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Die Welt · 1913-10-31 · 44 (31.10.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
44 (31.10.1913)
Date
1913-10-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1488 Nr. 44 fassung mit Bezug auf die jüdische Diaspora haben. Die Diaspora ist auf Kompromisse, Ausgleiche und Zugeständnisse angewiesen . . . 'Aber in Palästina! Dort ist ja die politische Struktur ganz anders, dort fehlt ja jeder Ausgangs- und jeder Zielpunkt für eine Assimilation, jede Spur eines kulturell überlegenen Milieus, dort sind ja die Juden auf sich selbst angewiesen, und sollen alle ihre Gruppen in innigster Verknüpfung und Zusammengehörigkeit etwas Fruchtbares schaffen, so müssen sie ja eine gemeinsame Sprache haben! Dort hat ja unsere Nationalsprache auch schon im Laufe einer kurzen Zeit einen Aufschwung genommen, der die kühnsten Erwartungen übertroffen hat! Ob man Naturwissenschaften in hebräischer Sprache vortragen könnte? — Möge man doch die Tatsachen sprechen lassen! Wir haben ja schon hebräische Gymnasien! Wohl ist dem Gedanken nicht alle Berechtigung abzusprechen, daß das Technikum in der ersten Zeit bei ganz speziellen Fächern vielleicht betreffs des Hebräischen noch nicht ganz rigoros verfahren könnte, aber diese Sorge könnte man leichten Herzens den Fachleuten überlassen. Man konnte auch wegen der gewünschten Sprachenkenntnisse ruhig sein; die Juden, besonders im Orient, erlernen alle Sprachen leicht. Zunächst handelte es sich um die Mittelschule und um das Prinzip. Hebräisch ist in Palästina das Gegebene, das einzige Neutrale. Dieses Verständnis schien uns auch außerhalb des Zionismus in sämtliche gut jüdischen Kreise gedrungen zu sein. Inmitten der unaufhörlichen Wanderungen und Streifzüge der Diaspora durchströmte jedes jüdische Herz das Bewußtsein mit beseligendem Gefühl, daß im Lande der Ahnen ein Mittelpunkt für nationaljüdische Energien und damit auch ein sicherer Kompaß und Leitstern für das jüdische Geistesleben geschaffen worden ist. Deshalb zweifelten wir nicht daran, daß eine Unterrichtsanstalt, die in der jetzigen Renaissance-Periode in Palästina durch die Gesamtkräfte des Judentums geschaffen werden soll, die hebräische Sprache als d i e Unterrichtssprache einführen werde. So sehr wir die Verdienste der Mitglieder des Kuratoriums schätzen und ihre persönliche Ehrenhaftigkeit anerkennen und so sehr wir es bedauern, das uns bisher verknüpfende Band, bis sie ihren Irrtum einsehen, zerschneiden zu müssen, so ist es doch unsere Pflicht, zu erklären, daß der Beschluß des Kuratoriums nach jeder Richtung einen verhängnisvollen Fehler darstellt. Es geht nicht an, mit ein paar allgemeinen Wendungen, darüber hinwegzugleiten, daß das Hebräische aus dem Lehrplan der wichtigen allgemeinen Disziplinen ausgeschaltet worden ist. Die national-jüdische Intelligenz des neuen Jischub, deren Streben und Sehnen, Wünsche und Hoffnungen naturgemäß der Wiederbelebung der Sprache eben inallem, was frisch und jugendlich ist, gelten, wird eine solche Einschränkung wie einen Peitschenschlag ins Gesicht empfinden. Es muß auf entschiedenen Widerspruch stoßen, wenn behauptet wird, daß das Hebräische eine Fühlungnahme mit der wissenschaftlichen Welt nicht zulassen würde. Wir können diese Besorgnis durchaus nicht teilen, glauben vielmehr, daß die Zöglinge unserer hebräischen Gymnasien und unserer zukünftigen hebräischen Universität auf der Höhe der Kultur stehen werden. Wir vermissen in dem Sprachenmosaik, daß der Beschluß des Kuratoriums vorsieht, jedes wohlüberlegte Ziel, aber auch jede Planmäßigkeit. Die Inkonsequenzen, die daraus entstehen müssen, sind nicht zu zählen. Wir sammeln glühende Kohlen auf