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Die Welt · 1913-10-16 · 42 (16.10.1913) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
42 (16.10.1913)
Date
1913-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42 LT 1427 DIESqEE Brande gefragt, der am 10. Oktober 1911, also fast sieben Monate nach der Ermordung des Justschinski in der Saizewschen Ziegelei, an der Beilis angestellt war, stattgefunden hatte. Es brannte dort ein Stall ab, in dem die Familie des Beilis wohnte. Der Staatsanwalt nimmt wohl an, daß der Brand absichtlich angelegt war, um Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Es wird ein Arbeiter vernommen, der aut der Ziegelei gearbeitet hat. Zu bemerken ist, daß der Brand über zwei Monate nach der Verhaftung des Angeklagten und nachdem schon eine polizeiliche Haussuchung dort stattgefunden hatte, ausgebrochen war. Staatsanwalt: „Können Sie uns nicht sagen, ob die Frau des Angeklagten neben dem Stall in dem das Feuer ausbrach, gewohnt hat?" Zeuge: „Wer kann es wissen." Staatsanwalt: „Wer kann es wissen? Nun frage ich Sie: War es spät abends?" Zeuge: „Jawohl abends.“ Staatsanwalt: „Entstand der Brand auf dem Boden oder anderswo? Waren die Pferde aus dem Stalle herausgeführt?“ Zeuge: „Ja, sie waren herausgeführt." Staatsanwalt: „Ist alles abgebrannt?" Zeuge: „Nein, das Geschirr wurde gerettet." Der Staatsanwalt will sich an die Geschworenen wenden, um aus dieser Aussage seine Schlüsse zu ziehen, er wird aber von der Verteidigung unterbrochen, die ihrerseits Fragen an den Zeugen stellt. Der Zeuge bekundet dann aut diese Fragen hin, daß die Pferde erst nach dem Ausbruch des Feuers aus dem Stalle entfernt worden waren, ebenso, daß auch erst dann die übrigen Sachen gerettet wurden. Festgestellt wird ferner, daß in den Räumen schon vorher eine polizeiliche Haussuchung stattgefunden hatte. Der Staatsanwalt bemängelt es, daß diese Haussuchung nur von der Polizei und nirtit von der Untersuchungsbehörde vorgenommen worden wäre. Die Aussage mehrerer Kinder, die abends spät verhört wurden, 'fördert nichts zutage. Sie alle können sich keiner Einzelheiten entsinnen und antworten meistenteils: „Ich kann nichts sagen." Um 12 Uhr nachts ist die Verhandlung zu Infolge des früheren Redaktionsschlusses dieser Nummer, den das Sukkoth-Fest bedingt, müssen wir den ausführlichen Bericht über die Verhandlung hier abbrechen. Wir lassen die telegraphischen Berichte über die nächsten Verhandlungstage hier folgen und werden sie in der nächsten Nummer durch unseren ausführlichen Spezialbericht ergänzen. Kampf zwischen dem Staatsanwalt und der Verteidigung Kiew, 10. Oktober. Ein interessantes Intermezzo ereignete sich heute, als der Staatsanwalt vorschlug, die Berichterstattung vor Schluß des Prozesses zu verbieten. Der Vorsitzende Boldyroew ließ keine Diskussion über diesen Antrag zu, und das Gericht lehnte ihn ab. Einen recht trübseligen Eindruck machte heute der Aufmarsch der als Zeugen geladenen Schulkameraden des ermordeten Justschinski. Die Kinder sind sehr scheu und vermögen wenig auszusagen, aber trotz ihrer belanglosen Bekundungen kommt es oft zum Geplänkel zwischen dem Staatsanwalt und den Verteidigern. Dann herrscht im Saal eine außerordentliche Spannung. Nervös schnellen beide Parteien häufig von ihren Plätzen empor, und der Präsident selbst kann sich nur mit Mühe der Kampfesstimmung entziehen. Beeinflussung von Zeugen durch die Geheimpolizei Kiew, 10. Oktober. Im weiteren Verlauf der Zeugenvernehmung ersuchte der Verteidiger Grusenberg um die Veröffentlichung des Protokolls über die Haussuchung in der Wohnung Beilis’. Das Gericht lehnte das Gesuch ab und gab nur bekannt, daß die Hassuchung am 9. August stattgefunden hat. Während des Verhörs von vierzehn Kameraden des ermordeten Knaben Justschinski sagten zwei von ihnen aus, sie hätten Justschinski am 25. März, 6 Uhr morgens, auf dem Wege zur Schule gesehen. Agenten der Geheimpolizei hätten ihnen gedroht, sie einzusperren, falls sie nicht aussagten, daß sie Justschinski nicht gesehen hätten. Die Kameraden Justschinskis sagten weiter aus, sie hätten oft in der Nähe der Fabrik Saizews gespielt und zuweilen auch das Fabrikterrain betreten. Die Hausknechte hätten sie oft vertrieben, Beilis jedoch niemals. Eine Niederlage der Ankläger Kiew, 11. Oktober. Der heutige Verhandlungstag hat der Staatsanwaltschaft fast nur Niederlagen gebracht. Die Verhandlung begann mit der Vernehmung der Polizeibeamten, die unmittelbar nach dem