Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 43 (23.10.1913)
- Date
- 1913-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1462 DfEffiELT Nr. 43 beschloß, in meiner Aussage etwas von selbst h i n zu z u s e t z e n , und so sprach ich meine Vermutung aus, daß kein anderer als Mendel die Knaben hätte ängstigen können. Ich habe keinen Groll gegen Mendel. Die Polizeiagenten Wygranow und Polistschuk haben mir aber gesagt, daß Mendel mich angezeigt hat, daß ich auf der Ziegelei Holz gestohlen hätte. Deshalb habe ich vor der Vernehmung zu Nakonjetschni gesagt, daß ich Mendel in den Prozeß verwickeln werde. Sie sehen selbst, daß ich nicht die Unwahrheit gesagt und nicht versucht habe, den Mendel in die Sache hineinzuziehen. Ich habe nur in bezug auf Mendel die Vermutung ausgesprochen, daß er an dieser Sache teilgenommen haben könnte. Fragen Sie, Herr Untersuchungsrichter, lieber den Sehen ja Tscheberjak, der wahrscheinlich alles über den Fall weiß, aber aus irgendeinem Grunde Ihnen nicht die Wahrheit sagt.“ Nach Verlesung dieser fünf Aussagen nimmt der Verteidiger Karabtschewski das Wort, und macht darauf aufmerksam, daß in der ersten Aussage, die Schachowskoi ohne jede Beeinflussung seitens der Detektive, aus eigener Initiative gemacht hat, weder von einem Mann mit schwarzem Barte, noch davon, daß den Kindern jemand nachgelaufen sei, die Rede ist. Auch die Worte Schenjas sind darin nicht erwähnt, sondern der schwarze Bart tritt erst in der folgenden Aussage auf. Auf die Fragen des Staatsanwalts, in welcher Weise die Detektive den Zeugen beeinflußt hätten, sagt Zeuge: „Ich kann nichts sagen, Polistschuk sagte: habe nur keine Angst, sonst bringt man dich ins Gefängnis, schickt dich nach Kamtschatka, nach Sibirien, wirst dann sitzen.“ Staatsanwalt: „Das heißt, Sie haben sich mit Polistschuk unterhalten, haben dem Untersuchungsrichter das gesagt, was e r Ihnen sagte?“ Zeuge: „Und Wygranow ebenfalls.“ Staatsanwalt: „Da haben Sie von Polistschuk gesprochen und jetzt auch von Wygranow?“ Zeuge: „Wygranow hat mich auch gelehrt, Beilis an zu geben.“ Staatsanwalt: „Auch Wygranow? Ich begreife absolut nichts.“ Zivilkläger Samyslowski macht den Zeugen darauf aufmerksam, daß die ersten fünf Aussagen ziemlich gleichzeitig gemacht wurden, nach einem Jahre habe er vor einem anderen Untersuchungsrichter ausgesagt. Zu dieser Zeit hätten die Detektive ihn nicht mehr verfolgt. Er wäre also unbeeinflußt geblieben, und da habe Zeuge ausgesagt, daß Polistschuk ihn nicht gegen, sondern für Beilis beeinflußt habe. Darauf erwidert der Zeuge: „Ich kann nichts sagen, ich hatte Angst. Es war mir selbst nicht lieb.“ Vom Verteidiger Karabtschewski und dem Vorsitzenden nochmals gedrängt, zu sagen, ob Sehen ja von einem Mann mit schwarzem Bart gesprochen habe oder nicht, sagt Zeuge jetzt: „Er hat davon nur einmal gesproche n.“ Der Vorsitzende mahnt den Zeugen an seinen Eid und fragt nochmals, ob er gesagt habe, er wolle Beilis in die Sache verwickeln, und der Zeuge bejaht es. — Verteidiger G rusenberg: „Sie haben es also gesagt. Haben Sie ferner dem Untersuchungsrichter nicht gesagt, Sie hätten den ermordeten Andreas ohne Bücher und Mantel getroffen, und die Sachen werden wahrscheinlich bei der Tscheberjak geblieben sein?“ Zeuge: „Das habe ich gesagt.“ Verteidiger: „Das ist Ihre Vermutung?“ Zeuge: „Ja.“ Der Verteidiger fragt, ob Zeuge vor dem Verschwinden des Andreas in der Karwoche über das Saizewsche Grundstück gegangen wäre; Zeuge bejaht cs, will aber nicht durch den Zaun gegangen sein, sondern beim Vorbeigehen die Lücken im Zaun gesehen haben. Der Verteidiger bittet die Geschworenen, den Teil der Aussage im Gedächtnis zu behalten, wo Schachowskoi sagt, daß Polistschuk und Wygranow ihn verleitet haben, gegen Beilis auszusagen. Verteidiger Grusenberg fragt, ob ihm Wygranow und Polistschuk zugeredet haben, falsche Aussagen zu machen, oder all das, was er wüßte, anzugeben. Zeuge: „Irgendwelche Aussagen. Wygranow sagte, ich würde dafür eine Belohnung bekommen.