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Die Welt · 1913-10-23 · 43 (23.10.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
43 (23.10.1913)
Date
1913-10-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 &IE2EKELT 1457 Verhandlungen richten. Zum besseren Verständnis der Verhandlungen wird es deshalb geboten sein, die in der Anklageschrift angeführten und gegen Beilis gerichteten Punkte näher und nach Möglichkeit mit den eigenen Worten der Anklageschrift wiederzugeben. Der Knabe Eugen (Schenj'a) Tscheberjak, der Sohn des vielgenannten Wjera Tscheberjak, der Spielkamerad und frühere Nachbar Justschinskys erzählte im Monat April 1911 dem Studenten Golubew — es ist dies der sattsam bekannte Rowdy und Pogromheld, Mitarbeiter des „Doppel-Adlers“ und Urheber von unerhörten Exzessen und Krawallen, durch die die Stadt Kiew in den letzten Jahren so berühmt wurde — Justschinski sei am 12. März morgens, dem Tage seines Verschwindens, zu ihm gekommen, sie hätten sich dann beide nach dem Brennerschen Grundstück, wo nachträglich die Leiche des Knaben gefunden wurde, begeben, woher sie dann später nach der Jurkowskaja-Straße zurückgekehrt wären. Später stellte allerdings Tscheberjak in Abrede, daß er, an jenem Tage Justschinsky gesehen hätte, seine ursprüngliche Behauptung wurde aber durch die Aussagen des Kasimir und der Uliana Schachowsky (man merke sich die Namen dieser Grundsäulen der Anklage!), die an jenem Tage um 9 Uhr morgens Justschinski in Gesellschaft des Tscheberjak gesehen zu haben versicherten, bestätigt. Kasimir Schachowsky erzählte ferner er habe nach etwa drei Tagen den Tscheberjak getroffen, und ihn gefragt, wie cs ihm denn beim Spielen mit Justschinsky ergangen wäre; darauf hätte der Knabe: geantwortet, daß sie auf dem Hofe der Saizewschen Ziegelbrennerei, wo sie spielten, von einem Manne mit schwarzem Barte weggescheucht worden wären. Schachowsky erklärte nun dem Untersuchungsrichter gegenüber, der Mann mit dem schwarzen Barte sei seiner Ansicht nach der Angestellte der Saizewschen Fabrik „Mendel“, und dieser Mendel hätte gewiß an der Ermordung Justschinskys teilgenommen. Die Frau des Schachowsky, Uliana, erzählte ihrerseits, eine Bekannte von ihr, Anna Wolkiwna, hätte ihr in Gegenwart des Knaben Nikolai Kalushny folgendes erzählt: als die Knaben Tscheberjak, Justschinsky und ein dritter Knabe auf dem Hofe der Saizewschen Ziegelbrennerei spielten, hätte ein Mann mit schwarzem Bart, der dort wohnt, den Justschinsky in Gegenwart seiner Spielkameraden erfaßt und nach dem Ziegelofen geschleppt. Wolkiwna hätte darauf auch den Namen dieses Mannes genannt, indem sie sagte, daß es „Mendel“, der Angestellte der Ziegelei gewesen wäre. Die Anklageschrift muß aber zugeben, daß Wolkiwna beim Untersuchungsrichter in Abrede stellte, ein solches Gespräch mit der Schachowskaja gehabt zu haben. Auch der Knabe Koloshny bestritt ein solches Gespräch mit angehört zu haben, später aber gab er zu, d,aß die Wolkiwna im Gespräche mit der Schachowskaja in seiner Gegenwart erzählt habe, sie hätte gesehen, wie ein Mann mit schwarzem Barte einen Knaben gegen den Ziegelofen schleppte. Mit diesen Aussagen war die wichtige Rolle des Laternenanzünders Schachowsky und seiner Frau noch lange nicht erschöpft. Die Anklageschrift berichtet ferner: Uliana Schachowskaja erzählte dem Polizeispitzel Polischtschuk, ihr Mann, Kasimir, hätte am 12. März selbst gesehen, wie Mendel Beilis den Justschinsky zu dem Ofen schleppte. Vom Untersuchungsrichter dieserhalb befragt, wollte sich Uliana ihrer Worte nicht entsinnen, da sie damals betrunken gewesen, sie behauptete aber, daß ihr Mann ihr erzählt habe, e r hätte selbst gesehen, wie Beilis den Justschinsky fortgeschleppt hätte. Diese Behauptung bestritt aber Kasimir Schachowsky. Uebrigens muß die Anklageschrift folgendes feststellen : Die Schacho wskys wurden einige Mal vernommenundändertenwiederholtihre Aussagen. So erklärte Uliana Schachowskaja, die „Wolkiwna“ (alias jSacharowa) hätte ihr nicht gesagt, \v e r der Mann gewesen wäre, der Justschinski gegen den Ofen geschleppt, und Kasimir Schachowsky sagte aus, Eugen Tscheberjak habe in seiner Erzählung darüber, wie er mit Justschinsky von der Ziegelfabrik verscheucht wurde, nicht gesagt, daß es ein Mann mit schwarzem Barte getan hätte. Diese Schilderung des Verscheuchenden hätte er, Schachowsky, selbst gegeben, da er annahm, daß es Mend el Beilis gewesen sein müsse. Bei der folgenden Vernehmung aber behauptete er schon wieder einmal, Tscheberjak hätte ihm tatsächlich gesagt, daß ihn und Justschinsky im Hofe der Ziegelfabrik Saizews ein Mann mit schwarzem Barte verscheucht hat. Diesem „soliden“ Belastungsmaterial reihen sich würdig die Aussagen der anderen Stützen der Anklage an, der famosen Familie Tscheberjak und des Sträflings Ka sats c h e n k o , denen die Anklageschrift gleichfalls einen beträchtlichen Platz einräumt. Wassili Tscheberjak, der Vater der ehrenwerten Familie sagte aus, ihr Knabe hätte mit Justschinsky einige Tage vor dem Leichenfund im Saizewschen Fabrikhof gespielt, dabei hätte ihnen Mendel Beilis nachgestellt, die Knaben aber wären davongelaufen. Er berichtete ferner, daß ihm der Knabe einst um dieselbe Zeit, vom Saizewschen Hofe kommend, erzählt hätte, zu Beilis wären zwei unbekannte Juden in ungewöhnlicher Kleidung gereist gekommen, die er, der Knabe, beten gesehen habe. Als aber die Leiche Justschinskis auf gefunden wurde, hätten diese Juden, wie der Knabe berichtete, die Wohnung des Beilis verlassen. Eine diesbezügliche gerichtliche Vernehmung des Knaben wurde aber durch den am 8. August erfolgten Tod des Knaben unmöglich gemacht. Seine Schwester nun, die neunjährige Ludmila, bestätigte die Auslage ihres Bruders. Sie wollte diese Juden bei Beilis gesehen haben, als sie einst zusammen mit ihrem Bruder zu Beilis nach Milch kamen. (Diese Einzelheit verdient hervorgehoben zu werden, da durch Zeugenausgaben beim Gerichte festgestellt wurde, daß Beilis um jene Zeit keine Kühe besaß und keine Milch verkaufte). Sie erzählte ferner, sie wäre ungefähr acht Tage vor dem Leichenfund zusammen mit Justschinski, mit ihrem Bruder, ihrer jüngeren Schwester Valentine und einigen anderen Kindern in den Saizewschen Hof geschlichen und sie hätten dort gespielt, als sie plötzlich Mendel Beilis und jene zwei Juden auf sie zulaufen sahen. Sie und ihre Kameraden hätten dann zu laufen begonnen, Justschinsky und ihr Bruder wären aber von Beilis ergriffen worden, wobei es ihrem Bruder noch gelungen wäre zu entrinnen, während den Justschinsky Beilis nach dem Ofen geschleppt hatte. Die kleine Valentine konnte gerichtlich auch nicht vernommen werden, weil sie einige Tage nach ihrem Bruder gleichfalls an Dysentheriestarb. Den belletristischen Höhepunkt der umfangreichen Anklageschrift bildet indessen die Aussage des Sträflings Kasatschenko. Dieser, ein Zellennachbar des Beilis im Gefängnis, erzählte, Beilis hätte ihn gebeten, ihm, sobald er frei sein würde, behilflich zu sein. Speziell ersuchte er ihn, zwei unbequeme Zeugen, „Frosch“ und „Lampenzünder“ zu vergiften und einen dritten zu bestechen. Das nötige Geld, wie auch den Lohn für die Hilfe werde ihm, Kasatschenko, Frau Beilis, geben, die von der „jüdischen Nation“ zu diesem Zwecke mit großen Mitteln versehen worden sei. Die Juden würden ihm auch das nötige Gift geben. Diese in großen Zügen wiedergegebene plumpe Fabel eines Sträflings — der kurz nach diesen „Enthüllungen“ sich an den Staatsanwalt mit dem Gesuch wandte, ihm in Anbetracht dieses Verdienstes sein Strafmaß zu verringern — erhob nun die russische Justiz zum Grundstein der nunmehr historischen Anklage gegen Beilis und das gesamte jüdische Volk. Zum großen Kummer der offiziellen Kläger ist aber gleich in den ersten Tagen der Verhandlungen von dieser ganzen phantastischen Belletristik nicht viel übrig geblieben.

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