Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1492 Nr. 44 DIE^ELT 50 Rubeln gegeben haben. Wygranow habe ihm auch die Voruntersuchungsakten des Beilis-Prozesses zum Lesen gegeben. Auf die Fragen der Verteidigung gibt Petro w an, daß er die Tscheberjak erst nach justschinskis Ermordung kennen gelernt habe — und doch soll die Bekanntschaft im Februar 1911 erfolgt sein, also vor Justschinskis Ermordung! Akazatow, ein Vertreter der Ritualmordversion, ist ein Gutsbesitzer — d. h. das Gut gehört seiner Frau. Er selbst habe Recherchen über Justschinskis Ermordung vorgenommen, habe die Höhle und die anliegenden Oertlichkeiten gründlich erforscht, und nun erzählt er ausführlich über die Ergebnisse seiner Untersuchung, die ihn überzeugt hätten, daß die Leiche von der Ziegelei her nach der Höhle gebracht worden sei. Er bekundet u. a., Lücken am Zaun gesehen zu haben, die bei der zweiten Besichtigung, welche Zeuge gemeinsam mit Golubjew vorgenommen hatte, verschlagen gewesen seien. Vom Staatsanwalt befragt, beginnt Zeuge eine Ritualmordgeschichte aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die er von seinem Vater gehört haben will, vorzutragen; wird aber vom Vorsitzenden unterbrochen. Vert. Karabtschewski stellt fest, daß in der Voruntersuchungsaussage des Zeugen keine Silbe über dessen Erforschung der Oertlidhkeit vorkommt. Ferner erzählt Zeuge, seine Frau habe ihn beschworen, sich nicht in die Angelegenheit zu mischen, die doch nur Unheil stifte. „Alle Zeugen begannen hinzusterben,“ so die Kinder Tscheberjak, ein Schutzmann sei getötet worden, der Staatsanwalt. Vert. Karabtschewski: „Welcher Staatsanwalt?“ „Tschaplinski“ (Lachen). — „Hat nicht den Schutzmann ein Kollege in der Kaserne erschlagen?“ Zeuge schweigt verlegen. Zum Schluß bekundet Zeuge, in seiner Wohnung hätte eine Beratung stattgefunden zur Organisierung von Privatrecherchen zum Fall Justschinski. An dieser Beratung hätte auch Student Golubjew teilgenommen. Dreizehnter Verhandlungstag Die heutige Sitzung wurde fast vollständig durch die Vernehmung des Journalisten Brasul-Bruschkowski ausgefüllt, der den Behörden im Laufe der Voruntersuchung auf Grund seiner Nachforschungen zweimal die offizielle Anzeige gemacht hatte, daß der Mord Justschinskis von notorischen Verbrechern verübt worden sei. Das Verhör dauerte vom Morgen bis VolO Uhr abends. Brasul-Bruschkowski erzählt folgendes: Der Mord des Justschinski, der durch seine Begleitumstände ja allgemein das lebhafteste Interesse erweckte, habe auf ihn als Journalisten einen besonders starken Eindruck gemacht. Sein Interesse habe sich gesteigert, als der Fall von Metwjedjew, der die ersten Untersuchungen geleitet hatte, auf den Untersuchungsrichter „für außerordentliche Fälle“, Fenenko, überging, und er daraus ersah, daß dem Fall eine besondere Wichtigkeit beigelegt wurde. Die Recherchen führte damals der Kriminalbeamte Mischtschuk, auf dessen Angaben hin bald darauf Mutter und Stiefvater des Ermordeten verhaftet wurden. Da erscheint im Mai in der antisemitischen Zeitung „SemsChtschina“ ein Artikel, in dem der Fall Justschinski als Ritualmord behandelt wird. Die Agitation nach dieser Richtung — gingen doch bald ähnliche Mitteilungen durch die ganze antisemitische Presse — macht auf den Zeugen gewaltigen Eindruck. Gleichzeitig hört er, daß die Tätigkeit Mischtschuks Unzufriedenheit erregt habe und daß an seine Stelle der Kriminalbeamte Krassowski, ein früherer Bekannter des Zeugen, nach Kiew berufen sei. Zeuge wendet sich an Krassowski mit der Bitte, ihn an den Recherchen teilnehmen zu lassen, worauf Krassowski, der die Untersuchung allein führen will, aber nicht eingeht. Aus der bald darauf erfolgenden abermaligen Verhaftung der Angehörigen, diesmal auch des Onkels des Ermordeten, Njeschinskis, ersieht Zeuge, daß Krassowski die Spuren Mischtschuks weiter verfolgt. Als darauf auch Wera Tscheberjak verhaftet wird, sucht Zeuge von Krassowski Informationen zu holen, ihm wird aber nur die Antwort: „Stören Sie nicht, der Fall ist ernst.