Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 1409 DIES^ELT Die Art, wie über die Frage betreffs der jüdischen Universität verhandelt wurde, zeigte, daß der Kongreß auf der von ihm geforderten "Höhe stand. Die einzige Klippe — die Bankfrage — wurde anscheinend zu allgemeiner Zufriedenheit umschifft, und wenn die Parteigenossen in der Zeit zwischen dem jetzigen und dem nächsten Kongreß die Propaganda in der Weise durchführen werden, wie es der Kongreß mit seiner Arbeit tat, so glaube ich sicher, daß die zionistische Bewegung noch mehr Anhänger gewinnen wird in den kommenden zwei Jahren, als in den verflossenen geschehen ist. Man muß jedoch mit Genugtuung erwähnen, daß die Zahl der neu hinzugekommenen Gesinnungsgenossen in den letzten zwei Jahren sehr groß war, und selbst hier in England ist ein ruhiger aber ständiger Fortschritt zu verzeichnen. Ich bin kein Journalist, obwohl ich glaube, daß unter den Delegierten eine Anzahl Journalisten war, aber mir scheint es, daß in vieler Hinsicht diese Delegierten-Journalisten die kleinen Meinungsverschiedenheiten, welche bei einigen Reden zutage traten, übertrieben haben. So bemerkte ich z. B., daß Worte wie „Tumult“, „Unruhe“ usw. einige Male in Zeitungsberichten gebraucht waren. Es ist im höchsten Grade lächerlich, derartige Attribute irgendwelchen Kongreßverhandlungen beizulegen. Ich fürchte, mein Bericht über den Kongreß wird nicht so pittoresk sein, wie diejenigen unserer journalistischen Freunde, aber er ist sicherlich korrekter. Ich kann nicht von dem Kongreß sprechen, ohne dabei der Art zu gedenken, in der wir von den Bewohnern Wiens empfangen wurden. Es ist allgemein bekannt, daß Wien eine antisemitische Stadt ist, aber keiner unserer Delegierten oder der Tausende von JCongreßbesuchern kann über das geringste klagen, und ich kann nur sagen, daß, wo ich auch immer hinkam, dem kleinen zionistischen Abzeichen Interesse entgegengebracht wurde. Bei den englischen Delegierten errege das wundervolle Turnfest ganz besonderes Interesse und Aufsehen, an dem 2000 jüdische Knaben, Mädchen, Männer und Frauen mitwirkten, und das alles in den Schatten stellte, was bisher von jüdischen Organisationen dieser Art — wenigstens in England — geleistet wurde. Wenn wir diese turnerischen Vorführungen einerseits und den Beschluß, eine jüdische Universität zu gründen, andererseits bedenken, und alle anderen Fortschritte — z. B. die Entwicklung der kolonisatorischen Arbeit in Palästina — überlegen, so scheint es mir, daß die für die erfolgreiche Kolonisierung eines Gebietes notwendigen drei Faktoren — Geist, Kraft, Menschen — jetzt durch die Juden für Palästina in Anwendung kommen. „The Jewish Exponent“, Baltimore „Allgemeine Zeitung“, Czemowitz Die Wirklichkeit von heute ist die Utopie von gestern. Dieses Wort hat der bekannte Soziologe Franz Oppenheimer, der in den großen sozialwissenschaftlichen Fragen früherer Zionistenkongresse entscheidend mitwirkte, jüngst geprägt, und wer den Verhandlungen des elften Zionistenkongresses mit Aufmerksamkeit folgt und wer insbesondere den letzten Jahresbericht des Berliner Aktionskomitees der zionistischen Bewegung liest, kann man mit einiger Einschränkung des Oppenheimerschen Satzes sagen: Die Utopie von 1895 kann zur Wirklichkeit von 1920 werden. Achtzehn Jahre sind verflossen, seitdem Theodor Herzl durch seine berühmte Schrift den Anstoß zur neujüdischen Bewegung, an deren Spitze er bald trat, gegeben hat, und schon werden die Utopisten und vielbespöttelten Sschwärmer jener Tage voll und ernst genommen. Schon kann — und das ist wohl die Hauptsache — der Zionismus auf große praktische Erfolge, auf keimendes, ja blühendes jüdisches Leben in Palästina, auf eine finanzielle und wirtschaftliche Organisation hinweisen, der Größeres zu leisten beschieden sein muß, weil sie von einem unversiegbaren Idealismus gestärkt wird, und weil die ewig sich erneuernde Judenrot des