. Nachdem auf Antrag derZivilkläger einige Stellen der in der Voruntersuchung auf genommenen zahlreichen Aussagen des Zeugen verlesen worden sind, bestätigt der Präsident auf Veranlassung der Zivilkläger, daß Zeuge folgende Einzelheiten, die er bei dem jetzigen Verhör angeführt habe, in der Voruntersuchung nicht angeführt habe: 1. seine Experimente mit Lehm, die er selbst angestellt habe, 2. die drei Todesfälle in der Familie Prichodko, 3. die Beziehungen der Tscheberjak zur kranken Walja, 4. daß die Tscheberjak ihrem Manne erzählt habe, daß sie Walja ins Krankenhaus gebracht habe 5. von dem Gift, das die Tscheberjak auf der Reise nach Charkow mit sich geführt habe, 6. daß Sehen ja Tscheberjak ein Luftschiff baute, 7. von den Schuhen, die die Tochter der Tscheberjak getragen haben soll, 8. über das Gespräch, das im Anschluß an diese Schuhe der Tscheberjak und der Djakonowa stattgefunden habe und 9., daß Natalja Justschinski gesagt hätte, ihr Neffe Andreas wäre oft bei Tscheberjaks gewesen. Als der Zeuge von den Klägern befragt wird, wie er sich den Widerspruch erkläre, den seine jetzigen Aussagen gegenüber den Angaben in der Voruntersuchung enthielten, erwidert er: „Sehr einfach, ich wurde nach I1/2 Monaten intensiver Tätigkeit im Laufe dreier Tage von 10 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts vernommen. Da konnten natürlich viele Irrtümer unterlaufen, nicht nur einer!" Zeuge behauptet, daß seine jetzigen Angaben auf Grund seines Materials jedenfalls die richtigeren seien. Kurz vor Schluß der Vormittagssitzung ereignet sich ein kleiner Zwischenfall. In höchster Erregung wendet sich Zeuge Krassowski an den Präsidenten mit der Bitte, eine Erklärung abgeben zu dürfen. Soeben habe er erfahren, daß während seiner Abwesenheit die Polizei in seinem Hause ein Verhör vorgenommen habe. Präsident: „Das hat mit uns nichts zu tun, wenden Sie sich mit dieser Erklärung an den Gouverneur." * Krassowski: „Die Polizei forscht meine Familie aus, erkundigt sich, von welchen Mitteln ich lebe usw., ich bin so aufgeregt, Exzellenz, daß ich hier nicht bleiben kann und bitte, mich zu entlassen.“ In Anbetracht so außerordentlicher Umstände wird der Zeuge dispensiert, doch wird ihm erklärt, daß seine Vernehmung noch keineswegs abgeschlossen sei. Verteidiger Karabtschewski bittet den Zeugen, wenn irgend möglich, noch 1/4 Stunde zu verweilen. Zeuge erklärt jedoch, daß er außerstande sei, Antwort zu erteilen. Protest» Kundgebungen Berichte unserer ständigen Korrespondenten Auf Veranlassung der sozialistischen Partei, der „Liga der Menschenrechte" und der Pariser Sektion des „Bund" fand am 16. Oktober in der „Salle Wagram" zu Paris eine Protestversammlung statt, der tausende Personen beiwohnten. Den Vorsitz führte H. Dubreuille, Sekretär der sozialistischen Partei, als Beisitzer fungierten die Sekretäre der „Liga der Menschenrechte“, des „Bundes“ und Prof. Hadamar. Nach einer einleitenden Rede des Vorsitzenden und einer russischen Rede Litwaks vom „Bund“, ergreift der Präsident der „Liga der Menschenrechte“, Francis de Pressense, das Wort zu einer eingehenden Beleuchtung der ganzen Machenschaft. Er zeigt im Lichte der Geschichte die Haltlosigkeit der Legende des Ritualmordes, dessen man Beilis zeiht, einer Legende, deren Nichtigkeit selbst Päpste und Bischöfe bezeugt haben. Die Veranstalter des Prozesses verfolgen in Wirklichkeit den Zweck, unter der Maske dieser Legende an den Juden die Rache der Gegenrevolution auszuüben und sie durch das Schreckgespenst der Pogrome zu knebeln. Nach Pressense ergreift der Führer der sozialistischen Partei, Abgeordneter Jaures, das Wort. Jaures sagte u. a.: Der gesunde Menschenverstand und die Geschichte sind darin einig, die Nichtigkeit dieser Ritualmordlegende zu bekunden, die von der russischen Justiz aufgegriffen worden ist, um auf die Rasse, in welcher die Gedanken des Fortschritts keimen, einen neuen Schatten zu werfen. Der Redner zeigte die Größe dieser Rasse, jiie Geister wie Spinoza, Karl Marx und Lassalle hervorgebracht hat, und die in der ganzen Welt das tiefe Gefühl für Recht und Gerechtigkeit verbreitet. Jaures schließt damit: Die heftige Reaktion, die augenblicklich in Rußland wüte, werde hoffentlich durch die Macht des freien Gedankens überwunden werden. Nachstehende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Die 5000 Bürgerinnen und Bürger, die in der ,Salle Wagram* versammelt sind, protestieren gegen den infamen Prozeß, der gegen den Juden Beilis unter dem törichten und ungeheuerlichen Vorwände eines Ritualmordes angestrengt ist. Sie proklamieren die vollständige Solidarität, welche die Proletarier von Paris und Frankreich sowie alle fortschrittlichen und aufrichtigen Menschen mit dem Angeklagten von Kiew und mit den in seiner Person bedrohten Juden in Rußland verbindet. Sie stimmen alle in den Ruf ein: Nieder mit aller Finsternis, allem Fanatismus und aller Barbarei.** Gelegentlich des Ritualmordprozesses in Kiew hat der Bischof Duchesne, Mitglied derfranzösisehen Akademie und der Akademie des Inscriptions et Belles- Lettres, Direktor der französischen Schule in Rom, eine Anfrage folgendermaßen beantwortet: Paris, 12. Oktober 1913. Mein lieber Kollege! Anläßlich des Kiewer Prozesses bitten Sie mich, Ihnen zu sagen, wie ich über den Ritualmord der Juden denke. Sie wissen sehr wohl, wie ich darüber denke, denn ich habe es bereits meherere Male gesagt, und der Herr Abbe Vacandard hat es in seinem ausgezeichneten Buch über diesen Gegenstand wiederholt. Gleich den Päpsten und Bischöfen, die Gelegenheit hatten, sich über die Ritualmordfrage auszulassen, bin ich der Ansicht, daß es sich um ein abgeschmacktes Märchen handelt, ähnlich gewissen Verleumdungen, die ehemals über die Christenversammlungen im Umlauf waren, und die ebenfalls gänzlich jeder Grundlage entbehren. So absurd solche Lügen sein mögen, ist es doch nicht immer klug, sie unbeachtet zu lassen. Bis zum Ende aller Tage wird es Einfältige geben, die behaupten, die Kirche habe in einem Konzil festgestellt, daß die Frauen keine Seelen haben. Diese Dummheit ist indes ohne große Folgen geblieben, man hat nicht wahrgenommen, daß sie die Beziehungen der Frauen zur Kirche gestört hätte. Anders die Ritualmordlegende. An ihr kann man sterben! Diese Geschichten von abgeschlachteten Kindern haben wirkliche Opfer gefordert. Sie können noch mehr for-