unser Haupt, wir öffnen dem Neid und der Rivalität Tür und Tor, wenn wir dort irgendeinen fremden europäischen Kulturimport bevorzugen! Wem könnte es nützen, wenn wir den Anschein erwecken, als ob wir für andere, und nicht für unsere eigenen Bedürfnisse tätig sind? Tatsächlich sind wir doch unsere eigenen Kulturträger und wir sind doch mündig genug, um wenigstens dort, auf dem klassischen Heimatsboden des Hebräischen, unsere eigene Sprache anzuerkennen! Die höchsten Interessen des Judentums stehen hier in Frage. Die Pflege des Hebräischen in Palästina ist nicht exotische Liebhaberei, nicht eine populäre Augenblicksströmung, nicht graue Theorie, sondern entspricht dem wirklichen und dauernden Interesse unserer Volksgemeinschaft und bildet die Richtschnur für eine vernünftige und idealistische Volkserziehung. Was unserer Jugend Schwung und Adel verleiht, unsere Männer stark und arbeitsfreudig macht, und was unser Volk auf der Bahn gesunder Entwickelung zu halten vermag, ist gewiß nicht in letzter Linie eben dieser Idealismus der Sprach-Renaissance. Es ist dies einer der tiefsten Eindrücke, den das neue jüdische Palästina jetzt auf jeden Besucher macht. Wie heller Glockenton ergreift die hebräische Sprache jedes jüdische Herz, jeden Juden an seine Pflicht mahnend und ihm ins Gedächtnis rufend, was er der Vergangenheit verdankt und was er der Zukunft schuldet. Fürwahr, das Band, das Palästina mit der hebräischen Sprache verbindet, ist zu innig, zu fest und zu heilig, als daß es durch zufällige Beschlüsse gelockert werden könnte. Aber im Interesse des großen Werkes bedauern wir, daß sich zwischen den allgemeinen palästinensischen Erwartungen und diesem Beschluß eine Kluft aufgetan hat, die schmerzliche Empfindungen und unliebsame Kontroversen hervorzurufen geeignet ist. Wir wollen von der Einsicht, dem Pflichtbewußtsein und dem sittlichen Ernst der Mitglieder des Kuratoriums erwarten, daß sie ihren Beschluß überprüfen und mit den wirklichen jüdischen Aufgaben in Palästina in Einklang bringen werden. N. 8. Auf der Lauer Von Dr. Otto Abeies Nach den letzten russischen Pogromen erschien die jüdische Zeitung „Das Leben“ mit einem Titelbilde, das eip erschütterter Künstler gezeichnet hatte. In einem wilden Dornengestrüpp hingen kopfabwärts nackte Menschenleiber, die mit ihren Zuckungen die Todesschlingen immer enger zogen. Um das Dornennetz lagerten Schlangen mit Köpfen der Hooligans, mit lüsternen Blicken die Befreiungsversuche ihrer Opfer verfolgend, die nur bewirkten, daß sich die Spitzen tiefer ins Fleisch bohrten. An diese furchtbare Zeichnung wird man jetzt erinnert. Jetzt hockt es da, breit, gemästet, gierig, das Ungeheuer, und leckt sich die Lippen. Jetzt hat sich der Judenhaß, in seiner von tausend Geschlechtern gezüchteten Reinkultur, eine große Schaubühne errichtet, hat das Fremdvolk vor sich, gleichsam im Zirkusraum, zusammengejagt und weidet sich an seiner fiebernden Nervosität, an der bleichen Angst vor der Zukunft, an der lächerlich ohnmächtigen Empörung. Jetzt präsentiert er sich in seiner souveränen, das ganze Register moderner Organisationskunst beherrschenden Macht — der Antisemitismus des Zeitalters der technischen Wunder und der kalten Skrupellosigkeit. Jetzt mag, wer immer die Kraft hat, sich über den engen Kreis seines persönlichen Interesses hinauszuheben und die unsäglichen Wirrsale des Lebens zu überblicken, einen Augenblick innehalten und überlegen, was die beiden Worte bedeuten: Judennot und Judenfrage. 1 Schalten wir einmal das Tatsächliche der Kiewer Tragödie, die in diesen Blättern Akt für Akt aufgerollt wird, vollkommen aus. Betrachten wir, was rund um

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