Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 43 (23.10.1913)
- Date
- 1913-10-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 LT 1469 Heißt so etwas in antisemitischen Kreisen nicht sonst — „jüdisch“? Unter anständigen Leuten nennt man es freilich anders, wenn jemand durch solche Vorspiegelungen für seine Ware Käufer anlockt. Ein jüdischer Unterstaatssekretär in der Türkei Aus Konstantinopel erhalten wir die Nachricht, daß Jecheskel Sassoon Effendi, früheres Bagdader Mitglied der Deputiertenkammer, zum Unterstaatssekretär im Ministerium für Handel und Ackerbau ernannt worden ist. Sassoon Effendi, der in England studiert hat, wurde seinerzeit von allen Wählergruppen einstimmig ins Parlament gewählt, und auf seine jetzige Ernennung haben die Muhammedaner, hauptsächlich die Araber, hingearbeitet. Es ist dies das erste Mal, daß ein Jude in der Türkei in eine so hohe Staatsstellung gelangt.. Die katholische Geistlichkeit in Ungarn und die Ritualmordlüge (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. In den schweren Tagen, die dem jüdischen Volke jetzt beschieden sind, haben in unserem Lande hohe Würdenträger der katholischen Kinche über die Ritualmordlüge sich in einer Weise geäußert, die den extremen Antisemitismus dieser Kreise scharf beleuchtet. Der erste katholische Kirchenfürst Ungarns, Fürstprimas Johann Csernoch erklärte: „. . . . Ob konkrete Fälle als Ritualmord oder als gewöhnlicher Mord zu qualifizieren sind und welche individuellen, fanatischen und sektiererischen Auffassungen — wenn die kompetenten Stellen -den betreffenden Fall als einen Ritualmord qualifizieren — zur Begehung solcher Taten als Motiv dienen können, darüber kann man sich nur bei eingehender Kenntnis sämtlicher Einzelheiten der betreffenden Handlung eine Meinung gestatten.“ Der Fürstprimas stellt sich mit dieser Erklärung in Gegensatz zu den vielen päpstlichen Bullen und wissenschaftlichen Feststellungen, welche den Ritualmord in das Gebiet der böswilligen Märchen verweisen. Noch weiter ging in seinen Aeußerungen das Oberhaupt der ungarischen Jesuiten, Pater Tomcsänyi. Einem Journalisten gegenüber stellte er es direkt in Abrede, daß es päpstliche Bullen und Aeußerungen gegen die Ritualmordlüge gebe. „Wenn ein katholischer Priester so etwas sagte, war er unwissend, oder er sagte eine Unwahrheit. Kein einziger Papst hat gesagt, daß es keinen Ritualmord gebe.“ Es gibt im Talmud eine Stelle — erklärte er weiterhin — die man in diesem Sinne deuten kann. Der Interviewer interessierte sich für diese Stelle, doch der Pater wollte diese Stelle trotz des langen Zuredens nicht bezeichnen. Pater Tomcsänyi ist zugleich das geistige Oberhaupt der Zehntausende von Mitgliedern - zählenden Marianischen Kongregationen, die die Pflanzstätten des wildesten Antisemitismus sind. Der maßlose Judenhaß ist bereits so weit geschürt, daß es nur eines Anlasses bedarf, damit er mit einer Vehemenz ausbreche, die den antisemitischen Exzessen in Rußland kaum nachstehen dürfte. Schon geht der einflußreiche Jesuitenpater und Führer der katholischen Jugend in seinem blinden Fanatismus so weit, daß er das Vorhandensein päpstlicher Bullen leugnet, um dem Judentum diese Verteidigungswaffe zu entwinden. Hebräisches Schulwesen in Galizien Es ist außerhalb Oesterreichs wenig bekannt, daß in Galizien fast jede Ortschaft, die eine größere jüdische Bewohnerzahl hat, eine moderne Volksschule mit hebräischer Unterrichtssprache aufweist — nicht zu verwechseln mit den altmodischen Chadarim und Talmud- Thoras, in denen nur religiöse Disziplinen gelehrt werden. Die hebräischen Schulen entbehren jedoch bisher einer einheitlichen obersten Leitung. Es besteht zwar ein Verein der hebräischen Schulen Galiziens und der Bukowina sowie ein Verband der hebräischen Lehrer Oesterreichs, doch ist es diesen Organisationen noch nicht gelungen, das hebräische Schulwesen einheitlich zu gestalten und ihm ein festeres Gefüge zu geben. Nunmehr hat die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Histadruth Ibrith), deren Zentrale sich in Berlin befindet, beschlossen, den hebräischen Schulen Galiziens ihr besonderes Augenmerk zuzuwenden. In ihrem Aufträge bereist gegenwärtig der Leiter der jüdischen Schule in Saloniki und bekannte Schriftsteller Isaak Epstein Galizien, um die hebräischen Schulen des Landes zu inspizieren und in die dortige hebräische Sprachbewegung mehr Leben zu bringen. Herr Epstein hat bereits die Schulen in Bielitz-Biala, Chrzanow, Krakau, Rzeszöw, PrzemysI, Stanislau und Drohobycz besucht. Das im Vorjahre begründete hebräische Lehrerseminar in Lemberg eröffnet soeben seinen zweiten Jahrgang. Im verflossenen Jahre waren sämtliche Zöglinge im Seminarintemat untergebracht. Anfang dieses Schuljahres wurde in Lemberg ein hebräischer Kindergarten unter Leitung des Herrn Bafuch Berkovits eröffnet. Sir Rufus Isaacs zum Lord Oberrichter von England ernannt Die vor wenigen Tagen erfolgte Berufung des Sir Rufus Isaacs, der im Alter von 53 Jahren steht, war bereits seit einiger Zeit in englischen Richterkreisen erwartet worden. Sir Rufus Isaacs trat 1904 als Liberaler in das Unterhaus ein, beschäftigte sich aber weniger mit der Politik als mit seinem juristischen Beruf. 1910 wurde er zum Solicitor General ernannt, und bald darauf zum Kronanwalt. In dieser Stellung wurde Sir Rufus Isaacs als erster dem Kabinett beigegeben. Seine ungewöhnlichen Leistungen in dieser Stellung sind bekannt. Seine Bedeutung liegt aber weniger auf politischem als auf juristischem Gebiet. Hebräisch an einer öffentlichen Volksschule in Oesterreich In der letzten Sitzung des Kultusrates in Czernow i t z, unter dem Vorsitze des Präsidenten Abg. Dr. Benno Straucher, referierte Professor Dr. Brenner über den Antrag der Schulsektion auf Abänderung des hebräischen Unterrichtes an der öffentlichen Volksschule der Kultusgemeinde. Der Referent führte aus, daß die Schule nur als nationale Schule Existenzberechtigung habe. Die wichtigste Aufgabe der Schule sei die Heranbildung in jüdischem Geiste. Dazu sei der Unterricht im Hebräischen als lebender Sprache vorzüglich geeignet. Demgemäß beantrage die Schulsektion, den hebräischen Sprachunterricht an der öffentlichen Volksschule der Kultusgemeinde nach der Methode J b r i t h b’ibrith einzuführen. Der Antrag wurde einhellig zum Beschluß erhoben. Die Volksschule der Judengemeinde Czernowitz ist somit die erste öffentliche Volksschule in Oesterreich. in welcher der Unterricht im Hebräischen als lebender Sprache eingeführt wurde.