Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 42 (16.10.1913)
- Date
- 1913-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRQ. BERLIN, 16. Oktober 1913 uniOT n»onn 'x nvn 1-" Nr. 42. DER WAHRE GRUND DES BEILIS-PROZESSES Von besonderer Seite wird uns geschrieben: Nicht um ein konkretes Individuum handelt es sich, sondern um ein Symbol- Und darauf kommt es an: das Symbol zu erfassen. Die Anklageschrift gegen Beilis zählt etwa 46 Folioseiten in Maschinenschrift, davon sind Beilis ganze sechs Seiten gewidmet, wovon drei Seiten eine Schauergeschichte aus der Zeit erzählen, zu der Beilis schon im Gefängnis saß. Anderthalb Seiten beansprucht der resolutive Teil, und etwa ebensoviel, eine und eine halbe Seite, sprechen von den Präsumptionen der Schuld Beilis'. Und da wird nur eine einzige Tatsache vorgebracht: ein kleines Kind behauptet, es habe gesehen, daß Beilis den ermordeten Justschinski ergriffen habe. Das ist absolut alles. Nein, noch etwas: ein anderes Kind widerlegt diese Aussage! Es ist also gar keine Rede von einer juridisch fundierten Anklage. Die war ja aber nicht notwendig: es handelte sich eben nicht um ein konkretes Individuum, sondern nur um ein Symbol. Nun beschäftigt sich die Anklage mit der Begründung des Ritualmordes als eines notwendigen Zubehörs der jüdischen Religion, resp. der Religiosität irgend einer jüdischen Sekte. Merkwürdig genug: kein russischorthodoxer Theologe, sondern der polnisch - litauischkatholische Pater Pranaitis liefert diesen „Beweis". Man hat daraus den Schluß gezogen, Beilis sei ein Symbol des geschichtlichen Kampfes des Christentums gegen das Judentum. Man konnte um so leichter zu diesem Schlüsse verleitet werden, als tatsächlich alle bisherigen Ritualmordprozesse diesen Charakter trugen. Deshalb auch glaubten jüdische Rabbiner, sie könnten durch ihre feierlichen Schwüre die Christen von der Abscheulichkeit dieser Beschuldigung überzeugen. Und andere Juden meinten, Proteste angesehener christlicher Theologen würden die abergläubischen Christen eines besseren belehren. Man verlegte den ganzen Kampf auf das Gebiet der ethisch-religiösen Prinzipien. Es mag ja wahr sein, daß nicht bloß in der großen Masse der russischen Analphabeten der Glaube an den Ritualmordschwindel noch lebendig ist. Auch unter der russischen Intelligenz finden sich ehrenwerte Leute, die an diesen Spuk glauben. Und ist denn das hochzivilisierte Westeuropa, soweit es an Rußland grenzt, schon ganz und gar von der schrecklichen mittelalterlichen Erbschaft dieses Wahnes befreit? Aber trotzdem muß man, sich darüber klar werden, daß die Beilis-Affaire nicht diesem Boden entwachsen ist. Man findet da keine Spur von religiösem Kampf, nicht einmal von religiösem Wahn. Sieht man sich die Hauptakteure der ganzen Affaire an, so spürt man sofort, daß es sich da nicht um religiösen Fanatismus handelt, der, so verhängnisvoll er werden kann, doch menschlich, allgemein menschlich ist. Es ist überhaupt jetzt in Rußland keine Stimmung für religiösen Fanatismus. Eher das Gegenteil: in die russische Masse dringt jetzt der religiöse Rationalismus ein, der dem Judentum gegenüber eher zu Toleranz geneigt ist. Somit ist Beilis kein Symbol des religiösen Kampfes. Und alle Schwüre der Rabbiner und alle Proteste christlicher Theologen berühren den Kern der Affäre ganz und gar nicht. Viel eher nähern sich diejenigen der Wahrheit, die die Beilis-Affäre als Symbol der in Rußland herrschenden Reaktion betrachten. So war es auch am Anfänge. Vor 28 Monaten sprach man davon, in der Duma ein Gesetz über die Abschaffung des sogenannten Ansiedlungsrayons einzubringen. Zu jener Zeit bestand eine Hoffnung, in der Duma dafür eine Mehrheit zu erlangen. Wenigstens glaubte man an diese Hoffnung — links und rechts. Und da tauchte — natürlich ganz zufällig! — die Beilis-Affäre auf. Und plötzlich war die Stimmung in der Duma umgeschlagen. Die Rechte jubelte: gegen ihre darauf bezügliche Interpellation in der Duma wagten nicht einmal die Oktobristen aufzutreten. Die Hoffnung auf eine Majorität zu Gunsten der Abschaffung des Ansiedlungsrayons war plötzlich verschwunden. Und die Hetze gegen die verjudeten „Kadetten" und die anderen Linksparteien setzte mit ungeheurer. Intensität ein: der Ministerpräsident Stolypin schüttelte sogar die zahmen Oktobristen ab, mit denen er bis dahin kokettierte. „Beilis" hatte die Reaktion für ein paar Jahre von neuem befestigt. Denn die ganze Judenfrage ist zum Zentralpunkte der russischen Reaktion geworden, wie es auch in den anderen Ländern seinerzeit war und teilweise noch ist. Die Rechtlosigkeit der Juden ist der Exponent der allgemeinen Rechtlosigkeit geworden. So lagen die Dinge bis vor etwa einem Jahre. Im Sommer vorigen Jahres wollte man die Sache erledigen nach dem Prinzip: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Bis dahin war die Beilis-Affäre eine Angelegenheit der sogenannten Staatsraison.