Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 42 (16.10.1913)
- Date
- 1913-10-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 DIES^ELT 1435 CESTERREICH UND DER ZIONISMUS Ein Thema für eine Abhandlung, die erheblich länger sein müßte, als es der Raum dieses Blattes gestatten kann, böte der im Titel angedeutete Stoff, und es wäre zugleich ein so interessantes Unternehmen, diese Frage erschöpfend zu behandeln, daß einer unserer österreichischen Gesinnungsgenossen sich der Aufgabe vielleicht einmal unterziehen wird. Hier soll nur eine der zahlreichen Beziehungen gestreift werden, die unsere Bewegung zu der Donaumonarchie hat. Alle Teilnehmer des XI. Zionistenkongresses rühmten nach ihrer Rückkehr von Wien die wirklich vornehme und weitherzige Behandlung, die der Kongreß, alle seine Veranstaltungen und alle Einzelnen, die irgendwie Gelegenheit dazu hatten, bei den österreichischen Behörden gefunden haben, und diejenigen, die mit dem Arrangement des Kongresses zu tun hatten, sind des Lobes voll über das sympathische und verständnisvolle Entgegenkommen, das sie bei den Regierungsstellen in jeder Hinsicht gefunden haben. Soviel ist jedenfalls sicher: die vielen Tausende unserer Gesinnungsgenossen, die der Kongreß nach Wien gezogen hatte, und die nun daheim den vielen Zehntausenden, ja Hunderttausenden ihre Berichte offiziell und privatim erstatten, sind zu ehrlich begeisterten Lobrednem Österreichs und österreichischer Art geworden. Man hat wieder einmal die angenehme Erfahrung gemacht, daß etwas sehr erheblich besser ist als sein Ruf. Und wer wäre geneigter, eine solche Erkenntnis mit Freuden zu verbreiten als Juden, als Zionisten, die ja — letztere in doppelter Eigenschaft — nur zu gut wissen, was es heißt, zu Unrecht beredet und verleumdet zu werden und gegen einen von übelwollender Verständnislosigkeit geschaffenen Ruf ankämpfen zu müssen. Das ist also sicher, was auch sonst die Ereignisse des Tages bringen mögen: in den zehntausend Teilnehmern und Gästen des XI. Zionistenkongresses und seiner Nebenveranstaltungen hat sich Oesterreich neue Freunde in aller Welt geschaffen, die nicht nur von der alten aristokratischen Schönheit Wiens und den Herrlichkeiten des Landes, sondern auch von seiner Regierung und Verwaltung andere, bessere Begriffe bekommen haben, als die vielfach üblichen sind, mit denen man ja auch uns hatte schrecken wollen. Da freut es uns natürlich zu sehen, daß man auch in österreichischen Kreisen unserer Bewegung Sympathie und eine gewisse reale Schätzung entgegenbringt, die schließlich im politischen Leben die beste Grundlage aller Sympathien, wenn nicht die einzige, ist. Wir haben an anderer Stelle bereits einige österreichischen Pressestimmen über den Kongreß und den Zionismus veröffentlicht. Wenn wir hier einen Artikel herausgreifen, den wir im Folgenden in extenso wiedergeben, so geschieht es, weil dieser Artikel und der in ihm entwickelte Gesichtspunkt eine besondere Beleuchtung beanspruchen dürfen. Im übrigen spricht der Artikel für sich selbst, und wir setzen ihn also ohne weitere Einführung hierher. Der Aufsatz erschien in Nr. 18 der „Kolonial- Zeitung" (dem offiziellen Organe der österreichisch-ungarischen Kolonialgesellschaft), die eine Halbmonatsbeilage der Tageszeitung „Wiener H a n d e 1 s b la 11" ist. Oesterreichs Interessen in Syrien und Palästina Der nahe Osten ist durch die letzten Ereignisse immer mehr und mehr in den Vordergrund des allgemeinen Interesses gerückt worden. Fast alle europäischen Mächte sind in größerem oder kleinerem Maße in Türkisch-Asien interessiert und haben sich beeilt, den wirtschaftlichen Aufteilungsprozeß für dieses ungeheuere Gebiet zu beschleunigen. Dieser Prozeß ist in der