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Die Welt · 1913-10-16 · 42 (16.10.1913) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
42 (16.10.1913)
Date
1913-10-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 42 LT 1433 gemein gehaltener Form, die weder von Rußland noch von Juden spricht. Aber man braucht natürlich nicht erst die frohlockenden Kommentare der deutschen und — russischen Antisemitenpresse zu lesen, um zu wissen, daß es nur und ausschließlich gegen die Juden geht, wenn jetzt an den preußischen Universitäten „Ausländer“ nur in bestimmter Zahl aufgenommen werden. Gründe? O, die sind wohlfeil, wie der Sand am Meer. Und irgendeine kleine Berechtigung läßt sich ihnen auch nicht immer absprechen. Aber die Juden und alle ehrlich Liberalen sollten sich hüten, die antisemitische Eselsbrücke dieser „Berechtigung“ zu betreten. Denn am Ende sind die Klagen über die Ueberfüllung des Rechtsanwattsberufes mit Juden vielleicht auch ein wenig berechtigt? Oder die Untauglichkeit der Juden zu öffentlichen Aemtern? Oder gar die antisemitischen Behauptungen von der Unredlichkeit der Juden in Handel und Wandel? Gewiß, wir kennen die Gegenargumente und halten diese für berechtigt. Aber gab es denn zur Vermeidung der wirklichen Schäden an den Universitäten kein anderes Mittel, als das Ausnahmerecht? Es gab doch bisher auch gegen Unredlichkeit andere Mittel als antisemitische Gesetze, denen man freilich oft recht nahe kam. Gewiß gab es diese Mittel, nur wären von ihnen vielleicht nicht die russischen Juden, sondern andere Ausländer betroffen worden, und das wollte man vermeiden. Dagegen hätte sich doch die liberale Presse einmütig wenden müssen. Aber man hat ja auch kein Wort des Tadels gegen die sächsische Bestimmung gehört, die noch unverblümter den Ausschluß nur der russischen Juden von den Universitäten proklamierte, indem sie nur ausländische Studenten zuläßt, die bereits ein Jahr an einer Universität ihres Heimatlandes immatrikuliert waren. Was eben bekanntlich 90 und mehr Prozent aller russischjüdischen Abiturienten unmöglich ist. Aber wozu soll man sich in Aufregung stürzen — es geht ja nur gegen die russischen Juden! „Los von Zion!“ Es müßte sonderbar zugehen, wenn die deutschen Regierungen nicht durch ihren leichten Sieg in der Studentenfrage auch noch auf andere Ideen kämen. Da hat vor kurzem in einer Flugschrift über die Assimilation der Juden, die unter dem Motto „Los von Zion!“ segelte, ein Dr. Max Marcuse seine lebhaften Besorgnisse geäußert, ob die Assimilation der deutschen Juden sich werde glatt vollziehen können, da diese doch immer vom Osten neuen Zuzug erhielten (vgl. den Leitartikel der „Welt“ in Nr. 35). Unter dem Beifall antisemitischer Zeitungen hatte er an anderer Stelle ein deutsches Einwanderungsverbot für Juden zu diesem Zwecke gefordert. Hier wurde damals erklärt, daß dieser eben noch glücklich nach Deutschland eingewanderte Dr. Marcuse nur unvorsichtigerweise ausspricht, was ein großer Teil der liberalen Juden denkt. In der letzten Nummer 41 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ behandelt nun auch der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Ludwig Geiger jene Flugschrift und — erwähnt die Forderung Marcuses mit keiner Silbe! Wenn Schweigen in diesem Falle Zustimmung bedeuten sollte, so stände ja also von jüdisch-liberaler Seite einer Sperrung der deutschen Grenzen gegen ausländische Juden kein Widerspruch entgegen. Oder sollte Herrn Geiger die Konsequenz Marcuses entgangen sein? Wir wollen nur hoffen, daß unsere Liberalen nicht hier auch eine gewisse „Berechtigung“ entdecken. 