Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 1489 den Prozeß vorgeht, wie der Antisemitismus mit teuflischem Geschick alle Versuche der Judenhei.t, die Schmach dieses Verfahrens abzuwehren, die Gutwilligen aufzuklären, unsere Entrüstung zu bekunden, wie er alle unsere Aktionen zum Arsenal macht, aus dem er Waffen gegen uns holt, wie er mit raffinierter Kunst die Sorge der Verantwortlichen, die Furcht der Kleinen und Armen, die Indolenz und Selbstgefälligkeit der Satten in Kräfte umzusetzen weiß, die seiner Macht, dienstbar werden, die den Jammer der jüdischen Gegenwart noch mehr aufwühlen. Einige Streiflichter: In Wien war das Mandat des von Mörderhand gefallenen sozialdemokratischen Abgeordneten Schuhmeier neu zu besetzen. Es kommt zur Stichwahlzwischen dem Antisemiten und dem Sozialdemokraten und die zahlreichen jüdischen Stimmen sind gewichtig. Da rufen die Judenhasser: Juden, ihr nennt euch loyale Staatsbürger und habt erst jüngst einen Tempel nach dem Kaiser Franz Josef benannt. Gebt ihr die Stimmen dem „Umsturzmann“, seid ihr der Lüge überwiesen. Lügnern darf man nichts glauben, folglich auch nicht ihren Schwüren, es gebe keinen Ritualmord. Sorgt also dafür, daß der Antisemit, euer Henker, bei der Wahl durchdringt — oder wir sorgen dafür, daß man in Oesterreich mehr als bisher an das Blutmärchen glaubt. . . . Einige herzhafte jüdische Männer haben es längst als kläglich und würdelos erkannt, nachzuweisen, daß wir kein Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen. Das Blut kocht ihnen in den Adern, sie genügen der heiligen Pflicht, die Öffentlichkeit aufzuklären, daß der Beilisprozeß ein politischer Prozeß ist und legen den jüdischen Kapitalisten nahe, doch nicht einem Staate die Finanzmittel zu liefern, mit denen er Folterwerkzeuge für die Judenheit schmiedet. Sofort wird proklamiert: Völker Europas, wahret vor den Juden euere heiligsten Güter*! Sie suchen durch Geldkorruption die Sicherheit und Reinheit des Gerichtsverfahrens zu erschüttern. Zahlreiche Gutmeinende, die noch immer wähnen, sie ständen wirklich in einem „Kampfe um die Wahrheit“, wenden sich an katholische Priester und Kirchenfürsten und einzelne, so ein böhmischer Geistlicher, der den rühmlichen Protest hervorragender Vertreter des böhmischen Volkes mit Unterzeichnete, erheben ihre Stimme spontan gegen den Blutwahn. Sofort wird in die Massen getragen, die „Alliance Israelite“ trenne das christliche Volk von seinen Seelsorgern, um es dann leichter zu ..unterdrücken“, und den Juden wird wohlwollend zugerufen: ..Laßt das frevle Spiel,, wir lehnen jede Verantwortung ab, wenn sich das gläubige, katholische Volk, dessen Hirten ihr für eure Zwecke mißbraucht, gegen Euch erhebt. . . .“ Der moderne Judenhaß muß aber damit rechnen, daß diese — darüber täusche man sich nicht! — in manchen jüdischen Kreisen ganz bestimmt wirkungsvollen Mittel der Einschüchterung und Warnung häufig versagen. Er muß kalkulieren, ob die grausam klugen Maßnahmen, welche bewirken sollen, daß sich die Judenheit in ihrem Kampfe gegen den Kiewer Ritualmordprozeß nur tiefer in das antisemitische Dornennetz verstrickt, die Schlingen fester zieht, diesmal vielleicht doch nicht genügen, um dem Verfahren gegen Beilis den „ungestörten Verlauf“ und erwarteten Erfolg zu sichern, daß am Ende trotzdem die Welle der Empörung riesig anschwillt, andere Gerechte und Bedrückte mitreißt und den ganzen die Gegenwart tief kompromittierenden Betrug entlarvt. Darum wird noch ein anderes Mittel