Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 42 (16.10.1913)
- Date
- 1913-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 42 DIE LT 1429 Protest» Kundgebungen Berichte unserer ständigen Korrespondenten Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland übersendet uns folgende Erklärung: Aus Anlaß des Kievver Beilis-Prozesses erheben wir feierlichst Protest gegen die ungeheuerliche Beschuldigung, daß es Juden gäbe, die zu Religionszwecken Menschenblut verwenden. Wir brandmarken es als einen Sch'andfleck unserer Zeit, daß man es wagen kann, einen solchen wahnwitzigen Verdacht zu erheben gegen unser Volk, daß drei Jahrtausende menschheitlicher Hochkultur durchlebt und das die Menschheit Nächstenliebe und Humanität gelehrt hat. Im Namen der Solidarität der gesitteten Menschheit fordern wir die ganze Kulturwelt auf, gemeinsam mit uns den Kampf zu führen gegen die finstere Barbarei, und uns zu helfen, unsere geschändete Menschenwürde - und verletzte Volksehre zu verteidigen und zu schützen. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Das Zentralkomitee: Rechtsanwalt Dr. Hantke-Berlin. Kurt Blumenfeld-Berlin. Dr. H. G. Heymann-Berlin Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin. Leo Motzkin-Berlin. — Rechtsanwalt Dr. Ascher-Dessau Dr. Julius Becker-Berlin. Justizrat Dr. Bodenheimer-Köln. L. Estermann-Jerusalem. Dr Friedemann-Wiesbaden. Rechtsanwalt Gronemann-Berlin. Dr. Halpem-Hamburg. Dr. Jeremias- Posen. Dr. Kalmus-Hamburg. Rechtsanwalt Dr. Kollenscher-Posen. Rechtsanwalt Dr. Leszynsky-Berlin. Richard Lichtheim-Konstantinopel. Dr. Julius Moses-Mannheim. Dr. Pelz- Königsberg. Kurt Rosenbaum-Berlin. Dr. Sandler-Berlin. Zahnarzt Hugo Schachtel-Breslau. Julius Simon-Mannheim. Fritz Sondheimer-Frankfurt a. M. Dr. Stein-Königsberg. Rechtsanwalt Dr. Straus-München. Rechtsanwalt Dr. Weinberg- Dortmund. Arnold Wiener-Kattowitz. Max Wollsteiner-Beriin. Protestversammlung in Berlin In Berlin findet eine vom Reichsverein der deutschen Juden einberufene Protestversammlung gegen den „Blutprozeß von K i e w" am Montag, den 20. Oktober, abends 9 Uhr im großen Saale des Tiergartenhof statt. Redner sind u. a. Privatdozent Dr. Franz Oppenheimer, Dr. Schmarja Levin, Rechtsanwalt Dr. Klee, Kunstmaler und Radierer Hermann Struck, Kgl. Bibliothekar Dr. Heinrich L o e w e. Rabbiner-Protest Der Saloniker Oberrabbiner Jacob Me'ir hat mit dem Oberrabbiner von Magocs (Ungarn), Joseph Lebovitsch, aus Marie'nbad einen Aufruf an die Rabbiner verschiedener* Länder geschickt, in dem diese aufgefordert werden, mit größter Energie gegen die verleumderische Beschuldigung des Ritualmordes, die im Beilis-Prozeß gegen das jüdische Volk erhoben worden ist, zu protestieren. „Bei diesem Prozeß," heißt es in dem Aufruf, „wird der Jude Beilis nicht als irgend ein einzelner behandelt; vielmehr hat man die ganze- Judenheit Rußlands unter der Anklage vor Gericht gestellt, daß sie für ihre Riten Christenblut braucht, um gegen sie die Beschuldigung des Ritualmordes zu erheben und sie durch weitere Angriffe und Progrome bis zur Ausrottung zu verfolgen. Da eine große Reihe von Gelehrten, darunter auch viele Nichtjuden, erklärt haben, daß diese Beschuldigung vollkommen haltlos ist und die Verleumdung auf reiner Erfindung beruht, versucht der russische Staatsanwalt in Kiew, den Standpunkt zu vertreten, daß diese Erklärungen sich auf die Juden im allgemeinen beziehen, während es eine jüdische Sekte, genannt „Chassidim" gibt, die besondere, nach . der Kabbala ausgearbeitete Gesetze besitzt, und daß die Juden dieser Sekte