11 DODDOD WELTCHRONIK □□□□□□ Eine Judendebatte in der demokratischen Partei Zürichs (Von unserem Berichterstatter.) Daß es in der Schweiz, dem Lande der Freiheit, die stille, um so tiefer eingewurzelte Abneigung gegen Judentum und Juden in gleicher Stärke gibt, wie anderswo, haben wohl nur die wenigen schweizerischen Gesinnungsgenossen des nachbarlichen Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bezweifelt, die sich bei jeder passenden Gelegenheit mit Stolz ihres sie restlos erfüllenden autochthonen Helvetiertums rühmen. Sie werden unangenehm berührt sein, nun in den Schweizer Zeitungen lesen zu müssen, daß es kürzlich, am 6. Oktober, in einer demokratischen Wählerversammlung zu Zürich (die sonst unter den vielen ähnlichen gewiß ohne Sensation vorübergegangen wäre) zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über das Thema „Antisemitismus in der schweizerischen Politik“, zu einer richtigen Judendebatte gekommen ist, in deren Verlauf sogar christliche Demokraten dem Wortführer der Juden, dem Präsidenten des schweizerischen Zionistenverbandes, zugeben mußten, daß ein Teil ihrer Parteifreunde sich „bedauerlicherweise von Vorurteilen und konfessionellen Erwägungen hätten leiten lassen“. Die Versammlung hatte über Vorschläge für eine Ersatzwahl in das Bezirksgericht Zürich zu befinden. Für den frei gewordenen Richterstuhl, der nach Vereinbarung der Parteien einem Demokraten zustand, hatte eine engere Parteiclique be- . reits öffentlich den Namen des Kandidaten genannt. Daß man den nächsten Anwärter, einen Obergerichtssekretär von unbestritten glänzender juristischer und persönlicher Qualifikation und großen Parteiverdiensten damit zum fünften Male überging, geschah, wie überall in solchen „Fällen“, aus wahltaktischen Gründen, beileibe nicht aus dem Grunde, weil Herr Dr. Mamelok mosaischen Glaubens ist. Herr Dr. P i n k u s, der Präsident unseres Zionistenverbandes, wandte sich nun in der Versammlung als Mitglied der demokratischen Partei in schärfster Weise gegen das unwürdige Spiel, daß die Leiter einer Partei, die sich die demokratische nenne, und damit den Inbegriff der schweizerischen Freiheit verkörpern wolle, einen allgemein als hervorragend geeigneten Kandidaten nur wegen seines Judentums ablehne. Man habe das Recht, von der Partei Ehrlichkeit zu verlangen und nehme für sich als Jude das Recht, die antisemitischen Praktiken als solche auch zu bezeichnen. Bemerkenswert war nun, daß ein Teil der Versammlung der Rede von Dr. Pinkus Beifall klatschte und ein Führer der Zürcher Demokraten seine Parteigenossen warnte, mit der Politik „unwürdiger und veralteter Vorurteile“ fortzufahren. Die Versammlung beschloß natürlich nach den Vorschlägen der Parteileitung, die aber wohl den Eindruck erhalten haben wird, daß sie weiter auf eine rücksichtslose Verteidigung des jüdischen Namens durch die Repräsentanten des Zionismus in der Schweiz gefaßt sein muß. Es muß hinzugefügt werden, daß diese Judendebatte einiges Aufsehen in der Öffentlichkeit gemacht hat und vornehmlich die Schweizer Juden wohl noch beschäftigen wird. Kampf um die jüdische Schule in Deutschland Die Frage der jüdischen Volksschule in Deutschland ist aktuell geworden. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat im Juni beschlossen, weitere jüdische Volksschulen seien nicht zu gründen, insbesondere nicht in den Großgemeinden. Der jüdische Lehrerverband mußte sich durch diesen Be-

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