Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 42 (16.10.1913)
- Date
- 1913-10-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1434 Nr. 42 Schluß sehr geschädigt fühlen. Er wies mit Recht darauf hin, daß die Simultanschulen in Wirklichkeit doch konfessionelle Schulen seien; sie lassen zwar die Parität zwischen den christlichen Bekenntnissen gelten, die jüdische Religion aber bleibt das enterbte Stiefkind. So verlangte der Lehrerverband, daß die Frage nochmals erörtert und die Forderung der Errichtung jüdischer Volksschulen auf die Tagesordnung des für November bevorstehenden Gemeindetages gesetzt werde. Daraufhin hat aber der Ausschuß des D. J. G. B. am 28. September seine im Juni erfolgte Resolution bekräftigt, hat erklärt, er betrachte die Beschlüsse des Lehrerverbandstages als gleichbedeutend mit der Loslösung vom D. J.G. B. und ist zur Tagesordnung übergegangen. Damit ist der D. J. G. B. in den Kampf gegen die jüdischen Lehrer und die jüdische Schule getreten. Die Lehrer, die bisher am Strange der liberalen Gemeindegewaltigen zogen, sehen jetzt, daß sie bei diesen keine Unterstützung in einer jüdischen Sache finden können; sie werden wohl oder übel den Kampf aufnehmen müssen. Sie sind dabei der Unterstützung aller Teile der Judenheit sicher, die noch ein gesundes jüdisches Gefühl haben. Hoffentlich hat dieser Kampf für die jüdische Schule und gegen die unumschränkte Assimilationssucht Erfolg. Die „aufgehobene“ Acker bauschuie In einem aus Jerusalem vom 16. September datierten Bericht „Aus dem Heiligen Lande" schreibt die „Kölnische Volkszeitung“, das bekannte führende Zentrumsorgan: „Demnächst trifft hier eine jüdische Karawane, halb religiösen, halb wissenschaftlichen Charakters, ein. Sie hat sich gebildet im Anschluß an den elften Zionistenkongreß in Wien, der vom 2. bis 9. September tagte. Während dieses Kongresses hatten die hiesige jüdische Kunstgewerbeschule Bezalel und der Verband jüdischer Frauen in Jaffa Ausstellungen ihrer Arbeiten in Wien veranstaltet, letzterer besonders sehr vollendete Spitzenarbeiten. Die Zionisten sind unermüdlich und schrecken vor keinen Opfern zurück. Für die Kongreßzeit waren selbst hebräische Theatervorstellungen vorbereitet worden. Nach Gründung so vieler anderen höheren Unterrichtsanstalten in Palästina, des Gymnasiums in Jaffa und Jerusalem, des Technikums in Haifa, der landwirtschaftlichen Schulen an verschiedenen Orten, denkt man jetzt allen Ernstes auch an die Gründung einer jüdischen Universität in Palästina. Hier in Jerusalem besteht bereits ein besonderer jüdischer Verein zur Förderung der Palästinakunde, der schon über 70 Mitglieder zählt und die Einrichtung eines besonderen Museums für Landeskunde betreibt, mit weiterer Ausgestaltung der schon vorhandenen wissenschaftlichen Bibliothek und der meteorologischen Stationen in allen jüdischen Kolonien. Auch an dem erst jüngst gegründeten Gesundheitsamte haben die Juden hervorragenden Anteil. Alles deutet darauf hin, daß bei dieser Fortentwicklung in weniger als einem halben Jahrhundert ganz Palästina unter dem herrschenden Einfluß der Juden stehen wird in fast allen sozialen Beziehungen. Jüdische Stadträte, jüdische Abgeordnete, jüdische Aerzte, jüdische Künstler auf allen Gebieten, jüdische Großbesitzer, jüdische Fabrikherren, abgesehen vom Handel, den die Juden bekanntlich zuerst beherrschen. Nur in einem scheinen alle Bemühungen der Zionisten fehl zu schlagen, nämlich die ein wandernden Juden zu wirklichen, seßhaften Bauern zu erziehen. Trotz aller Bemühungen geht es mit den Ackerbaukolonien nur schlecht vorwärts. Noch jüngst wurde die Ackerbauschule in Dschedeide aufgehoben wegen Mangels an Schülern und weil die herangebildeten sich andern Beschäftigungen zuwandten. Andern Schulen gleichen Charakters prophezeit man ein gleiches Ende. Moslemische Bauern und verarmte Christen werden die schwere Arbeit tun müssen, und neben der reichen, herrschenden, jüdischen Klasse werden die Christen nur ein schwieriges Dasein haben. Wenigstens ist aller Grund vorhanden, dies zu fürchten.