“ Vom Verteidiger Grig. Barski befragt, gibt Zeuge an, die neue Umzäunung des Grundstücks wäre vor Ostern begonnen und nach Ostern beendet worden. Die Frage, weshalb ihm denn Schenja so mir nichts dir nichts das Aussehen des Mannes zu beschreiben begann, der die Knaben fortgejagt hatte, weiß Zeuge nicht zu beantworten. Das Grundstück des Sachartschenko, wo Schenja wohnte, sei unmittelbar an Saizews Grundstück gelegen. Zeuge habe Beilis gekannt. Die Frage des Zivilklägers Schmakow, wer ihm die Aussage zugunsten von Beilis ein geschärft habe, kann Zeuge nicht beantworten. Etwas später gibt er an, unter Drohungen so verfahren zu haben. Schneersohn kenne er; der habe bei Beilis gewohnt. Zivilkläger Samyslowski kommentiert den Ausdruck „Mendel in die Sache hineinziehen“ dahin, daß Zeuge nunmehr die Wahrheit über Beilis nicht verhehlen wollte. Verteidiger Sarudny macht die Geschworenen auf den eigentümlichen Zug des Zeugen aufmerksam, der seine Aussagen fortwährend ändert, so daß. sogar in ein und demselben Protokoll des Untersuchungsrichters seine Aussagen, einander widersprechend, vier bis fünf mal variieren. Verteidiger bittet die Geschworenen, die Angaben des Zeugen, die er am Beginn der Vernehmung gemacht hat, im Gedächtnis zu behalten. Verteidiger Grusenberg bittet die Geschworenen, im Gedächtnisse zu behalten, daß Schachowskoi in seiner Aussage gesagt hat, er wollte aus Rache den Beilis in den Prozeß hineinziehen. Ferner macht er darauf aufmerksam, daß der Zeuge zugegeben hat, daß er und die Tscheberjaks Beilis kannten — sowohl dem Namen als dem Aussehen nach. Die Aeußerungen ihres Hauptbelastungszeugen machen selbst auf den Staatsanwalt und die Zivilkläger einen deprimierenden Eindruck. Nach weiteren für die Sache selbst unwesentlichen Zeugenvernehmungen wird in der Abendsitzung zuerst Uljana S c nasch owska ja verhört, eine Zeugin, der wegen ihrer Belastunsaussagen ein ehrenhafter Platz in der Anklageschrift eingeräumt worden ist. Ein elendes Geschöpf, sie spricht zusammenhanglos, leise, schüchtern. Es ist unmöglich, zu hören, was sie da vor sich hin murmelt. Sie wird ersucht, lauter zu sprechen, aber vergebens. Aus ihren Antworten ist folgendes zu verzeichnen. Sie habe am Mordtage Andreas Justschinski mit Schenja Tscheberjak gesehen. Andere Knaben seien nicht dabei gewesen. Als sie einmal mit dem Laternenanzünder! beschäftigt war, sei auf sie die Wolkiwna zugegangen. Wolkiwna (eine Person, von der Sdhachowskaja in der Voruntersuchung viel erzählt hatte) sei damals besoffen gewesen. Was ihr diese gesagt hatte, dessen kann sich die Zeugin nicht mehr entsinnen. Wolkiwna sei eine Bettelfrau und verkaufe im Podol Gemüse. Weder von. Beilis, noch von Mendel habe ihr Wolkiwna erzählt. Sie habe das alles dem Untersuchungsrichter vorgelogen, weil die Polizeidetektive Polistschuk und Wygranow solche Aussagen von ihr gefordert und eine Belohnung versprochen hätten, wenn sie gegen Beilis aussagen würde. Die Aussage wirkt verblüffend. Da eilt aber Schmakow zu Hilfe: „Hat Ihnen die Wolkiwna nicht den Mann geschildert, der den Andreas wegschleppte? Sagte sie nicht, es wäre ein Mann mit schwarzem Bart gewesen?“ — Zeugin (rasch): „Jawohl, mit schwarzem Bart.“ Es werden ihre Angaben in der Voruntersuchung verlesen. Sie war dreimal vernommen worden und hatte jedesmal verschieden ausgesagt. Das erste Mal bekundete Schachowskaja, Wolkiwna habe ihr erzählt, sie hätte gehört, daß jemand gesehen, wie Beilis den Andreas zum Ziegeleiofen geschleppt hatte. Das zweite Mal hatte bereits Wolkiwna selbst gesehen, wie Beilis usw. Das dritte Mal ist nicht mehr von Beilis, sondern von einem „Manne mit schwarzem Bart“ die Rede. „Das haben sie (die Detektive) mir in den Mund gelegt,“ behauptet die Zeugin wiederholt. Auch den Knaben Nikolaj Kaluschny hätten die Detektive in dieser Richtung beeinflußt. Verteidiger Karabtschewski macht die Geschworenen darauf aufmerksam, daß Wolkiwna eine Kleinhändlerin im Podol sei; nach den Angaben der Zeugin heißt es aber, daß Wolkiwna jene Szene in der Kirilowstraße, also in großer Entfernung vom Podol, zufällig beobachtet haben soll. Der Knabe Kaljuschny wird vernommen. Er habe der Schachowskaja beim Laternenanzünder! geholfen. Wolkiwna sei vorbeigegangen, habe gegrüßt, und von Justschinski erzählt. Polistschuk habe zugehorcht. Von Beilis sei nicht die Rede gewesen, auch nicht von dem Männe mit schwarzem