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Die Welt · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1494 Nr. 44 der alles Dagewesene übertrifft. Der Zeuge verliert aber die Selbstbeherrschung nicht. Auf anmaßende Anzapfungen geht er überhaupt nicht ein, während er sich auf direkte Fragen in möglichst ruhigem Tone zu antworten bemüht. Zuerst kommt natürlich wieder die übliche Frage nach der Religionszugehörigkeit. Zeuge ist orthodoxer Christ, aber für den Fragesteller gibt es doch einen Trost: er ist mit einer Jüdin verheiratet! Der Staatsanwalt fragt den Zeugen, ob er an einer „jüdischen“ Zeitung arbeite. Es ergibt sich, daß die meisten Redakteure der Zeitung Christen sind und daß der Verleger ein Oberst a. D. ist. Im übrigen habe sich die Redaktion der „Kiewskaja Mysl" seinen Angaben gegenüber skeptisch verhalten, so daß er alle seine Schritte auf seine eigene Verantwortung gemacht habe. Auch die Ausgaben habe er aus eigener Tasche be- Eingehend wird Brasul-Bruschkowski darüber befragt, warum er der Tscheberjak im Anfänge Vertrauen geschenkt hätte und später nicht mehr. Zeuge erklärt, die Tatsachen hätten ihn überzeugt, das ganze Verhalten der Tscheberjak und die nähere Einsicht in das Getriebe ihres Hauses hätten allmählich sein Mißtrauen hervorgerufen. Wiederum befragt, wie er auf die bloße Aussage einer Tscheberjak und eines Petrow hin eine Anzeige erstatten konnte, antwortet er: „In der Anzeige habe ich meine Gewährsmänner genannt. Ich war sicher, daß die Untersuchungsbehörde sich in meinem Material zurechtfinden und feststeilen würde, was den Tatsachen entspricht und was nicht." Mit Bezug darauf, daß dem Zeugen aus den von ihm angestellten Recherchen ein Strick gedreht wird, fragt der Verteidiger Grusenberg: „Sie haben doch mit dem Untersuchungsrichter, dem Vertreter der Staatsanwaltschaft und anderen Beamten gesprochen. Hat Ihnen denn niemand gesagt, was sollen Sie unerfahrener Mensch in einer solchen schredclichen Affäre leisten können? Was können Sie noch tun, wo doch Gerichtsbehörden, Kriminalpolizei und politische Polizei arbeitet?" Zeuge: ,,Das gerade Gegenteil! Man hat mir gesagt, arbeiten Sie nur ruhig weiter, lassen Sie die Tscheberjak nicht los, halten Sie sie mit beiden Händen fest." Im weiteren bekundet Zeuge noch, daß er in Gesellschaft zweier Journalisten, die nach seinen Schilderungen eine interessante Frau kennen zu lernen hofften, mit der Tscheberjak in einem Restaurant eine Zusammenkunft gehabt hätte, und daß er für den Aufenthalt im Lokal fünf Rubel bezahlt habe. Zeuge leugnet die ihm von der Tscheberjak in den Mund gelegten Worte: „Klingendes Metall wird alles machen", ebenso, daß er ihr zugeredet habe, „die Schuld auf sich zu nehmen". Um 91/2 Uhr abends beginnt die Vernehmung des Rechtsanwalts Margolin, den Brasul-Bruschkowski in Charkow mit der Tscheberjak bekannt gemacht hat. Zeuge Margolin leugnet mit aller Bestimmtheit, der Tscheberjak in Charkow Geld angeboten zu haben, damit sie die Schuld an dem Morde Justschinskis auf sich nehme. Zeuge behauptet, die Erzählungen der Tscheberjak von der Schuld des Mifle an dem Morde seien ihm gleich als erdichtet erschienen, und er hätte gleich erkannt, daß er von der Tscheberjak nichts würde erfahren können. In Charkow wäre Zeuge in eigenen Angelegenheiten als juristischer Berater der Dampfschiffahrtsgesellschaft gewesen, Brasul-Bruschkowski hätte die Zusammenkunft mit der Tscheberjak seinetwegen auf diesen Termin verlegt. Zeuge meint, nur ein Wahnsinniger hätte der Tscheberjak 40 000 Rubel anbieten können. Zur Zeit der Charkower Zusammenkunft wäre Zeuge noch nicht der Verteidiger des Beilis gewesen, erst im Januar sei ihm die Verteidigung übertragen worden. Zeuge bekundet, daß außer Brasul-Bruschkowski, Wygranow und der Tscheberjak niemand weiter im Hotelzimmer in Charkow gewesen wäre. Zeuge hätte keinen Augenblick seine Zusammenkunft mit der Tscheberjak verheimlichen wollen und habe sie auch sofort zugegeben, während gerade die Tscheberjak vor dem Untersuchungsrichter bei der Konfrontation die Bekanntschaft abgeleugnet hätte. Es wäre ihm nur unangenehm gewesen, daß die Tscheberjak seinen Namen erfahre, darum hätte Brasul ihn unter einem anderen Namen vorgestellt. Er wäre nur widerstrebend auf den Vorschlag Brasuls, mit der Tscheberjak zu sprechen, eingegangen. [ELT- - Vierzehnter Verhandlungstag Heute wird das Kreuzverhör des Zeugen Margolin fortgesetzt. Die Fragen scheinen erschöpft zu sein. Sie drehen sich meist um unwesentliche Details bezüglich des Zusammentreffens in Charkow. Was für