weiten Ostens den Ansporn zu größeren Taten bildet. In Wien, wo die osteuropäische Judennot ihren letzten Ausläufer in die Westgebiete hat, ist dem Zionistenkongreß eine größere Resonanz beschieden, als in dem stillen Basel, wo bis jetzt die meisten Zionistenkongresse abgehalten wurden. Von Wien aus werden die Worte, die auf dem Kongresse gesprochen werden, lauter nach dem Osten herüberschallen, von dem wir ein Teil sind. Hier in Czernowitz und in der Bukowina, wo durchziehende Scharen verfolgter osteuropäischer Juden wie wandernde Warnungstafeln wirken und wo man das jüdische Problem besprechen darf, ohne aut die offene Verachtung jüdischer Angstmeier und aut die Wut christlicher Rassentheoretiker zu stoßen, hier in der Bukowina darf man auch, ohne mißverstanden zu werden, ein offenes Wort über die Bestrebungen des Zionismus sprechen. Hier darf auch ein allgemeinen Interessen dienendes Journal dem Judenproblem sein Augenmerk zuwenden und alle Nationen ein laden, den Verhandlungen des Kongresses die verdiente Beachtung zu schenken. Ein urarltes, unglückliches und trotz allen in die Augen springenden Flitters um sein Menschentum ringendes Volk sucht die Welt von dem Irrglauben zu befreien, als ob eine Nation nur aus Börsenmaklern .und Geldvermittlern bestehen wolle und bestehen könne. Man höre zu, wie sie es machen will und prüfe, ob ihr Bestreben nicht Sympathie verdient. Die Differenzen zwischen den beiden Parteien beim Kongreß, den politischen und den praktischen Zionisten, sind wegen der zur Schau getragenen krassen Schroffheit zu bedauern. Die bloße Tatsache, daß zwei Parteien, die .bestimmte, wenn auch nicht notwendig entgegengesetzte Ideen vertreten, sich auf dem Kongreß gegenüberstehen, ist an sich kein Zeichen von Schwäche. Es gibt Fälle, wo Harmonie, besonders wenn sie durch schwächliche Zustimmung zu der Handlungsweise einer herrschenden Partei hervorgerufen wird, schädlicher ist als ein prinzipiell ausgefochtener ernster Kampf. Es herrschte Unordnung und ungerechtfertigte Disharmonie auf dem Kongreß; aber doch nicht mehr, als sie in anderen parlamentarischen Körperschaften in Europa oder Amerika zu finden sind. . . . Der politische Zionismus ist unbedingt die Basis der Bewegung; aber das schließt nicht aus, daß der praktischen Arbeit in kluger und nutzbringender Weise Beachtung geschenkt wird. Keine große Bewegung kann existieren, wenn sie auf der Stelle marschiert; dieses war die hauptsächlichste Uebung der politischen Zionisten in den letzten Jahren. Der kluge Feldherr wird seinen Truppen eine angenehme Arbeit geben, wenn sie nicht ins Feld ziehen können, um ihre Kraft zu nutzen und ihnen die Empfindung zu geben, daß sie etwas leisten. Die politischen Zionisten arbeiten für die Zukunft; aber die praktischen Leute wenden ihre Aufmerksamkeit der Gegenwart zu. Es liegt kein plausibler Grund vor, warum sich nicht ein Zusammenarbeiten ermöglichen, lassen sollte, welches durch klugen Ausgleich die Ordnung zum Besten der Sache selbst aufrecht erhält. Schluß des redaktionellen Teiles Wir bitten rauere Leser, der Annonce des Jüdischen Verlags im Inseratenteil besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Für die Musikschule in Jaffa: Von Herrn Ingenieur Nowomeisky in Irkutsk und seinen sibirischen Freunden zum Andenken an Frau Sulamith Ruppin 100.— Rbl. (Durch Dr. R u p p i n). Bei der Administration „Die Welt“ sind eingegangen: Für das Mikrobiologische Institut: „Vergesset nicht das Mikrob ologische Institut“ Johann Kremenezky, Wien - ... Kr. 1 II 8.40 Ing. Josef Seidener, Wien - - —.50 „ —.42 Heinrich Lederer, Wien - - - —.50 „ —.42 Leo Weiss, Wien. —.84 Oswald Weiss, Wien . . . . 2.— 7, 1.68 Julius Weiss, Wien. —.84 Dr. Elkan Weiss, Wien - - 2.'— 1.68 Emanuel Lodespeiser, Boryslaw L- „ —.84 Kais. Rat Emil Brodr, Tamow -.50 „ —.42 Kais. Rat C, Hirsch, Wien - - 4.20 Heinrich Bärd, Lemberg - - 6.— 5-04 OER ZUG OER ZEIT