Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-10-16 · 42 (16.10.1913) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
42 (16.10.1913)
Date
1913-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316614--58085-3376598
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1424 Nr. 42 DIE^LT Und insofern hatte sie eine gewisse Berechtigung, denn der Krieg und die Politik nehmen selten Rücksicht auf ethische Maximen. Die ihre Existenz verteidigende Reaktion konnte glauben, alle Mittel seien für ihren Daseinskampf erlaubt, und in dem speziellen Fall handelt es sich schließlich bloß um ein quantitatives Mehr an Unmoral. Sie wurde aber so groß, daß schließlich auch manche russischen Staatsmänner stutzig, wurden. Als die Anklageschrift bekannt geworden war, da sah man notgedrungen ein, daß nicht der leiseste Verdacht auf Beilis fallen konnte. War es schon kein Ritualmord, so doch vielleicht ein Sexualmord, oder ein gewöhnlicher Mord aus anderen Motiven. Nichts von alledem versuchte die Anklage auch nur anzudeuten! Man sah bald ein, daß an Stelle des Beilis irgendein beliebiger Jude eingekerkert werden konnte. Und da die Staatsräson es nicht mehr erforderte, so wollte man der ganzen Geschichte schnell ein Ende machen. Maßgebende Mitglieder des russischen Ministeriums drängten aüfbaldige Beendigung — auf diese oder jene Weise. Man sprach schon von der Freilassung des Beilis. Aber da hatte man nicht mit den maßgebenderen Faktoren gerechnet, für welche die Juden die Ursache der ganzen revolutionären Bewegung in Rußland sind und an denen man deshalb eine nicht so bald zu vergessende Rache nehmen wollte. Deshalb mußte Beilis im Gef ängnis bleiben! Das ist der Kern der sich jetzt abspielenden Tragikomödie in Kiew. Es handelt sich jetzt im letzten Grunde nicht um einen religiösen Kampf, noch um die Macht der Finsternis, die bekämpft werden muß, ja nicht einmal mehr um die Staatsraison der jetzigen russischen Reaktion. Wer sich davon überzeugen will, daß die Staatsraison jetzt gegen die Beilis-Affäre ist, braucht nur die dem russischen Ministerium nahestehende französische Presse zu lesen, angefangen vom Finanzorgan „^Information" bis zum „Matin". Und trotzde wird Beilis vor Gericht gestellt: er ist das Sühnopfer des ungestillten Durstes nach Rache für die revolutionäre Bewegung, als deren Hauptträger man die Juden hingestellt hat, um den Glauben an die Loyalität des russischen Volkes zu retten. Eben weil auch die reaktionäre Staatsraison nichts -mehr mit diesem Prozeß zu tun hat und weil die nackte Rache als letzter Grund zum Vorschein kam, deshalb hat die seit 48 Jahren erscheinende nationalistischreaktionäre Zeitung, „K i e w 1 i a n i n" ihre Stimme gegen den Prozeß erhoben... und wurde dafür konfisziert. Sogar der Fürst Meschtscherski, der Vertrauensmann Alexanders III. und Redakteur der erzreaktionären Zeitung „Graschdanin" schrieb dieser Tage, der ganze Prozeß Beilis gehöre in ein Tollhaus. Der wirkliche Kampf spielt sich nicht zwischen dem Ankläger und den Verteidigern des Beilis ab, nicht bloß zwischen Reaktion und Linksparteien, sondern hauptsächlich zwischen der Staatsraison der besonnenen leitenden Männer Rußlands und der Rachsucht unverantwortlicher Faktoren. Unter diesen Umständen ist es natürlich zwecklos, über den Ausgang des Prozesses Vermutungen anzustellen. Berücksichtigt man aber nicht nur die tatsächlichen und die möglichen Folgen dieses skandalösen Prozesses, sondern seinen wahren Grund, so ist eines klar: die jüdische Ehre kann dieser Prozeß in keiner Beziehung berühren. DER TRAGÖDIE