Christenblut verwenden." Der Aufruf weist auf die Gefahr hin, die den russischen Juden aus einer Bestärkung des Glaubens an die Ritualmordlüge entstehen kann, und fordert alle Rabbiner auf, mit voller Kraft gegen diese Beschuldigung zu protestieren und feierlich zu erklären, daß es keinerlei jüdische Sekte gibt, die sich zu rituellen Zwecken menschlichen Blutes be- Die Berliner jüdische Gemeinde und die Beilis-Affäre In der Repräsentanten Versammlung der Berliner jüdischen Gemeinde vom 14. September richtete Herr Emil Pincus nachstehende Interpellation an den Gemeindevorstand: „Was hat der geehrte Gemeindevorstand in der Beilis-Angelegen heit, die die Judenschaft in der ganzen Welt tief bewegt, bisher unternommen, resp. gedenkt er in dieser Sache etwas zu tun?" Herr Pincus gibt eine kurze Motivierung seiner Anfrage. Seit zwei Jahren sei Beilis in Kiew unter der Anschuldigung, einen Ritualmord begangen zu haben, verhaftet. Die Anklage laute auf Ermordung aus religiösem Fanatismus zu religiösen Zwecken. Zu dem Prozeß sei nur ein jüdischer Sachverständiger geladen, der jedoch nur aus nichtjüdischen Schriften die Anklage entkräften dürfe. Angesichts dieser ungeheuerlichen Beschuldigung müßten wir uns mit unseren russischen Glaubensgenossen solidarisch erklären und für diese eintreten. Da der Prozeß am 8. Oktober beginne, sei höchste Eile geboten. Namens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde erklärte hierauf Herr Dr. Feilchenfeld: „Die jüdische Gemeinde ist sich dessen bewußt, daß das jüdische Religionsgesetz den höchsten Forderungen der Sittlichkeit entspricht; sie hält es daher ihrer Würde als jüdische Religionsgemeinde nicht für angemessen, eine öffentliche .Versammlung zu berufen, um zu verkünden, daß die jüdische Religion nicht Verbrechen von ihren Rekennem verlange. Nachdem seit Jahrhunderten bis in die neueste Zeit zahllose jüdische und christliche Gelehrte, die die Quellen im Urtext zu lesen vermochten, immer wieder erklärt haben, daß für Bekenner des Judentums ein Ritualmord unmöglich sei, nachdem Päpste und viele kirchliche Würdenträger die Beschuldigung als Verleumdung gekennzeichnet haben, kann nur krasse Unwissenheit oder böswillige Niedertracht gegen einen Juden die Anklage eines Ritualmordes erheben. Sache der jüdischen Schutzverbände wäre es, zu erwägen, ob sie trotzdem ihrerseits in der Beilis-Angelegenheit noch etwas tun wollen." Herr Sachs gab dem Danke der Versammlung für diese Erklärung Ausdruck und bat, für deren Verbreitung in den jüdischen Blättern und der deutschen Tagespresse zu sorgen. Gegen diese Erklärung des Gemeindevorstandes wendet sich Rabbiner Dr. Ziegler- Karlsbad in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". Dr. Ziegler führt u. a. aus: Die Antwort des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde . . . war sicherlich sehr besonnen, sehr korrekt, vornehm-selbstbewußt und abwehrend, aber Tausende und Tausende hätten ihm zugejubelt, wenn die Antwort nicht in einer kleinen Versammlung mit einigen Worten erteilt worden wäre, ... sondern vor der ganzen Oeffentlichkeit des Deutschen Reiches. Ruhig Blut vor dem Prozeß, nachher werden . wir ja sehen, was sich tun läßt; wie kalt, wie nüchtern, twie unbrüderlich das klingt . . . Unsere Glaubensbrüder in Rußland sehen voll Bangen und Zagen dem 8. Oktober entgegen. O, glaubt nur, ihr Brüder im Reich, es wäre für die Bedrückten und Geknechteten kein geringer Trost, wenn wir ohne. Scheu und ohne Klügeln und ohne Zaudern ihnen so vor aller- Welt laut zuriefen: Glaubensbrüder, wir sind mit euch,