“ Mit der jüdischen Karawane ist wahrscheinlich die Reisegesellschaft gemeint, die von Wien aus nach Palästina ging, um nach dem XI. Zionistenkongreß das Land der jüdischen Zukunft zu besuchen. Die glänzende Schilderung dieser Zukunft ist offenbar nicht nur zu unserer Freude geschrieben und gedruckt worden. Die Absicht ist auch schlecht versteckt. Schlimm aber ist, daß mit gänzlich aus der "Luft gegriffenen Behauptungen eine Tatsache belegt werden soll, von der das Gegenteil wahr ist. Die Ackerbaukolonien gehen nicht schlecht, sondern gut vorwärts. Die angeblich aufgehobene Ackerbauschule in Dschedeide ist in Palästina gänzlich unbekannt, schon deshalb, weil Dschedeide in — Tunis liegt. In Palästina gab es bisher nur eine Ackerbauschule, Mikweh Israel, die niemals aufgehoben wurde, und jüngst wurde sogar eine neue Ackerbauschule in Pethach-Tikwah gegründet. Also so ziemlich genau das absolute Gegenteil dessen, was der wohlinformierte Korrespondent der „Kölnischen Volkszeitung“ in nicht ganz tendenzfreier Absicht seinem Blatte berichtet! Judenfeindliche Boykotthetze in Galizien Die Antisemiten Galiziens sind seit langem bemüht, einen wirtschaftlichen Boykott gegen die jüdische Bevölkerung nach dem Muster der schändlichen Boykottbewegung in Russisch- Polen ins Werk zu setzen. Infolge der Fusion der Allpolen mit den Christlichsozialen hat nun die judenfeindliche Agitation in letzter Zeit eine ungeahnte Ausdehnung gewonnen und droht, einen gefährlichen Charakter anzunehmen. Das Hauptorgan der Antisemiten, der „Glos Narodu“, hat vor einiger Zeit offen zur rücksichtslosen Boykottierung der Juden, dieser „Erzfeinde der polnischen Nation“, aufgefordert und gibt jetzt eine Broschüre unter dem Titel „Ein Pogrom gegen das polnische Volk“ heraus, die einen getauften Juden zum Verfasser hat. In der Broschüre wird ausgeführt, die Juden gingen auf die Vernichtung und Erdrosselung des polnischen „kleinen Mannes“ aus, und es sei ein Akt der Notwehr, wenn das polnische Volk alle wirtschaftlichen Beziehungen zu den „jüdischen Blutsaugern“ abbreche. Bisher sind die Behörden gegen die Verbreitung der aufreizenden Broschüre nicht vorgegangen, und man fragt sich in jüdischen Kreisen besorgt, wohin es führen soll, wenn dieser skrupellosen niederträchtigen Hetze weiterhin Tür und Tor geöffnet bleibt. Auswanderungskomitees in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloni ki. Infolge der völligen Stagnation des Handels und der sehr scharfen wirtschaftlichen Krise, unter der unsere Stadt seit über einem Jahr leidet, hat unter der jüdischen Bevölkerung eine sehr merkliche Auswanderungsbewegung eingesetzt, die sich hauptsächlich denjenigen Ländern zuwendet in denen man sich mit Aussicht auf Erfolg betätigen kann. Diese Bewegung hat bereits eine solche Ausdehnung angenommen, daß die jüdische Lokalpresse die sofortige Bildung von Auswanderungskomitees“ befürwortet, wie sie für die russischen Juden bestehen, um den Strom in feste Bahnen zu lenken und den Auswanderern alle nötigen Aufklärungen zu geben, damit sie vor Unannehmlichkeiten sowie Zeit- und Geldverlusten bewahrt, und vor den zahlreichen Fallen, die man ihnen stellt, und vor den vielen Tricks, denen sie auf ihrer Reise zum Opfer fallen könnten, gewarnt werden. Kleine Nachrichten Zur Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden in Hamburg werden Zuhörerkarten im Bureau der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg, Kaiser-Wilhelmstraße 93, vom 26. Oktober an, vormittags 10—1 Uhr, ausgegeben. Im Bureau des Verbandes in Berlin, Potsdamer Straße 45, werden Karten bereits vom 19. d. M. an (aber nur bis zum 1. November) zu haben sein. Am Sonntag, den 19. Oktober, findet in London ein Nationalfonds-Blumentag statt. Etwa 75 junge Damen haben sich auf Ersuchen der Jüdischen Nationalfonds-Kommission für England bereit erklärt, auf der Straße blau-weiße Rosetten zugunsten des Nationalfonds zu verkaufen.