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Die Welt · 1913-10-16 · 42 (16.10.1913) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
42 (16.10.1913)
Date
1913-10-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42 1431 die Vertreter zahlreicher jüdischer Körperschaften, darunter Studenten- und Turnvereine, und.Mitglieder der Bmei JBrith-Loge beiwohnten, gelangte zur Annahme folgender Resolution, die der gesamten türkischen Presse zur Veröffentlichung übergeben wurde: „Tief empört über die beharrliche Verbreitung der ungeheuerlichen Ritualmord-Legende und über die Art, wie man sich ihrer in Kreisen, die vom Judenhaß verblendet sind, bedient hat, stimmen wir in den Entrüstungsruf der gesamten Kulturwelt ein und protestieren mit aller Energie gegen die Beschuldigung des Btutmordes, auf die sich der Prozeß in Kiew stützt. Gleich der gesamten aufgeklärten Menschheit sind wir überzeugt, daß die Lüge und Verleumdung endlich vor dem Licht der Wahrheit weichen und die Haltlosigkeit der juristischen Grundlagen und der sogenannten medizinischen Gutachten bewiesen werden wird, auf die sich die Anklage stützt, und von denen die größten wissenschaftlichen Kapazitäten der Welt bereits erklärt haben, daß sie jeder Grundlage ent- Beills und die englisch-russische Entente Die politischen Beziehungen Englands zum Zarenreiche haben natürlich gewisse publizistische Folgen gezeitigt, die den Juden nicht gerade günstig sind. Die englische Presse, besonders die liberale, die allen fortschrittlichen Bewegungen in Rußland immer besondere Sympathie entgegengebracht hat, zeigt sich seit einigen Jahren in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend. So ist es auch im Beilis-Prozeß, der unter anderen Umständen einen Sturm der Entrüstung in englischen Blätterwald hervorgernfen hätte, jetzt aber ziemlich kühl und „objektiv“ behandelt wird. Damit soll freilich nicht gesagt sein, daß 'Rußland hierzulande keine bedeutende moralische Einbuße infolge des Beilis-Prozesses erleiden wird. Me Tatsache, daß der Prozeß von der russischen Regierung inszeniert worden ist, wirft ein so grelles Licht auf die russischen Zustände, daß sogar gewisse Zeitungen, die sonst den russischen Machthabern bereitwilligst Handlangerdienste leisteten, sich jetzt mit Widerwillen von ihnen abwenden. Daß man einen „jüdischen Ritualmord“ in einem Lande der Zivilisation wie England als eine gewöhnliche Prozeßsache behandeln soll, ist doch zuviel verlangt. Das weitverbreitete konservative Abendblatt „The Evening News“, das sonst auf die englisch-russische Entente eingeschworen ist, brachte letzten Sonnabend einen vernichtenden Leitartikel über die russische Schmach. Viel schärfer noch war ein Leitartikel, der am selben Tage in der vornehmen „Pall Mall Gazette“ erschien und von Mr. J. L. Garvin, dem einflußreichsten englischen Journalisten der Gegenwart, herrührt. Die. wegwerfende Art, in der hier das offizielle Rußland behandelt wird, ist bezeichnend. Mr. Garvin schreibt: „Es ist das christliche Rußland, das uns ins Mittelalter 'zurücktreibt, und nachdem es den Mut eines armen Handwerkers durch eine zweijährige Haft gebrochen hat, verfolgt es ihn jetzt mit einer Anklage, die von niemanden auch nur einen Augenblick geglaubt wird.“ In Trade Unionistischen Kreisen ist eine Bewegung im Gange, eine große Massendemonstration gegen die Blutanklage zu veranstalten. In London fand vorige Woche eine Versammlung von Vertretern der jüdischen Handelsverbände statt, um über eine passende Form eines Protestes gegen die Blutmordbeschuldigung in Rußland zu beraten. Eine große Reihe von Verbänden war vertreten und es wurde der Beschluß gefaßt, alle einflußreichen englischen Körperschaften zu einem Protest zu veranlassen, an dem sich auch die Deputiertenkammer, die Arbeitspartei, die „Freunde der Freiheit“, die Gesellschaft der Fabier und die Londoner Handelskammer beteiligen „Ein politischer Prozeß* Eine bemerkenswerte 'Aeußerang > von Prof. Pfiifippovich Unter den zahllosen Kundgebungen hervorragender Nichtjuden in dieser furchtbaren Affäre verdient die Aeußerung des berühmten Nationalökonomen