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Die Welt · 1913-10-23 · 43 (23.10.1913) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
43 (23.10.1913)
Date
1913-10-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 43 DiE3feELT= - ■ --== ------ - - - -- 1465 er unschuldig ist und bittet um häusliche Nachrichten. B e i - I i s erklärt, er hätte die Briefe geheim übermitteln wollen, weil man ihm kein Zusammentreffen mit seiner Frau erlaubte. Er habe erfahren wollen, wie es zu Hause zugehe, was die Kinder machen, ob sich jemand um ihn kümmere. Er hätte keine Brille gehabt und deshalb den Puchalski ersucht, die Briefe für ihn zu schreiben. Vert. Karabtschewski macht darauf aufmerksam, daß unter den Personen, die Beilis angeblich zu vergiften .gewünscht hätte, auch Nakonjetschny vorkomme. Vert. Grusenberg macht die Geschworenen auf folgende Sätze des Briefes aufmerksam: „Ich leide unschuldig, bin kein Mörder, kein Dieb, du weißt es ja, daß ich unschuldig bin" . . . Nach dem Verhör der Gefängnisaufseher Krupski und Omeljanowsk wird die Sitzung geschlossen. Achter Verhandiungstag Die heutige Sitzung, die durch die bevorstehende Vernehmung des Polizeiagenten Polistschuk und der Familie Tscheberjak spannende und aufregende Momente zu bringen versprach, hatte zahlreiches Publikum angelockt, so daß der Saal bis aut den letzten Platz gefüllt war. Ehe Vernehmung des früheren Arbeiters Bogdanowski, eines schwerfälligen alten Mannes, der schon 31 Jahre auf dem Saizewschen Grundstück wohnt und dort die Stelle eines Wächters bekleidet, bietet nur insofern Interesse, als Zeuge bestätigt, daß der Zaun der Ziegelei bereits 1910 erneuert wurde. Es wird dann Aron Beilis, der Bruder des Angeklagten, vernommen, der von seinem Recht der Zeugnisverweigerung keinen Gebrauch machen will. Er sagt aus, daß Mendel eine Zeitlang Kühe gehalten habe, 1911 aber keine mehr besaß, da er sie behufs Zahlung von Schulden verkauft hatte. Zeuge berichtet, Mendel hätte bis zum Jahre 1907 die Zubereitung von Mazzes, die der alte J. Saizew auf seinem nahe von Kiew gelegenen Gute für sich und seine Angehörigen backen ließ verwaltet. Der alte Saizew wäre Chassid und sehr fromm gewesen, die Mazzenbäckerei hätte daher unter Aufsicht zweier Rabbiner und eines gewissen Obuchowkaer stattgefunden.. Mendels Aufgabe hätte darin bestanden, das nötige Personal zum Kneten und Rollen des Teiges zu mieten, die Einkäufe zu besorgen, den Lohn auszuzahlen und die Mazzes nach der Stadt zu befördern. Seit 1907, dem Tode des alten Saizew, wäre diese Mazzesbäckerei eingestellt worden. Nachdem sich der Staatsanwalt nach dem genannten Obuchowkaer erkundigt und erfahren hat, daß das ein Verwandter Saizews wäre, macht er darauf aufmerksam, daß Kosatschenko ausgesagt habe, Beilis hätte den Laternenanzünder und einen gewissen Obuchowkaer vergiften wollen und ersucht den Angeklagten um Auskunft über die Personen. Der Gerichtspräsident macht den Angeklagten darauf aufmerksam, daß es ihm freigestellt sei, ob er die Auskunft erteilen wolle. Beilis erhebt sich hastig vom Sitze und ruft lebhaft: „Ich will, ich wi 11." Er gibt an, dieser Obuchowkaer habe das Amt eines Aufsehers ausgeübt. Da in der Bäckerei Christen und Juden arbeiteten, so habe eine Person, die die jüdischen Gesetze genau kannte, darauf achten müssen, daß die rituellen Vorschriften befolgt würden. Die Frage, ob die Mazzenbäckerei unter rituellen Zeremonien und Gebeten vor sich gegangen wäre, verneint der Angeklagte und erklärt, daß die Aufgabe der Rabbiner lediglich darin bestanden hätte, darauf zu achten, daß nichts Gesäuertes in den Raum gelange, wo die Mazzen gemacht wurden. Die Menge der vor Ostern zubereiteten Mazzen gibt Beilis mit 50—80 Pud an. Vom Gerichtspräsidenten darauf aufmerksam gemacht, daß er zu rasch spreche, bemüht sich der Angeklagte langsamer zu reden. Er erklärt dann, daß der Obuchowkaer, aer die Mazzenfabrikation überwachte, nicht diesen Familiennamen trägt, sondern nur so genannt würde, weil er aus Obuchowka stammte. Darüber befragt, ob er gehört habe, was Kosatschenko in bezug auf den Obuchowkaer gesagt habe, erwiderte Beilis: „Ich habe es gehört." „Ist das wahr oder nicht?“ Beilis: „N ichts, absol ut nichts habe ich davon zu ihm gesagt. Ich habe keinerlei Unterhaltungen darüber mit Kosatschenko geführt. Wie hätte ich mit Kosatschenko wohl von Mazzen reden sollen?" (lachend) „nein, das hätte ich nie getan." (Heftig erregt): „Ich habe jhm mein Leid geklagt, das ist wanr.