Funde die Leiche übernahmen und die ersten Vorkehrungen trafen. Der Staatsanwalt erhob gegen sie die Beschuldigung, daß sie sehr nachlässig gehandelt und die Vorschriften der Strafprozeßordnung verletzt hätten. Er war dabei sehr aufgeregt und wurde deshalb vom Gerichtspräsidenten ermahnt, nicht so leidenschaftlich sein Verhör der Zeugen vorzunehmen. Sehr interessant gestaltete sich auch das Verhör zweier Mitarbeiter der angesehensten lokalen Zeitung „Kiewskaja Myssl", Bartschewski und Ordynski-, über die ersten Bemühungen der Presse, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Bartschewski erklärte, die Mutter und der Stiefvater des Ermordeten seien in der Redaktion seiner Zeitung gewesen, um über das Verschwinden Justschinskis zu berichten. Sie seien dabei sehr ruhig gewesen; der Stiefvater habe sogar g e 1 ä c h e 11. Ordynski teilt mit, die Wäscherin Simone nkowa habe gesagt, alle sprächen davon, die Juden hätten den Mord begangen, sie wisse aber, wer der Mörder sei. Ordynski erklärte ferner, er habe gehört, daß Vera Tscheberjak gesagt habe, Justschinski sei von den Brüdern Mifle und einem Verwandten ermordet worden. Man sieht daraus, wie Journalisten von Namen, darunter auch der bekannte Feuilletonist Jablonowski, von Anfang an die schwierigsten Recherchen vorgenommen haben, um die wirklichen Mörder zu entdecken. Der Staatsanwalt sucht der Kiewer Presse daraus einen Strick zu drehen, aber ihre lauteren Absichten treten um so deutlicher hervor. Ein Zeuge, N ä k o n j e t s c h n i, ein intelligenter Schuster, tritt als entschiedener Entlastungszeuge auf. Er vernichtet die Glaubwürdigkeit des Hauptbelastungszeugen, des Laternenanzünders Schachowskoi, den er als unzuverlässigen, leichtsinnigen Menschen kennzeichnet. Er widerlegt ferner die Erzählung, daß Kinder durch den Zaun der Ziegelei Saizew geklettert und dort beim Spielen auf dem „Mjalo", einer Vorrichtung zum Zerreiben von Lehm, von Beilis gepackt worden seien und Justschinski von Beilis weggeschleppt worden sei. Im März 1911 haben Kinder durch den Zaun nicht durchschlüpfen können, da nach den Aussagen Nakonjetschnis zu dieser Zeit ein zwei Meter hoher Zaun ohne Löcher den Kindern den Zutritt verwehrte. „Wenn Beilis,“ sagt der Zeuge weiter, „den Justschinski überhaupt weggeschleppt hätte so wäre dieser wilde Vorfall nach einer Stunde mir als Nachbarn und der ganzen Straße bekannt geworden.“ Sein eigenes Töchterchen, das ständig mit Andrjuscha und den anderen Nachbarskindern spielte, hätte sofort über die schreckliche Szene berichtet. Der Staatsanwalt und der Zivilkläger geraten in einige Verlegenheit gegenüber der Wucht dieser Aussage Nakonjetschnis und suchen ihn zu verwirren, erreichen aber nur, daß Nakonjetschni seine Aussage noch einmal Wort für Wort wiederholt. Für die Ankläger niederschmetternd ist in der Abendsitzung die sensationelle Mitteilung der von der Staatsanwaltschaft geladenen Zeugin Tschechowskaja, daß noch am ersten Prozeßtage Vera Tscheberjak im Zeugenraum den Knaben Sarutski zur Abgabe eines falschen Zeugnisses zu bewegen gesucht habe. Er sollte aussagen, daß er am Mordtage mit Justschinski und anderen Knaben im Gehöft der Saizewschen Fabrik gespielt und gesehen habe, wie Beilis Justschinski weggeschleppt habe. Diese überraschende, die ohnehin verdächtige Tscheberjak äußerst komromittierende Aussage der Tschechowskaja rief im ganzen aal außerordentliche Bewegung hervor. Der Hauptbelastungszeuge Schachowskoi Kiew, 12. Oktober. In der fortgesetzten Verhandlung gegen Beilis lauten die Zeugenaussagen recht ungünstig für die Verwandten Justschinskis und für die verdächtige Vera Tscheberjak. Der Destillinhaber Dobschanski, bei dem die dunkle Gesellschaft der Tscheberjak verkehrte, charakterisiert die Tscheberjak als die „niedrigste Person der Diebesband e", und erzählt, daß die verstorbene Tante Justschinskis, Natalia, bei der der Ermordete gelebt hatte, nach dem Morde sagte: „Ihn haben die Seinigen ermordet". Der Zeuge Jaschtschenko will am Tage des Mordes, um 7 Uhr morgens, eine dem Stiefvater Justschinskis, Prichodko, ähnliche Person, in der Nähe der Höhle, in der die Leiche gefunden wurde, nach einem Hain gehen gesehen haben. Prichodko sucht diese Aussage dadurch zu entkräften, daß er erklärt, er habe nie, wie Jaschtschenko sage, ein rasiertes Kinn, sondern immer Vollbart getragen. Diese Angabe Prichodkos wird jedoch durch andere Zeugen widerlegt. Dann

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