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Die Welt · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 DIESqKELT 1495 auf Justschinskis Kleidern, Wetter — an jenem Tage war Tau wett er. Er habe alle Versionen berücksichtigt, die er beim Untersuchungsrichter Fenenko vorgefunden hatte. Mord aus Rache, Mord seitens der Verwandten, Mord aus Psychose, Ritualmord — nach all diesen Richtungen hin habe er Versuche zur Enthüllung der Mörder gemacht. Der Verdacht fiel zunächst auf Luka Prichodko, den Stiefvater des Andreas. Gerüchte waren im Umlauf, daß eine gewisse Summe auf Andreas’ Namen hinterlassen sei. Das habe sich jedoch bei der näheren Untersuchung als unbegründet erwiesen. Der Umstand aber, daß die Leute über Lukas grausames Benehmen gegen den Knaben redeten, habe Zeugen veranlaßt, eine Haussuchung bei Kolbasow, in dessen Werkstatt Luka arbeitete, vorzunehmen. Bei dieser Haussuchung habe er auf Lukas Werktisch eine Beschreibung der Schläfenknochen gefunden. In Anbetracht dessen, daß die Verwundungen in der Schläfenknochengegend beigefügt worden sind, sei ihm dieser Zettel äußerst verdächtig vorgekommen. Auf Grund dieser Umstände ist Prichodko festgenommen worden. Ein neues Verdachtmoment kam hinzu: Njeschinski hat dem Zeugen von einem Töpfer Jastschenko erzählt, der am Mordtage einen Mann in der Höhle gesehen haben soll. Es galt nun, den Töpfer aufzusuchen und mit Luka zu konfrontieren. Die von Jastschenko angegebenen Merkmale stimmten mit Lukas Aussehen überein; bloß soll jener Mann bartlos gewesen sein, während Luka einen Bart trug. Deshalb habe Zeuge den Luka rasieren lassen. Die Konfrontation fand an jener Stelle statt, wo Jastschenko den Unbekannten am Mordtage gesehen hatte. Jastschenko erklärte, Luka sähe jenem Manne ähnlich. Die Inszenierung der Konfrontation sei im Einverständnis mit dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt erfolgt. Der Verdacht habe sich jedoch binnen kurzem als unhaltbar erwiesen. Auf Grund mehrfacherer Ermittelungen sei es ihm gelungen, festzustellen, daß Luka Prichodko am 12. März an der Höhle nicht gewesen sein konnte. Da habe Zeuge diese Version gänzlich fallen lassen. Der Lauf der Recherchen habe ihn auf die Spuren der Tscheberjak gebracht. Ihre Wohnung sei als Verbrecherstätte bekannt gewesen. Auch habe sie an mehreren Diebstählen selbst teilgenommen. Zudem sei ihm klar geworden, daß Justschinski bei Tscheberjak viel verkehrt hatte. So habe er denn bei ihr die erste Haussuchung vorgenommen. Der Mann war nicht zugegen, aber drei Kinder seien dagewesen: Schenja, Luda und Walja. Kommissarius Kiritschenko habe den Schenja in ein anderes Zimmer zum Verhör genommen. Als Wera Tscheberjak die beiden in lebhafter Unterhaltung sah, habe sie eine drohende Geste gegenüber Schenja gemacht, auf die Zunge zeigend, — worauf Schenja verstummte .... Gleichzeitig habe er Recherchen in der Richtung des Ritualmordverdachtes angestellt. Da Professor Sykorski geäußert hatte, die Mordtat sei von geübter Hand vollzogen worden, so habe Zeu^e die jüdischen Schächter — etwa 16 Mann — im Auge behalten. Er habe ihren Wohnort, ihre Lebensweise, ihre Verbindungen erforscht. Insbesondere galt die Untersuchung einem gewissen Schächter Homelsky, der angeblich um einen Reisepaß nachgesucht hätte. Es habe sich jedoch herausgestellt, daß der Paß nicht für ihn, sondern für seinen Sohn ausgestellt wurde. Es gingen Gerüchte, jemand hätte den Kindern auf der Saizewschen Ziegelei nachgejagt. Vom „Ofen“ war ein Gerede. Zeuge sei auch diesen Vermutungen nachgegangen. Auf Justschinskis Jackett befinden sich mehrere mit Lehm vermischte Blutflecke. Diesen Lehm habe er genau untersucht. Ebenso habe er den Lehm aus dem Ofen, aus der Höhle und aus der Lehmgrube einer Untersuchung unterzogen. Es habe sich ergeben, daß der Ofenlehm 60 Prozent Sand, der Lehm auf Justschinskis Jackett dagegen keinen Sand enthielt. Zur Ritualmordversion nabe er u. a. auch des Beilis Wohnung besichtigt. Bei der Haussuchung habe er sich die Gummischuhe des Beilis angesehen — die waren von der Firma „Prowodnik“, während auf dem Lappen, den man in Justschinskis Jackett gefunden hatte, das Abzeichen der Gummischuhfabrik „Kolumb“ zu sehen war. Nach der Verhaftung des Beilis habe er mehrfach Durchsuchungen des ganzen Terrains der Ziegelei vorgenommen. Am 18. August habe er dann in einem der Häuser der Ziegelei eine provisorische Sattlerwerkstatt vorgefunden, in der ein diristlicher Sattler Reparaturen ausführte. Auch hier habe er eine Haussuchung veranstaltet und dabei verschiedene Instrumente gefunden. Da Zeuge wußte, daß der Mord an Justschinski mit spitzen