“ (Auf Nakonjetschni zeigend): „Dort sitzt der Mensch, ich kenne ihn gut, werde ich gegen ihn etwas Schlechtes sagen?" Während dieser Erklärung des Beilis fängt Nakonjetschni, der unter den Zeugen sitzt, laut zu schluchzen an, was allgemeine Aufmerksamkeit im Saal erregt. Er geht hinaus, ohne sein Schluchzen bemeistern zu können. Es folgt nun das Verhör des Polizeiagenten Polistschuk, der in der Voruntersuchung mitwirkte und in den Aussagen solcher Stützen der Anklage, wie die Schachowschen Eheleute, der Wolkiwna u. a. eine so gewichtige Rolle spielt, und der in der Voruntersuchung Beilis als den Mörder bezeichnet hat. Er ist klein, brünett, mit unsympathischen Gesichtszügen. Trotzdem er sich fein herausstaffiert hat, verleugnet sein Aeußeres nicht den ungebildeten Menschen, den er auch in seinen ungeschickt gezierten Redewendungen dokumentiert. Lieber den Mord sagt er nichts Neues. Alle seine Aussagen zielen darauf hin, den Chef der Detektiv polizei, Krassowski, in dessen Händen zuerst der Fall lag, anzuschwärzen und nachzuweisen, daß dieser mit Absicht die Spur von Beilis auf andere I ährten gelenkt hat. So hätten Schachowskis die ihm gegenüber gemachten Aussagen vor dem Untersuchungsrichter zurückgenommen, bei der Konfrontierung hätten sie alles wieder zugegeben, als er aber in den Korridor gegangen sei, hätten sie sie abermals zurückgezogen. Zeuge berichtet, daß das Gerede von der Schuld des Beilis immer lauter geworden wäre. Es habe sich herumgesprochen, daß auswärtige Juden in der Beilisschen Wohnung logiert hätten, daß sein Haus ein Bethaus wäre und daß dort Juden von fürstlicher Abkunft wären, kurz, daß dort so etwas wie eine Sekte existierte. Krassowski, der daraufhin in der Ziegelei Erkundigungen eingezogen hätte, habe dann gesagt, es wäre unmöglich, daß der Mord dort stattgefunden hätte. Dem Zeugen wird schlecht und er bittet um eine kleine Pause, um sich zu beruhigen und eine Zigarette zu rauchen. Nach 5 Minuten wird das Verhör fortgesetzt. Zeuge sagt aus, Njeschinski, der Onkel des Andreas, der später als am Morde beteiligt verdächtigt wurde, habe sich erboten. Recherchen anzustellen und sie dann auf Anordnung Krassowskis ausgeführt. Nachdem Krassowski aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß Beilis nicht der Mörder wäre hatte er Njeschinski verhaften lassen und die Spuren nach der Vorstadt, in der die Eltern des Ermordeten wohnten, gelenkt. Ueber den Tod der Tscheberjakschen Kinder weiß er auch zu erzählen. Er spricht unumwunden den Verdacht aus, daß Krassowski die Kinder vergiftet habe. Als Wera Tscheberjak verhaftet war, sei er mit Krassowski zu den Kindern gegangen, um sie auszufragen. Beide hätten den Kindern Konditorkuchen gebracht, um sie für sich zu gewinnen. Bald darauf seien die Kinder erkrankt. Zeuge hätte die Aufgabe gehabt, sich um die Kinder zu kümmern, und der Vater der Kinder hätte ihn sogar zuerst beschuldigt, die Kinder vergiftet zu Als Beilis verhaftet wurde, hätte sich Schneersohn versteckt, jedoch gibt Zeuge zu, daß Schneersohn aus Kiew nicht geflohen war. Die Frage des Verteidigers, warum Zeuge in der Voruntersuchung die Erzählung des Schenja vom Juden mit schwarzem Bart unerwähnt gelassen habe, bleibt merkwürdigerweise unaufgeklärt. Die weitere Frage des Verteidigers, ob die Wohnung des Beilis, in der angeblich sonderbare Juden fürstlichen Geschlechts verkehrt haben sollen und die eine Gebetstätte gebildet haben soll, groß wäre, weiß Zeuge, trotzdem er wiederholt das Haus besucht hatte, nicht zu beantworten. Auskünfte über die Tscheberjak hätte Zeuge, trotzdem er vom Mai bis September in Lukianowka Untersuchungen vorgenommen, nicht eingeholt. Den Verteidiger M a k 1 a k o w interessiert es, zu erfahren, was für ein Amt Polistschuk gegenwärtig bekleide. Zeuge will diese Frage nicht beantworten: Es sei dies ein konspiratives Regierungsamt. Vom Staatsanwalt befragt, sagt Zeuge, Malitzkaja hätte sich ihm gegenüber geäußert, das auffallende Geräusch in der Wohnung der Tscheberjak lediglich im Traume vernommen zu haben. Beilis wäre mit der Tscheberjak bekannt gewesen; über Geldangelegenheiten zwischen Beilis und Tscheberjak weiß Zeuge nichts zu berichten. Ob der Knabe Justschinski, als er nach dem Mjalo ging, einen Mantel an hatte, wäre nicht festgestellt worden, ln bezug auf die Frage, ob der Knabe Bücher mit sich getragen hatte, wären die Aussagen der Zeugen einander widersprechend gewesen. Vom Zivilkläger Schmakaw befragt, bekundet Zeuge, Andreas hätte öfters der Natalja sowie seiner Großmutter gesagt, er würde sie verlassen, sobald er seinen Vater gefunden haben würde. Der Natalja hätte der Knabe gesagt, er kenne eine Person, die ihm den Vate.- zeigen

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