Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 1408 DIE^ELT „Die Zeit“, Wien Zum ersten Male seit der Begründung des modernen politischen Zionismus tagt ein Zionistenkongreß in Wien, dem Wohnort des Begründers des Zionismus, Theodor Herzl. Bisher hatten die Kongresse in Städten stattgefunden, die, wie Basel und Haag, fernab liegen vom lauten Weltgetriebe. Es ist, als wolle der Zionismus jetzt mehr aus sich heraustreten, als er es bisher getan hat. Darauf deutet auch die Tatsache hin, daß während der Kongreßtagung auch in allen Wiener Bezirken zionistische Agitationsversammlungen stattfinden werden, um unter den bisher nicht zionistischen Juden Anhänger zu werben .... Anläßlich des XI. Zionistenkongresses ist der kleine Musikvereinssaal in ein Ausstellungslokal verwandelt worden, wo allerlei von dem gezeigt wird, was jungjüdische Kunst und Hausindustrie in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Besonderes Interesse erwecken die Erzeugnisse des Bezalel, der jüdischen Kunstgewerbeschule, die vor einigen Jahren von der zionistischen Organisation in Jerusalem gegründet wurde. Man sieht hier wunderhübsche Elfenbein-, Perlmutter- und Metallarbeiten, die letzteren in getriebener Ausführung oder mit Steinen inkrustiert. Ein Teil des Saales ist auch einer kleinen Spitzenausstellung gewidmet, die vom Verband der Frauen für Kulturarbeit in Palästina veranstaltet wurde und einen ungefähren Begriff von der Entwicklung der palästinensischen Hausindustrie geben soll. Tatsächlich sind diese Palästinaspitzen, die in arabischer Nadelarbeit ausgeführt sind, von aparter und zierlicher Anmut und wirken, wie die beiden ausgestellten Toiletten beweisen, auch auf elegantesten, europäischen Modeerzeugnissen geschmackvoll und distinguiert. Jedenfalls legt diese Ausstellung trotz ihres geringen Umfanges, ein schönes Zeugnis davon ab, was Fleiß und Kunstfertigkeit in wenigen Jahren den einst so verödeten Stätten Palästinas abgerungen haben. „The Near East“, London Der XI. Zionistenkongreß war von über 500 Delegierten und 3500 Gästen besucht, eine Zahl, die in der Geschichte der jüdischen Nationalbewegung einen Rekord bedeutet. Mindestens ein Viertel der Delegierten kam aus Rußland, wo die Hälfte aller Juden wohnt, ferner hatte Oesterreich-Ungarn ein starkes Kontingent gestellt, wiewohl überhaupt jedes Land mit einer kompakten jüdischen Bevölkerung vertreten war. Die Vereinigten Staaten und Kanada, die bei früheren Kongressen durch europäische Delegierte vertreten waren, hatten diesmal ihre eigenen Delegierten geschickt; aus Palästina kamen 30 Delegierte. Wer die Verschiedenheit jüdischer Typen studieren will, kann keine bessere Gelegenheit hierzu finden als einen zionistischen Kongreß, wo man allenthalben auf verschiedene Züge, verschiedene Kleidung und verschiedene Sprachen stößt. Während bei früheren Kongressen vorwiegend russisch und Jargon gesprochen wurde, ist es ein charakteristisches Zeichen für den Fortschritt der jüdischen Nationalidee, daß jetzt sowohl bei den Gesprächen der Delegierten untereinander wie bei den Kongreßverhandlungen das Hebräische eine hervorragende Rolle spielt. Die Aufgaben des Kongresses können in zwei Kategorien geteilt werden: in einen geschäftlichen und einen geselligen Teil. Der geschäftliche Teil ist maßgebend für die künftige Leitung der Bewegung und die Richtlinien ihrer künftigen Tätigkeit. Der gesellige Teil dagegen ist fast von gleichwertiger Bedeutung, denn in ihm manifestiert sich die Vielseitigkeit der modernen jüdischen Nationalidee. Der Kongreß wurde durch Prof. Otto W a r b u r g eröffnet, der einen Ueberblick über die Entwicklung des Zionismus seit seiner Begründung gab .... Die Kongreßverhandlungen beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Bericht des Actions-Comites über seine Tätigkeit auf den Gebieten der Organisation, Propaganda und palästinensischen Kolonisation. Durch Stärkung der Organisation sind nun auch in Ländern, die bisher wenig vom Zionismus beeinflußt waren, wie Aegypten, Griechenland, Skandinavien und Westaustralien zionistische Gesellschaften gegründet worden. Die Parteileitung wurde in einzelnen Punkten scharf kritisiert; doch wurden andererseits ihre Verdienste um die Verbreitung des zionistischen Gedankens anerkennend hervorgehoben. Auch die Kolonisationsmethode in Palästina wurde wegen ihrer angeblich zu schnellen und unvorsichtigen Unternehmungen angegriffen. Dt. R u p p i n, der Leiter des Palässtinaamtes, hob jedoch richtig hervor, daß die jüdische Kolonisationsarbeit beispiellos dastände und daher notgedrungen experimentieren müsse. Als Beweis für den Fortschritt der Kolonisation gab er an, daß die Einnahmen des Palästinaamtes 1908 nur 238 000 Frs. betragen hätten, während sie sich für die ersten