Werkzeugen ausgeführt worden war, so interessierten ihn die gefundenen Ahlen besonders. Auf seine diesbezügliche Frage erfuhr er, daß die Instrumente einem jüdischen Sattler gehörten, der hier früher gearbeitet hatte. Diesen Sattler namens G u 1 k o habe Zeuge ausfindig gemacht und in der Werkstatt, in der er arbeitete, in Begleitung mehrerer Schutzleute überrascht. Von Gulko habe Zeuge die in der Ziegelei erhaltenen Angaben bestätigt erhalten. Gulko hätte nach seiner Entlassung auf der Ziegelei eine Stelle in einer Werkstatt erhalten, wo er mit den Instrumenten des Meisters arbeitete, so daß er seine Werkzeuge aus der Ziegelei nicht abgeholt hätte. Zeuge habe dann ein ausführliches Protokoll aufgenommen und dieses mitsamt den Instrumenten dem Untersuchungsrichter eingehändigt. Krassowski bekundet dann weiter, in welcher Richtung er auch Recherchen vorgenommen hätte, er wäre immer wieder auf das Haus der Tscheberjak hingeleitet worden. Allein die Nachbarn oder die Leute, die in irgendwelchen Beziehungen zu der Tscheberjak standen, wußten ihm stets auszuweichen, wenn er etwas über diese Frage zu erfahren suchte. Erst ganz allmählich habe er hie und da Antworten erhalten können. Der Laternenanzünder Schachowskoi wäre der erste gewesen, der eine auf Justschinski bezügliche Aussage machte. Schachowskoi habe ihm erzählt, daß er am 12. März den Andreas mit Schenja vor der Tscheberjakschen Haustüre gesehen habe und ihm auch von seiner Begegnung mit den Kindern auf der Straße berichtet. Das Datum habe Schachowskoi so genau angeben können, weil er — was Zeuge nachgeprüft habe — an jenem Tage von seinem Arbeitgeber Geld geholt hatte. Der Verdacht Krassowskis gegen Tscheberjak habe sich nach dieser Mitteilung gesteigert. Von den Verwandten des Ermordeten habe Zeuge erfahren, daß Andreas eine Pistole gehabt hätte. Am Tage vor seinem Verschwinden wäre ihm das Pulver ausgegangen gewesen, und er habe sich solches besorgen wollen, dabei soll er geäußert haben, es gäbe Leute, die ihn mit Pulver versorgen können. Nun hätte Zeuge von Nachbarn erfahren, daß Schenja ein sehr geschickter Junge war und sich selber ,Schießpulver herstellte, auch habe er bei der Haussuchung bei Wera Tscheberjak eine Schießulverscnachtel und ein Rezept zur Herstellung von ulver gefunden. Dies und die ihm von Nachbarn mitgeteilte Tatsache, daß Schenja sich ein Luftschiffmodell konstruiert hätte, wozu er spitze Instrumente brauchte, habe den Zeugen in seinem Verdacht noch mehr bestärkt. Die Vernehmungen der Tscheberjakschen Kinder, die in Gegenwart der Eltern stattfanden, hätten in dem Zeugen den Eindruck erweckt, daß die Kinder sehr verängstigt gewesen wären. Schenja sei ein verstockter, schlauer Junge gewesen, der mit der Sprache nicht heraus wollte. Einmal habe er dem Zeugen aber folgendes erzählt: Am 19. hätte ihn sein Vater um Bier geschickt, in dem Lokal hätte er eine ganze Gesellschaft, darunter den Onkel des Andreas, Njeschinski, getroffen, dieser wäre betrunken gewesen und habe gesagt: „Weißt du schon, daß Andreas fort ist? Den Andreas haben die Juden geschlachte t.“ Als Zeuge dann die Wera Tscheberjak darüber befragte, habe diese gesagt, „ich weiß von nichts, das weiß Schenja,“ ihr Mann habe aber bestätigt, daß sich diese Szene am 19. März zugetragen habe. Das seltsame Benehmen der Tscheberjak, ihr Eifer, den Verdacht auf die Verwandten des Ermordeten zu lenken, habe den Zeugen ganz besonders stutzig gemacht. Er hätte sich bei der Haussuchung bei den Eltern des Ermordeten überzeugt, daß der Mord in der engen Wohnung bei den weißgetünchten Wänden, an denen keinerlei gelbe Lehmstellen vorhanden waren, nicht ausgeführt worden sein konnte. Aus der Glasveranda der Tscheberjakschen Wohnung hätte er sehr gut die Stelle überblicken können, wo die Höhle ist, in der Justschinski gefunden wurde. Zeuge wiederholt, daß sich in ihm immer mehr und mehr die Üeberzeugung befestigt hätte, daß die Tscheberjak mit diesem Verbrechen zu tun Um diese Zeit habe Zeuge von dem Polizeiagenten Polistschuk die Nachricht erhalten, Schachowskoi habe erzählt, er und seine Frau hätten gesehen, wie ein Mann mit schwarzem Barte den Andreas, der auf der Ziegelei gespielt hätte, nach dem Ofen geschleppt habe. Ehe Zeuge dazu gekommen wäre, dem Untersuchungsrichter davon Mitteilung zu machen, hätte er zu seiner unangenehmen Ueberraschung erfahren, daß Polistschuk ihm bei dem Untersuchungsrichter Fenenko zuvorgekommen wäre, wobei er letzteren gebeten hatte, dem Zeugen nicht zu verraten, daß e r die Nachricht überbracht hätte, welche Bitte Fenenko aber nicht erfüllt hätte.

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