Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 43 (23.10.1913)
- Date
- 1913-10-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1472 Nr. 43 DIE3§KELT Nationalsprache an, -die gesamte palästinensche Presse der Juden ist hebräisch, kein einziger denkt an eine Assimilation mit irgendwelchen anderen Völkern — und das ist eben Zionismus. Die Spezies der Antizionisten müßte hier erst künstlich gezüchtet werden. Die Frage, ob antizionistisich gesinnte Professoren an einer jüdischen Universität in Jerusalem werden dozieren dürfen, gleicht etwa der Frage: ob antideutsch gesinnte Professoren in Deutschland dozieren dürfen. Was soll man darauf antworten? Ein archäologisches Institut in Palästina Baron Edmund Rothschild ist es gelungen, ein großes Gebiet in Palästina zum Zwecke archäologischer Studien anzukaufen. Der Baron hofft, mehrere Gräber und Reliquien aus der Zeit des jüdischen Reiches ans Licht zu bringen und die Gegenstände in einem Gebäude unterzubringen, das auf dem genannten Gebiet errichtet und zu einem jüdischen Museum ausgestaltet werden soll. Da die kaiserliche Erlaubnis hierzu bereits eingetroffen ist, soll mit den Forschungsarbeiten demnächst begonnen werden. Protest-Kundgebungen gegen die Ritualmordlüge Sechs jüdische Protestversammlungen in Berlin Der Reichs verein deutscher Juden hatte für den 20. Oktober zwei Protest Versammlungen in dem Saal des Tiergartenhofes und in die Sophiensäle einberufen. Beide Säle waren lange vor der angesetzten Zeit überfüllt, so daß im letzten Augenblicke noch weitere vier Versammlungen arrangiert werden mußten, die alle zusammen von weit über sechstausend Personen besucht waren. In allen Versammlungen sprachen insgesamt zwölf Redner, die alle gespannte Aufmerksamkeit und lauten Widerhall bei den versammelten Massen fanden. Es war eine mächtige Demonstration der Judenschaft Berlins, die ihre Solidarität mit dem Gesamtjudentum in feierlicher Weise bekundete. In der Hauptversammlung im Tiergartenhof sprach zuerst Herr Dr. Franz Oppenheimer: „Unser Protest wird in Rußland keinen Eindruck machen, denn die leitenden Kreise dort haben jedes Verantwortungsgefühl verloren. Aber vielleicht können wir das Gewissen Europas erschüttern, wenn wir darauf hinweisen, daß Europa für die russischen Geschehnisse mit die Verantwortung trägt.“ Es folgte Herr Dr. Georg Witkowski, der die Vorgeschichte des Prozesses und den Charakter der Anklage darlegte und ausrief: „Wenn jeder einzelne von uns die Schmach seines Volkes empfindet und das Gelübde ablegt, nicht zu ruhen und zu rasten, bis der Geist der Solidarität alle Juden erfüllt, dann wird auch dieser furchtbare Prozeß für uns zum Guten gewesen sein.“ — Herr Dr. Heinrich Loewe sagte, die leitenden Kreise in Rußland seien gewohnt, die Flammen der Rache für ihr ungeheures Unrecht in jüdischem Blute zu ersticken. „Man wird Beilis morden, wie man so viele tausende Juden gemordet hat, wir aber heben unsere Hände hoch, sie sind rein von diesem Blute.“ — Herr Hermann Struck wies auf das ausführliche Gutachten des Kardinals Ganganelli, des späteren Papstes Clemens XIV. hin, der die Ritualmordanklage auf das Nachdrücklichste verurteilt hat. Es gibt nur einen Weg, die russischen Juden zu retten, das ist der, sie aus dem eisernen Schmelzofen Rußlands hinaus in die Freiheit ihres eigenen Landes zu führen. — Herr Dr. Schemarja L e v i n, Mitglied des E. A. C. der zionistischen Organisation und gewesener Abgeordneter der ersten russischen Duma, führte aus: „Dieser Prozeß ist nur ein Ring in der Kette der Verfolgungen, denen die russischen Juden ausgesetzt sind. Furchtbarer noch als alle Verfolgungen ist der Ausschluß von den höheren Schulen und damit von