sechs Monate des Jahres 1913 bereits auf über 3 500 000 Frs. belaufen. Eine der interessantesten Fragen des Kongresses war die Gründung einer jüdischenUniversitätin Jerusalem. Es ist fraglich, ob die augenblicklichen Verhältnisse in Palästina für die Verwirklichung eines so gewaltigen Werkes günstig sind; da der Kongreß das eingehendere Studium der Frage einer besonderen Kommission übertragen hat, ist jedoch eine baldige Verwirklichung des Planes ohnehin nicht zu erwarten. Inzwischen wird man sich um die Sammlung der notwendigen Fonds bemühen .... „The Times“, London Der XI. Zionistenkongreß hat gestern abend sein Ende erreicht. In den Verhandlungen gab es scharfe und in einigen Fällen hitzige Meinungskämpfe — ein Beweis dafür, daß unter den Anhängern der Bewegung beträchtliche Verschiedenheiten der Ansichten bestehen. Besonders wurde die Art des Kolonisationswerkes in Palästina kritisiert; ferner stieb die Forderung seitens des Zentralkomitees, daß die Verwaltung der Finanzinstitute der Parteileitung übertragen werden sollte, auf starken Widerspruch. Die Jüdische Kolonialbank zusammen mit den von ihr fundierten Unternehmungen besitzt Depositen im Betrage von über 400.003 £. Herr Wolftsohn, der Präsident des diesjährigen Kongresses und frühere Präsident der Zentral-Organisation, bekämpfte diese Forderung mit der Begründung, daß das Vertrauen der Depositeninhaber zur Bank daherrühre, daß letztere aut rein geschäftlicher Basis geführt werde. Eine Aenderung in den Prinzipien der Bankleitung könnte bedenkliche Folgen nach sich ziehen. Trotz der an der Politik des Zentralkomitees geübten Kritik wurde aber ein Votum des Vertrauens und Dankes für die von ihm geleistete Arbeit einstimmig angenommen. Der Vorschlag zur Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem, der von Dr. Weizmann - Manchester eingebracht wurde, fand einerseits Unterstützung, andererseits Opposition. Es wurde betont, daß eine derartige Universität, abgesehen von ihrem inneren Wert, ein Zentrum für die Verbreitung jüdischer Nationalideen durch die Studenten werden könnte. Andererseits wurde darauf hingewiesen, daß die Gründungskosten die Einnahmen der Bewegung verschlingen würden, daß Palästina den dort ausgebildeten Akademikern kein Tätigkeitsfeld zu bieten imstande wäre. Es scheint jedoch, daß die Idee in Kreisen, die ihre Zustimmung in materieller Form auszusprechen vermögen, Anklang findet; der Präsident kündigte nämlich an, daß, obgleich noch keine systematische Sammlung in die Wege geleitet sei, bereits Beiträge in einer Gesamthöhe von 16.000 £ gezeichnet worden wären. Die jüdische Bevölkerung von Wien, das bekanntlich die Heimat des Schöpfers des Zionismus war, steht im allgemeinen der Bewegung fern, und es ist bemerkenswert, daß die Presse, von der man eigentlich ein besonderes Interesse für Angelegenheiten des jüdischen Volkes erwarten könnte, sich mit spärlichen Berichten über die Kongreßverhandlungen begnügt hat. „Jewish Chronicle“, London Einer der hervorragendsten Delegierten Englands faßte seine Ansichten wie folgt zusammen: „Ich habe fast sämtlichen Zionistenkongressen beigewohnt, und ohne jeden Zweifel ist der letzte der eindrucksvollste und erfolgreichste von allen gewesen, selbst wenn wir ihn nur daraufhin betrachten, welchen Eindruck er auf die Oeffentlichkeit gemacht hat. Dieser Eindruck wurde in der Hauptsache hervorgerufen durch die Zahl der anwesenden Delegierten, die allgemeine Ordnung der Verhandlungen und die große Zahl von Zuhörern, die den Kongreßsaal von früh bis abends füllte. Es ist wohl wahr, daß etwas von Desorganisation zu spüren war, besonders bei der Eröffnungssitzung, und es war auch nicht ganz bequem für die Delegierten, daß sie bei Zusammenkünften in ihren verschiedenen Delegationen Räume benutzen mußten, die vom Kongreßgebäude ziemlich weit entfernt lagen. Nur diejenigen, die die Bedeutung Nordaus und Herzls würdigen, konnten einen Unterschied zwischen diesem und den früheren Kongressen bemerken, an welchen diese beiden Giganten teilnahmen. Alle diejenigen, die nie vorher an einem Kongreß teilgenommen haben, und die daher den Verlust nicht empfanden, den die Abwesenheit dieser beiden bedeutete, muß der Wiener Kongreß als die eindrucksvollste und bedeutendste jüdische Versammlung erschienen sein, die je stattgefunden hat. Meiner Ansicht nach steht er in vieler Hinsicht einzig da, und nicht zum mindesten darin, daß die Verhandlungen mehr denjenigen eines wirklichen Kongresses gleichkamen, als die der vorhergehenden Kongresse. Die Differenzen, welche zweifellos zwischen verschiedenen Zionisten bestehen, traten nicht in den Vordergrund, sondern vielmehr die Uebereinstimmung in vielen Punkten, die zeigte, daß wir gelernt haben, politisch und verständig zu handeln.