angewendet, das wirken soll, wo die geballte Faust und das Vorhalten des Schreckensbildes einer martervollen Zukunft erfolglos blieben. Es wird ungefähr geflötet: „Jüdische Mitbürger! Niemand glaubt daran, daß die jüdische Religion als solche, daß eure heiligen Bücher, die auch uns heilig sind, den Gebrauch von Christenblut bei der Bereitung von Osterbroten vorschreiben. Wohl aber kann es Vorkommen — und soll schon wiederholt vorgekommen sein — daß ein verbohrter Fanatiker aus Christenhaß eine solche Tat verübt, oder daß eine ganze Sekte dieses Verbrechen in religiösem Wahnwitz begeht. Leugnet doch nicht diese Möglichkeit. Ihr zivilisierten. in unserer Mitte lebenden üidischen Mitbürger kompromittiert euch ja, wenn ihr euch mit einem Manne identifiziert, der wegen eines so scheußlichen Mordes auf der Anklagebank sitzt. Tretet ihr für ihn ein und wird er überwiesen, dann seid ihr mitverurteilt. Sagt euch also von ihm los und lasset das ordnungsmäßig bestellte, beeidete Geschworenengericht seines Amtes walten. . . .“ Wer sieht nicht das Bild des gefürchteten spanischen Großinquisitors vor sich, wie es Zuloaga malte, wer hört nicht die süßmilde, giftige Stimme, die zum Marannentum, zur entsetzlichen Lüge, zum Blutfrevel lockt und dafür Schonung zusagt? Der Judenhaß sitzt jetzt wieder auf der Lauer; und wohl noch nie hat die gegenwärtige jüdische Generation so sehr, wie in diesen Tagen des Beilisprozesses die ganze Schwere des Judenproblems empfunden. Auf Schritt und Tritt Falleisen, Wolfsgruben. Mit abgefeimter Tücke wird jede Regung jüdischer Empörung erdrosselt, jeder Ruf nach Respektierung unserer Ehre in Verleumdungen erstickt. In der Atmosphäre dieses wohlorganisierten Hasses, der zynisch anstrebt, den Bruder vom Bruder zu reißen, den Verrat zu züchten und aus Staatsbürgern zittrige Sklaven zu machen, wachsen unsere Kinder auf. — Mögen die Juden in diesen harten Wochen der Prüfung erkennen, wie der organisierte, wohlfrisierte, von Zivilisation triefende, weltumspannende Judenhaß uns zermürbt, demoralisiert, vergiftet! Dann müßten sich die Kräfte der zionistischen Bewegung über Nacht verzehnfachen. Der Kiewer Prozess (Ausführlicher Spezialbericht für die „Welt“) Zehnter Verhandlungstag Bei Beginn der Verhandlungen erklärte Schmakow, daß er auf die Vernehmung der von ihm als Zeugen geladenen Kinder Lukaschin und des Nasari Sarutzki verzichte, worauf der Staatsanwalt erwidert, er brauche zwar die Zeugen nicht; da aber Zeugin Tschechowskaja behauptet habe, die Tscheberjak hätte die Aussage Sarutzkis beeinflussen wollen, so könne er auf das Verhör Sarutzkis nicht verzichten. Die Verteidigung stimmte dem bei. Das Gericht beschließt, Sarutzki zu vernehmen. Es folgt das Verhör des elfjährigen Nasari Sarutzki. Nach den Angaben der Tscheberjak soll auch er auf dem Mjalo (Knetrad) gewesen sein, als angeblich Beilis den Andreas ergriffen und zum Ziegelofen weggeschleppt hätte. Der Kleine bestreitet, einer derartigen Szene je beigewohnt zu haben. Auch hätte Sehen ja niemals etwas ähnliches erzählt. Früher, vor Errichtung des Zaunes, hätten die Kinder auf dem Mjalo gespielt; über den Zaun wären sie nicht geklettert. Mendel (Beilis) wäre ihnen nie nachgejagt. Ein für die Kläger unbequemer Zeuge. Nicht umsonst wollte Schmakow ihn loswerden. Nicht umsonst ist der kleine Bube einem qualvoll verwickelten, bösartigen Verhör unterzogen worden. Die Ankläger haben sich alle Mühe gegeben, den Kleinen in Widersprüche zu verwickeln — erfolglos; der