der Kultur und der freien Menschenwürde. Die Möglichkeit solcher Behandlung beruht auf der Lage des jüdischen Volkes. Ein Volk, das keine Vertretung hat, ist der Willkür der Umgebung preisgegeben. Wir müssen uns für eine Vertretung vorbereiten und da gibt es ein Mittel: Bereiten wir unsere Jugend vor, zeigen wir ihr, daß wir die Verantwortung für jeden einzelnen Juden übernehmen, der jetzt lebt, sowie für die ganze lange Vergangenheit des Judentums. Wir übernehmen die Verantwortlichkeit für die Vergangenheit — aber auch die Verantwortung für die Zukunft werden wir keinem Fremden überlassen.“ — Der letzte Redner, Herr Dr. Alfred Klee, setzte auseinander: Wenn die Juden der ganzen Welt sich als eine geschlosse ne Einheit fühlen, die um ihre Volksehre ringt, dann wäre es tausendmal besser um uns bestellt. Aber wir erleben es, daß man in jüdischen Gemeinden Deutschlands die Frage ernstlich aufwirft, ob man den ausländischen Juden die Gleichberechtigung in der Gemeinde geben soll. Wir lösen die Judenfrage nur durch Liebe zu unseren Brüdern. Sehen wir, daß in Liebe und Treue an der Wiedererweckung des großen Gedankens der Einheit gearbeitet werde, wo nur immer sich die Bande lockern. Ein Gott, ein Volk!“ Am Schlüsse der Versammlung schlug der Vorsitzende, Fabrikdirektor Lichtenstein, eine Resolution vor, die einstimmig angenommen wurde. Sie hat folgenden Wortlaut: „Die vom Reichsverein deutscher Juden einberufene jüdische Volksversammlung erhebt aus Anlaß des Kiewer Beilisprozesses feierlich Protest gegen die ungeheuerliche Beschuldigung, daß es Juden gäbe, die zu Religionszwecken Menschenblut verwendeten. Sie brandmarkt es als einen Schandfleck unserer Zeit, daß man es wagen kann, einen solchen wahnwitzigen Verdacht zu erheben gegen ein Volk, das drei Jahrtausende menschheitlicher Hochkultur durchlebt und die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Solidarität der gesitteten Menschheit fordert die Versammlung die ganze Kulturwelt auf, gemeinsam mit dem jüdischen Volke den Kampf gegen die finstere Barbarei zu führen und ihm zu helfen, die geschändete Menschenwürde und verletzte Volksehre zu verteidigen und zu schützen.“ Protestversammlung in Budapest Die Vereinigung zionistischer Hochschüler „Makkabäa“ veranstaltete (am IS. d. Mts. eine große Protestversammlung gegen die Ritualmordlüge. Das alte Parlamentsgebäude sah wohl kaum jemals eine solch große Menschenmenge. Lange vor Beginn waren der geräumige Saal und sämtliche Galerien überfüllt. Sämtliche Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession und Nationalität waren vertreten. Unter den Anwesenden befanden sich, der Präsident der Israelitischen Landeskanzlei, Dr. Moriz M e z e i, der Präsident der Pester jüdischen Gemeinde, Ludwig Adler, der Vizepräsident der der C'hebra Kadischa, Julius Adler, viele hervorragende Vertreter des öffentlichen Lebens, Seelsorger der christlichen Konfessionen, viele Professoren usw. Die Versammlung wurde mit einer schwungvollen Rede unseres Gesinnungsgenossen Nison K o b a n eröffnet. Es sprachen dann der evangelischreformierte Seelsorger Dr. Beno H a y p ä 1, Rabbiner Dr. Simon Hevesi, der Präsident der Israelitischen Landeskanzlei Dr. Moriz M e z e i und Gesinnungsgenosse Dr. Bela Oesterreicher, der im Namen der Ungarländischen Zionistischen Organisation eine geharnischte Protestresolution unterbreitete, die einstimmige Annahme fand. Die überaus würdevoll verlaufene Versammlung war die größte jüdische Versammlung, welche in Budapest stattfand. — An die Hunderte, die nicht mehr in den Saal gelangen konnten, hielten der Parteisekretär Dr. Josef Schönfeld, Dr. Ludwig Dömeny und Ludwig Simon in der Vorhalle zündende Ansprachen.