und Österreichischen Herrenhausmitgliedes Professor Philippovich besonders hervorgehoben zu werden, weil sie sich auf die Frage, „ob die Ritualmordbeschuldigung begründet ist“ nicht einlaßt, sondern den Prozeß als eines der Mittel zur Vernichtung der Juden brandmarkt und damit des Pudels Kern aufzeigt. Wir entnehmen seinen, in der „Neuen Freien Presse“ vom 12. Oktober erschienenen Ausführungen folgende markanten Sätze: . . Ich teile die Empfindungen derjenigen, die durch die Verbreitung des Ritualmordmärchens betroffen werden und bin empört darüber, daß solche Verbreitungen zugelassen werden und Glauben finden können. Empört bin ich auch darüber, daß die russische Justiz nicht ganz unparteiisch in dieser Frage vorgegangen ist. Ich habe Gelegenheit gehabt, einen russischen Herrn kennen zu lernen, der mir ein sehr ungünstiges Urteil über die Zwangsmaßnahmen abgegeben hat, mittels welcher in Rußland das Judentum vernichtet werden soll. Was den-gegenwärtig in Kiew geführten Prozeß anbelangt, so bin ich fest überzeugt, daß das ein politischer Prozeß ist und nicht etwa ein Prozeß um eine Rechtsfrage oder ein Rechtsgut. Für diese Auffassung spricht auch die ganze Anlage der Anklage und der Prozeßführung.“ Der Eindruck des Prozesses in der Reichsduma Petersburg, 13. Oktober. Der Prozeß Beilis ruft in Abgeordnetenkreisen ein eit niederdrückenden Eindruck hervor. Vertreter des Zentrums sind der Ansicht, daß die Reichsduma sich mit dem Beilisprozeß beschäftigen müsse, da Beilis mit der ganzen Angelegenheit offenbar nichts zu tun habe. Graf Benningsen (Oktobrist) will erst abwarten, welche Ungesetzlichkeiten der Prozeß zutage fördern wird, um hierauf mit einer Interpellation vorzutreten; Fürst Mansyrew (Kadettenpartei) sagt, der Prozeß sei künstlich gemacht worden, und erklärt als früherer Unterstaatsanwalt, daß Anklageakte nicht in dieser Weise verfaßt werden dürften. Alle anderen oppositionellen Gruppen halten eine Interpellation für unerläßlich, da die Volksvertretung eine derartige Verhöhnung der Justiz, wie sie der Kiewer Prozeß darstelle, nicht zulassen dürfe. Unter der Uebersdmft „Von Damaskus bis Kiew“ schreibt der „Israelit“ im Leitartikel seiner jüngsten Nummer u. a. folgendes: „Die Ritualmordprozesse der letzten Jahrzehnte spielen alle in Ungarn, Böhmen und Deutschland. In Rußland ist die Blutlüge — von gelegentlichen erfolgarmen Versuchen hie und da abgesehen — ein Novum, ein — so paradox sich dieses auch anhören mag — Zeichen der fortgeschrittenen Zeit, die alte Werte umwertet und auch im Zarenreiche den Erscheinungen des Lebens neue Formen gibt. . . . Und darum paßt auch der Kiewer Skandalprozeß bei seiner eigenen russischen Note in das allgemeine Bild der Ritualmordhetze, wie wir es aus der Geschichte der menschlichen Dummheit und des sich dieser Macht bedienenden Menschenhasses kennen, vollkommen. Auch in der Geschichte des Judenhasses gibt es so etwas wie eine stille internationale Verständigung. In der Metamorphose, die che Ritualmordhetze von Damaskus bis Kiew durchgemacht, spiegelt sich indessen ein gut Stück Unkulturgeschichte ab. In Damaskus verschwand 1840 der Rater Thomas und Rabbinern und Vorstehern jüdischer Gemeinden sollte die Folter ein Geständnis abzwingen über den am Pater begangenen Ritualmord . . . Tißa-Eszlär, zeitlich und räumlich mehr an der Schwelle der Kultur gelegen, bringt insofern eine kleine Wandlung, als man dort nicht gemeinhin gegen Rabbiner und Vorsteher, sondern gegen d i e Rabbiner und Führer der Gemeinde die Anklage erhebt, die, wie es ein elfjähriger Knabe durchs Schlüsselloch bemerkt haben soll, den Mord an dem Mädchen begangen hätten. In Xanten ließ man schon . . . die Rabbiner und Vorsteher überhaupt aus dem Spiele, und man hielt sich lediglich an die Person, die für den Schächtakt zunächst in Betracht kam: an den Schächter Buschhoff. ... Erst Polna und Könitz bringen die neue Phase in der Blutlüge. Hier wie dort waren es nicht mehr bestellte Gemeindebeamte, sondern fremde oder einheimische mehr oder minder geheimnisvolle Gestalten — in Könitz kamen

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