LETZTER AKT Von unserem ständigen Berichterstatter Am achten Oktober hat endlich in Kiew der nunmehr historische Prozeß begonnen. Mehr als zwei Jahre dauerten die angestrengten Vorbereitungen. Mehr als zwei Jahre arbeiteten Minister und Vizeminister, Kammer- und Kreisgerichtspräsidenten, Staatsanwälte und Oberstaatsanwälte, Untersuchungsrichter und Polizeigewaltige aller Art im Schweiße ihres Angesichts, bis es ihnen endlich gelang, einen armen unschuldigen Juden nach endloser, qualvoller Untersuchungshaft vor den Richterstuhl zu schleppen. Und man muß sagen: die Sache war der Mühe wert. Nicht Mendel Beilis allein, sondern das gesamte jüdische Volk sitzt mit ihm auf der Anklagebank. Denn die Anklageschrift spricht ausdrücklich von einem Morde aus religiösen Motiven, und diese Begründung ist es gerade, die den ehrenwerten Männern die größten Mühen und Sorgen verursachte. Am Anfang trug man Bedenken, trotz der großen Versuchung, sich vor Europa lächerlich zu machen. Man zog es daher vor, den „Ritualmord" etwa nach dem Muster von Po Ina zu verschleiern. Dies genügte aber den „Säulen des Vaterlandes“ nicht, und man mußte sich schon dazu verstehen, der herzgeliebten Reaktion den Gefallen zu erweisen und die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Das heiß ersehnte Ziel ist also erreicht. Dem Judentum wird in aller Form der Prozeß gemacht und „Leuchten der Wissenschaft" wie Professor S i k o r s k i und Pater P r a n a i t i s decken die ungeheuerliche Anklage mit ihren allerdings nicht sehr überzeugenden Namen. In einer sehr schwülen Atmosphäre geht jetzt die Gerichtsverhandlung vor sich. Die Stimmung unter der Kiewer jüdischen Bevölkerung seit Beginn des Beilis-Prozesses ist eine unbeschreiblich erregte und mutlose. Nach den vielen Erfahrungen mit den Pogromen, nächtlichen Streifen der Polizei, Massenausvveisungen u, dgl. glauben die Juden Kiews das schlimmste befürchten zu müssen. Das entnervende Pogromgespenst, das seit der Ermordung Justschinskis, besonders aber seit der Ermordung Stolypins über den hiesigen Juden schwebt, war nie so drohend, wie gerade jetzt. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die Affäre Beilis auch einen Fall von Geistesstörung zur Folge hatte. Ein armer kranker Jude, dem der Beilis-Prozeß offenbar den Verstand geraubt hatte, bestieg vorigen Sonntag in der großen Wladimir-Kathedrale zu Kiew die Kanzel und hielt an die Versammelten eine wirre Ansprache, die die Grundlosigkeit der Blutbeschuldigung dartun sollte. Den armen Mann schützte seine offenkundige Geistesstörung nicht davor, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Dieser an sich unbedeutende Vorfall Hatte für die Juden Kiews recht unangenehme Folgen: Der Gouverneur ließ den Großrabbiner H o r o w i t z und den bekannten Philanthropen Leo Brodsky als Vertreter der jüdischen Gemeinde zu sich kommen und ermahnte sie, auf die jüdische Bevölkerung dahin zu wirken, daß sie sich nicht zu Exzessen hinreißen lasse! Dabei betonte Seine Exzellenz nachdrücklich, daß er alle Versuche von jüdischer Seite, Unruhe zu stiften, mit rücksichtsloser Gewalt unterdrücken würde!! Gegenüber dieser unerhörten Verhöhnung soll Brodsky ruhig erklärt haben, daß Unruhen jüdischerseits nicht zu befürchten seien, da die Juden noch nie einen Pogrom veranstaltet haben; er persönlich finde es übrigens überhaupt unter der Würde des Judentums, auf die niederträchtige Verleumdung, die bereits von der gesamten Kulturwelt als soldie erkannt werde, in irgendeiner Weise

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.