letzten Zeit seinem Ende nahegebracht worden: eines der letzten strittigen Gebiete — Mesopotamien — ist durch die ” Konzession für den Bau der Bagdadbahn wirtschaftlich an Deutschland gefallen und damit einer der großen transatlantischen Handelswege endgültig vergeben worden. England hat sich in Arabien festgesetzt, Rußland in Armenien und Kurdistan, in Kleinasien sind die Italiener im Wettkampf mit Griechen und Franzosen begriffen, so daß für ein ausschließlich österreichisches Interessengebiet nur mehr zwei Provinzen übrig bleiben: Syrien und Palästina. Und auch hier ist das für uns in Betracht kommende Gebiet von vornherein beschränkt; dadurch, daß Frankreich mit der Bahnlinie Beirut—Damaskus eine außerordentlich wichtige Position in Syrien errungen hat, die noch dadurch unterstützt wird, daß Frankreich das Protektorat über die Katholiken Syriens ausübt, wäre von vornherein der wirtschaftliche Kampf gegen die Vormachtstellung nördlich dieser Bahnlinien ziemlich aussichtslos. Anders aber liegt dies im südlichen Syrien und in Palästina. Palästina, das schon dreimal den Transit-Handel zwischen drei Weltteilen vermittelt hat, ist allem Anscheine nach dazu berufen, diese Rolle wiederum zu spielen. Auf dem historischen Boden des heiligen Landes werden sich die Bahnlinien Kairo—Damaskus—Jaffa—Hedschasbahn schneiden und wenige Stunden von seiner Südgrenze entfernt, öffnet der Suezkanal europäischen Waren den Weg zum fernen Osten, nach China und Japan. Der Schlüssel zu diesen Verkehrslinien liegt wiederum, wie im Altertum, in Palästina. Der wirtschaftliche Aufschwung, den Palästina in dem letzten Jahrzeht genommen hat, scheint dafür zu sprechen. Das Land, durch zahllose Kriege und epidemische Krankheiten im Laufe zweier Jahrtausende verwüstet, ist durch nahezu ein Jahrhundert vollständig brach gelegen und bietet dem Kolonisten ähnliche Vorteile, wie der jungfräuliche Boden Amerikas. Beweis dafür sind die blühenden Kolonien der deutschen „Templer" und die in letzter Zeit emporstrebenden jüdischen Kolonien. Und Hand in Hand mit der landwirtschaft- Entwicklung des Landes geht auch die seines Handels, wie folgende Zahlen beweisen: Import und Export Jaffas, des Haupthafens des Landes: Gesamthandel 616 000 Pfund Ausfuhr 309 000 „ Einfuhr 306 000 1906 (Beginn des „prakt. Zionismus") Gesamthandel Einfuhr Ausfuhr 160 000 Pfund 660 000 500 000 1911 Gesamthandel Einfuhr Ausfuhr 1808 000 Pfund 1026 000 780 000 Was die Beteiligung Oesterreichs daran anbetrifft, so hatte es bis 1908, dem Boykottjahre, die zweite Stufe im Import und Export inne. Von diesem Jahre an nahm aber die Beteiligung der Monarchie in bedeutendem Maße ab und im selben Verhältnisse sank auch die politische Bedeutung des Staates, die noch bis vor kurzem eine verhältnismäßig große war, in Syrien überhaupt. Will Oesterreich wieder seinen alten Einfluß auf Syrien gewinnen, so müßten Kaufleute und Konsularbeamte mit den gegebenen Größen rechnen, die derzeit im wirtschaftlichen Leben Palästinas in Betracht kommen. Und ein wichtiger Faktor dabei ist der Zionismus. Diese Weltorganisation mit ihren Banken strebt die frühere Stellung in Palästina an, baut dazu ihre Organisation von Jahr zu Jahr mehr aus und wirkt für eine intensive Kulturarbeit. Da aber im gleichen Maße wie die kulturelle Hebung des Landes auch der Fremdenverkehr, der heute schon 12 Millionen ins Land bringt, wächst, so ist für Oesterreich-Ungarn der Weg der Mitkonkurrenz vorgeschrieben: Einrichtung von direkten, billigen Verbindungen zwischen Triest und Palästina, Abziehung der Auswanderer und der Vergnügungsreisenden von den Einschiffungshäfen Odessa, Konstantza usw. nach Triest oder Fiume, stärkere Beteiligung am Gesamthandel des Landes