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Die Welt · 1913-10-16 · 42 (16.10.1913) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
42 (16.10.1913)
Date
1913-10-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1430 Nr. 42 wir verwahren uns alle mit euch gegen die ungeheuerliche Verleumdung gewissenloser Demagogen, die es verstanden haben, bis zum Zarenthron vorzudrmgen! Öder würde es dem Ansehen der Berliner Judengemeinde geschadet haben, wenn sie in einer Massenkundgebung wieder einmal hätte Stellung nehmen wollen gegen die Verfolgung ihrer Religionsgenossen in Rußland? dem antisemitischen nicht umhin, dem Kongreß . einige Worte des Respekts zu widmen: Wo des Idealismus echte, wahre Begeisterung zu Worte kommt, schweigt der Haß. ... So trete ich denn nochmals an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin mit der Bitte heran: Begnüget euch nicht mit den paar Worten, sie mögen noch so geharnischt gewesen sein, in dem Beratungszimmer der Repräsentanten verlesen. Rufet auf zum Protest gegen den Ritualmordprozeß in Kiew die Gemeinden Deutschlands! Massen protestversammlung in Prag Sonntag, den 12. Oktober fand in Prag eine von der Ortsgruppe der Poale Zion einberufene Protestversammlung gegen den Ritualmordwahn statt. Der große Saal der Produktenbörse war bis auf das letzte Plätzchen von 3000 Personen gefüllt, und viele Hunderte fanden keinen Einlaß mehr. Es sprachen zunächst Herr Chaim Nagler für den einberufenden Verein, dann der Obmann des tschechischen sozialdemokratischen Reichsratsverbandes Abg. Nemec, ferner der Obmann des zionistischen Distriktskomitees für Böhmen, Dr. Ludwig Singer, und sodann noch die Vertreter mehrerer tschechischer politischer Parteien. Von den deutschen Parteien war keine vertreten, wie überhaupt von deutscher Seite noch kein Wort des Protestes gefallen ist. Sämtlidie Redner brandmarkten den Beilis-Prozeß in scharfen Worten als Schandmal der Kultur. Die Versammlung verlief sehr würdig und überaus eindrucksvoll. das auch jetzt im Beiüs-Prozesse unter staatlichem Schutze in die Volksmassen getragen wird. Oeffentlich und feierlich verweist sie auf die heiligen Bücher, auf den Pentateuch, welcher schon vor Jahrtausenden die Reihe der Verbote mit dem strengsten Verbote des Mordes beginnt, auf den zum Gemeingut der gesamten Kulturmenschheit gewordenen Dekalog, dessen sechstes Gebot: „Du sollst nicht morden!“, ferner auf das gesamte religiöse Schrifttum und die Tradition. Endlich verweist sie auf die Stimme zahlreicher erleuchteter Männer des Christenwahnwitzige, lügenhafte Beschuldigung zu erheben und immer Daß es einen jüdischen Ritualmord nirgends und niemals gibt oder gegeben hat, und daß nur fanatischer Haß diese wahnwitzige lügenhafte Beschuldigung zu erheben und immer wieder zu erneuern vermag." Vor Schluß der Versammlung traf ein von sämtlichen rumänischen demokratischen R.eichsrats- und Landtags-Abgeordneten der Bukowina unterschriebenes Telegramm ein, in welchem dieselben den Ritualmordprozeß, der einen Schandfleck der menschlichen Kultur darstelle, und der nur noch in einem barbarisch regierten Staate wie Rußland Vorkommen - könne, verdammen. Der ungeheuerliche Ritualmordprozeßx in Kiew begegnet in fast allen Kreisen und Nationalitäten der Bukowina lebhaftem Interesse. Die meisten Zeitungen, die ausnahmslos eine dem Angeklagten Beilis gegenüber sympathische Stellung einnehmen, bringen über die Anklage und den Gang der Verhandlung ausführliche Berichte. Protest der Gemeinde Czernowitz Am 9. Oktober, am Vorabend des Jom Kippur, veranstaltete die Czemowitzer israelitische Kultusgemeinde im jüdischen