ein Jackett Margolin damals anhatte — ob es neu und repräsentativ aussah, wie die Tscheberjak behauptet, oder aber abgetragen und bescheiden, wie Margolin bekundet, — diese Frage beschäftigt die Anklagepartei und nimmt einen guten Teil Zeit bei der Konfrontation zwischen dem Zeugen und der Tscheberjak in Anspruch. Der Umstand, daß Margolin den anwesenden Personen nicht die Hand reichte, ist ebenfalls Gegenstand wichtigtuender Auseinandersetzungen seitens des Staatsanwalts. Der ehemalige Chef der Detektivpolizei, Krassowski, wird vernommen. In 4y°stündiger Aussage entrollt er die Geschichte seiner Ermittlungen im Fall Justschinski. Mosaikartig zusammengestellt, Detail an Detail gereiht, wird ein großzügiges Bild von weiter Perspektive entworfen, dessen überragende Bedeutung alles übertrifft, was in diesem Prozesse vor sich ging. Am 4. Mai 1911 habe Krassowski, der sich durch die Aufdeckung der Mörder Ostrowskis einen Ruf erworben hatte, eine Depesche aus Kiew erhalten, er möchte auf Verordnung des Gouverneurs dorthin kommen. Am 5. Mai in Kiew angelangt, stellte es sich heraus, daß der Staatsanwalt ihn berufen habe. Als er diesen aufsuchte, habe ihn der anwesende Direktor des Polizeidepartements, Ladow, aufgefordert, Recherchen zum Fall Justschinski anzustellen. Bei seinen Untersuchungen seien ihm die Detektive Polistschuk und Wygranow, sowie auch andere Mitarbeiter, die er herangezogen, behilflich gewesen. Die Detektivpolizei, deren Chef damals Mistschuk war, sei seinen Untersuchungen hinderlich gewesen — habe sie doch von der Aufgabe, die ihm auferlegt worden war, infolge ihres konspirativen Charakters keine Ahnung gehabt. Er habe den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt darauf aufmerksam gemacht, und so geschah es, daß am 20. Mai die Detektivpolizei die Anweisung erhielt, ihre Recherchen zu diesem Fall einzustellen. Die Recherchen habe er nunmehr persönlich geleitet. Von Anfang an sei ihm aufgefallen, daß die Leute, die er befragte, nicht die geringste Auskunft geben wollten. Dieses hartnäckige Schweigen, das immer mehr und immer deutlicher zutage trat, habe ihn darauf schließen lassen, daß die Leute Angst hätten — vor jemand, vor etwas Angst hätten. In der Nikolskaja-Slobodka seien die Ermittlungen gering gewesen. Es sei lediglich festgestellt worden, daß man den Justschinski um 6 Uhr morgens gesehen hätte. Alle Umstände, alle Merkmale des Leichenfundes haben den Gedanken in ihm entstehen lassen: den Mord hätte eine Verbrecher-, eine Diebesbande verübt. Diesen Standpunkt habe er damals auch gegenüber dem Gouverneur vertreten. Während seiner Recherchen sei er oft den Mitgliedern der monarchistischen Organisation, Rosmitalski, Golubjew u. a. begegnet. Sie hätten großes Interesse für die Sache bekundet. Damals hätten bereits Ritualmordgerüchte zirkuliert, zudem habe die Presse Radau gemacht, wenn irgendein Schritt nicht im Sinne der monarchistischen Organisation unternommen worden war_ (Der Vorsitzende unterbricht den Zeugen.) Man habe der Angelegenheit von Anfang an ein zu großes Gewicht beigelegt. Daher habe er, trotz seiner Erfahrungen auf diesem Gebiete, keinen Schritt ohne Wissen des Untersuchungsrichters und des Staatsanwalts getan. Durch das Vorgefundene Material sei seine Aufmerksamkeit auf folgenden Umstand besonders gelenkt worden: bei Auffindung der Leiche war vertrockneter, mit Laub vermengter Lehm auf den Unterhosen des Knaben gefunden worden. Er habe daher bei der meteorologischen Station über die Witterung vom 11.—20. März Erkundigungen eingeholt. Aus den erhaltenen Auskünften habe er nun feststellen können, daß an den erwähnten Tagen, mit Ausnahme des 16. und 19. März, das Wetter trocken und frostig war. Also hätte der Lehm ausschließlich an jenen beiden Tagen des Tauwetters an den Kleidern hängen bleiben können. Ferner habe er während seiner Untersuchungen in der Nähe der Höhle einen jungen Baum bemerkt, in dem das Datum „16", die Buchstaben „Mar" und zwei Kreuze eingeschnitten waren. Auf seine Veranlassung hin habe der Untersuchungsrichter den Baum fällen lassen. Dann aber sei ihm erklärt worden, die Sachverständigen hätten sich dahin geäußert, daß der Einschnitt alten Datums wäre, — etwa drei Jahre her. Zeuge sei damit nicht einverstanden gewesen — habe doch der Einschnitt ganz grün ausgesehen. Ein Experiment, das er an einem andern, gleichaltrigen Baum vorgenommen, habe sein Urteil bestätigt. Seine Aufmerksamkeit habe sich somit auf folgende Umstände konzentriert: Datum „16. Mar", Lehm

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