“ Kurze Zeit darauf hört Zeuge, daß ein Jude aus der Saizewschen Ziegelei, dessen Namen er nicht kannte, verhaftet worden sei. Zeuge begibt sich zu Krassowski und fragt ihn, wer der Verhaftete sei. Es war spät am Abend, gegen 12 Uhr, Krassowski war gerade nach Hause gekommen. Nervös zog er seine Uniform aus und sagte: „Weiß der Teufel, das ist ja eine Niederträchtigkeit, man kann doch einen unschuldigen Menschen nicht auf die Anklagebank bringen!“ Weiter habe Zeuge nichts aus Krassowski herausbringen können. Erst auf der Polizei habe er erfahren, daß der Verhaftete ein gewisser Mendel Beilis wäre. „Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte, einerseits war mir bekannt, daß Indizien gegen die Verwandten vorhanden waren, und nun diese Worte Krassowskis! Es wurde mir klar, daß die Untersuchung in bestimmter Richtung ging, daß gegen diesen Juden eine spezifische Anklage geschaffen würde.“ Im August hört Zeuge, daß Krassowski Kiew verläßt, und vor dessen Abreise befragt er ihn nochmals nach dem Stand der Angelegenheit. „Ich kann Ihnen nichts sagen,“ erwidert Krassowski, „ich weiß es selbst nicht und jetzt fahre ich fort, weil ich nicht weiter kann.“ Auf die Bitte des Zeugen, ihm Informationen zu geben, sagt Krassowski nur: „Ich werde weiter nichts sagen, ich sage nur das eine, hier steckt die ganze Sache, das ganze Rätsel in der Wera Tscheberjak, halten Sie sich an die, und wenn Sie Glück haben, so wird der Fall enthüllt.“ Mit Krassowski arbeiteten zwei frühere Detektive — Polistschuk und Wygranow — die Zeuge beide kannte und von denen er oft Nachrichten bekam. Zeuge bekundet, Wygranow habe ihm den Vorschlag gemacht, mit ihm zusammen Recherchen anzustellen und dabei behauptet, er wisse, wer an dem Verbrechen teil habe. Es wäre eine Frau verdächtigt, die von dem Morde wissen solle, und mit dieser wolle er den Zeugen bekannt machen. Ende September habe er ihn dann wirklich bei der Tscheberjak eingeführt. Diese habe ihn liebenswürdig aufgenommen und sich bereit erklärt, ihm bei seinen weiteren Recherchen zu helfen. Bei einer der folgenden Zusammenkünfte habe Wera Tscheberjak gesagt: „Es ist jemand da, den ich im Verdacht habe, aber wer es ist, werde ich nicht sagen.“ Zeuge gibt an, diese Gespräche dem Chef der Ochrana, Iwanow, mitgeteilt zu haben, der ihm zu der interessanten Bekanntschaft gratuliert und gemeint habe: „Ich glaube, daß die Tscheberjak in dieser Sache nicht nur viel weiß, sondern ganz bestimmt viel verheimlicht.“ Auf die Initiative des Zeugen soll darauf eine Zusammenkunft zwischen Iwanow und der Tscheberjak stattgefunden haben. Die Tscheberjak habe dem Zeugen von dieser Zusammenkunft erzählt und dabei gesagt, Iwanow habe ihr für die Entdeckung des Mordes 600 Rubel versprochen; sie habe dabei hinzugefügt: „Wie merkwürdig niedrig er die Entdeckung eines so wichtigen Mordes einschätzt!“ Im Oktober schien die Tscheberjak der Sache müde geworden zu sein, sie beklagte sich, daß man sie drangsaliere, sie wolle sich nicht weiter mit den Recherchen befassen. Im November aber habe sie wieder gesagt, sie werde schon die Mörder finden, und habe auf den Stiefvater und den Onkel Justschinskis hingewiesen. Am Tage der Auffindung der Leiche habe sie nämlich einen schwarzen Mann an der Höhle stehen sehen, der gleich gesagt habe, das seien keine anderen, als die Juden gewesen. Am 29. November soll die Tscheberjak dem Zeugen und Wygranow fest versprochen haben, das Verbrechen zu entdecken. Als Zeuge dann mit Wygranow am 1. Dezember zur Tscheberjak kamen, lag sie verbunden im Bett. In Gegenwart ihres Mannes erzählte sie, sie sei auf der Straße von zwei unbekannten Männern verfolgt und mit einem Stück