Nationalhause eine Protestversammlung gegen den Kiewer Ritualmord-Prozeß, an der wohl alle jüdischen Bürger teilnahmen. Die anderen Kultusgemeinden der Bukowina entsandten Vertreter». Nach Eröffnung der Versammlung durch den Präses der Kultusgemeinde Dr. Straucher protestierte Oberrabbiner Dr. Rosenfeld in einer längeren Rede energisch gegen die Ritualmordlüge und gegen die Schmach, die der altehrwürdigen jüdischen Religion angetan werde. Er schloß mit dem Wunsche, Gott möge die Richter im Beilis-Prozesse erleuchten, daß die Anklage, die gegen das jüdische Volle erhoben wurde, zurückgezogen werde. Die Rede, die wiederholt durch Pfui-Rufe gegen den Ritualmord-Prozeß unterbrochen wurde, übte auf die Anwesenden, worunter auch viele Frauen waren, einen nachhaltigen Eindruck aus. Hierauf sprach noch Dr. Straucher gegen die Rftualmordlüge und beantragte folgende einhellig angenommene Resolution : „Die heute im „Jüdischen Hause" in Czernowitz tagende Versammlung der gesamten Judenschaft der Bukowina erhebt in tiefinnerster Empörung feierliche Verwahrung dagegen, daß in dem am 8. Oktober 1913 begonnenen Prozesse gegen den Juden Beilis in Kiew vom öffentlichen Ankläger die Anklage auf jüdischen Ritualmord erhoben wird. Die österreichische Judenschaft, die vor 14 Jahren gegenüber einer ähnlichen Beschuldigung im eigenen Lande ihre Stimme erheben mußte, erneuert heute den Protest gegen die ihrer heiligen Religion angetane Schmach, gegen die Beschimpfung ihres alt ehrwürdigen Glaubens und seiner Grundlehren, gegen die freventliche Auffrischung des unheilvollen, wahnwitzigen Blutmärchens, dem Tausende ihrer Glaubensbrüder zum Opfer gefallen sind, und Der Protest der Poale Zion Sonntag, den 12. Oktober, fanden zur. nämlichen Stunde in sämtlichen Städten, in welchen poalezionistische Ortsgruppen bestehen, Protestversammlungen der allweltlichen poale-zfonistischen Organisation gegen den Kiewer Rituahnordprozeß statt. Die Aktion diente vor allem der Aufklärung über die wirklichen Ursachen dieses mittelalterlichen, von der russisch«» Reaktion inspirierten Verfahrens. Unter den österreichischen Veranstaltungen sind insbesondere das massenhaft besuchte Wiener und Prager, sowie das einige Tage früher stattgehabte Lemberger Meeting hervorzuheben. Die Wiener Versammlung stand unter dem Eindrücke der in der Sonntagsnummer der „Neuen Freien Presse" enthaltenen (nachträglich dementierten) Nachricht, der Staatsanwalt sei von der Anklage zurückgetreten. Der Referent Herr L. Chasanowitsch erklärte diese Meldung für nicht glaubwürdig, wies jedoch auf die Kundgebungen der russisch«» Intelligenz hin und gab der Hoffnung Ausdruck, daß diesmal die Reaktion ihren Zweck nicht erreichen werde. Auf Veranlassung der poale-zionistischen Parteileitung hat auch das internationale sozialistische Bureau in einem Zirkulare zu Protestaktionen gegen den russischen Ritualmordprozeß aufgefordert. Ein« Kotistentinopeler Kundgebung Bei der am 30. September stattgehabten Versammlung des Vereins Makkabi, über die wir bereits kurz berichtet haben, forderte der Redakteur der „Aurore“, H«r L. S.ciuto, die Versammlung auf, sich den aus allen Ländern der Welt kommenden Protesten gegen die Ritualmordbeschuldigung anzuschließen. Der Redner wies auf die Firmane der Sultane Abdul-Medjid und Abdul-Asis hin, die schon vor Jahrzehnten die Verbreitung dieser verleumderischen Beschuldigung verboten haben, und eiklärte, daß es die Pflicht auch der türkischen Juden sei, ihre Entrüstung über diese gegen die ganze Judenheit erhobene Anklage auszudrücken. Die Versammlung,, der

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