Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316613--58075-3376587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DER XI. KONGRESS IM „Allgemeine Zeitung des Judentums“, Berlin In einem Artikel, betitelt „Eine jüdische Universität im Orien t", schreibt Prof. Dr. Martin P h i I ip p s on: Die (türkischen) Juden, die jetzt schon 400 000 Seelen umfassen, und deren Zahl sich durch die russisch-polnischrumänische Immigration beständig mehrt . . . spielen dort bisher eine mehr als bescheidene Rolle. Sie gehören in ihrer ungeheuren Mehrheit zu den untersten Ständen: Trödler, Hausierer, kleine Handwerker. Kommissionäre und Vermittler jeder, auch der bedenklichsten Art. Sie bewohnen das schmutzigste und armseligste Viertel der Städte. Günstigenfalls arbeiten sie in den Werkstätten für den griechischen oder den armenischen Kaufherrn. Eine Ausnahme bilden bloß wenige palästinensische Orte, auf die der befruchtende Goldregen der jüdischen Kolonisation oder der Auswandererstrom aus Rußland günstig gewirkt haben. So steht es seit Jahrhunderten, und so ist es bis auf den heutigen Tag geblieben. Wenn wir uns fragen, wie solche Zustände bei der doch unzweifelhaften Intelligenz des jüdischen Stammes möglich sind, so ist neben der starken Macht einer säkularen Ueberlieferung die Unbildung hervorzuheben, in der die levantinischen Juden verharren. Und die Schulen der „Alliance Israelite Universelle“, die schon seit beinahe einem halben Jahrhundert im Oriente tätig sind? Gewiß sind die Bemühungen der „Alliance“ um die persönliche Sicherheit und die geistige Hebung der dortigen Juden sehr löblich. Aber in letzterer Beziehung sind sie leider, trotz der ungeheuren darauf verwendeten Mittel, im ganzen unfruchtbar geblieben, wie jeder bestätigen wird, der die Levante kennt, das heißt, durch persönliche Anwesenheit und nicht aus etwaigen Berichten anderer, und dem nicht Potemkinsche Dörfer vorgezaubert werden. Unter den mannigfachen Gründen für diese betrübende Tatsache sind zwei hervorzuheben: einmal der rein abendländische, dem Wesen, der Anschauung und den Bedürfnissen des Orients ganz fremde Charakter dieser Schulen, und dann vor allem der Umstand, daß die Kinder zu früh — mit dem Ende des dreizehnten Jahres — entlassen und im bildungsfähigsten Alter den üblen Einwirkungen ihrer Familie und Umgebung wieder überliefert werden. Da verlernen sie bald jedes höhere Streben, die oberflächliche, abendländische Kulturfärbung, den Sinn für körperliche und moralische Reinlichkeit, die ihnen in den Schulen beigebracht waren. Wenige Jahre, und sie gleichen ihren Vorfahren und Eltern und vergessen, was sie in der Schulzeit gelernt haben. Nur die Begabtesten und Kühnsten unter ihnen setzen ihre Kulturbestrebungen in Europa fort und verachten Heimat und Glaubensgenossen. ... Die Juden aber beharrten in dem traurigen Zustande geistiger Inferiorität, die für sie zur Ursache auch ökonomischer und gesellschaftlicher Unterordnung wurde. Die Gefahr aber wächst, je mehr die christlichen Bevölkerungen an Bedeutung zunehmen, und wird um so dringender, als Griechen, Armenier und syrische Christen weit von der Duldsamkeit den Israeliten gegenüber entfernt sind, die den Türken zugebilligt werden muß. Zum Glück haben zwei große jüdische Körperschaften diese Tatsache in vollem Maße begriffen und sind mit rühmlicher Tatkraft an ihre Beseitigung gegangen: der Hilfsverein der deutschen Juden und die Zionistische Vereinigung. Sie haben in Palästina ein jüdisches Lehrer- und ein Lehrerinnenseminar geschaffen, mit Programmen, wie sie dem Boden entsprechen, auf dem ihre Zöglinge zu wirken haben; zwei jüdische Gymnasien, eine jüdische Kunst- und Gewerbeschule; und die Eröffnung einer Realschule 'und eines Technikums in dem aufblühenden Hafenorte Haifa am Karmel steht unmittelbar bevor. Es fehlte die Krönung des Gebäudes: die jüdische Universität in Vorderasien. Der elfte zionistische Kongreß, der vor wenigen Wochen in Wien abgehalten wurde, hat die Gründung einer solchen Universität in Jerusalem beschlossen und sofort dafür die vorbereitenden Maßregeln beschlossen. Schon sind in wenigen Tagen 600 000 Frcs. für diesen Zweck gesammelt. Ein bewundernswürdiges und vielversprechendes Ergebnis! Welche Stellung auch ein jeder von uns zum Zionismus einnehmen möge, diesen Beschluß wird ein jeder seiner Glaubensgemeinschaft treue und für seine Glaubensbrüder warm empfindende Jude mit Freude, ja mit Begeisterung begrüßen. Freilich kann man verschiedener Meinung darüber sein, ob der Ort für eine solche Anstalt, gerade Jerusalem, diese Hauptstadt eines weltentlegenen, armen, lediglich ackerbautreibenden Ländchens sei, ob sie nicht besser mehr dem Mittelpunkte des türkischen Reiches näher und an einem Verkehrszentrum angelegt würde. Aber dieser Umstand ist von SPIEGEL DER PRESSE untergeordneter Bedeutung. Unbedingt zu verwerfen ist dagegen, daß die ausschließliche Unterrichtssprache an der Universität die hebräische sein soll. Gewiß soll die neue Universität auf jüdischer Grundlage beruhen; gewiß muß das Hebräische seinen voll berechtigten Platz in den Vorlesungen haben, muß einzelnen Disziplinen zugrunde gelegt werden. Jedoch es zur alleinigen Unterrichtssprache erklären, heißt dieser großen jüdischen Institution von vornherein den Charakter engherzigen Nationalismus und strenger Ausschließlichkeit verleihen, der dem Judentum und den Juden in der Vergangenheit schon so großen Schaden bereitet hat. Es heißt, nicht allein sämtliche Nichtjuden von der Universität femhalten, sondern auch die ungeheure Mehrheit jüdischer Studenten, für die das Hebräische nicht Umgangssprache ist. Es heißt, die Studentenschaft so ziemlich auf die Zöglinge der zionistischen Gymnasiasten in Jaffa und Jerusalem beschränken. Damit wäre die Universität schon von vornheerein zum Siechtum, ja zum Untergange verurteilt, ihre Wirksamkeit zumal für die nichtpalästinensischen Juden des Orients aufgehoben. Wir hegen zu der Einsicht der zionistischen Leitung das feste Vertrauen, daß sie bald von diesem verderblichen Wege ablenken wird. Um so mehr, als er ein unmöglicher ist. Wir wissen nicht, ob die neu-hebräische Sprache überhaupt schon imstande ist, die technischen Ausdrücke für Medizin und Naturwissenschaft in vollem Umfange darzubieten. Aber keinesfalls wird es eine genügende Anzahl wirklich wissenschaftlich methodisch vorgebildeter und wissenschaftlich befähigter Dozenten geben, die hebräisch vortragen könnten. Und andere, als vollwertige akademische Lehrer kommen doch wohl nicht in Betracht, wenn die geplante Universität wirklich zum Segen und zur Zierde des Judentums gereichen soll. Also an diesem Umstande wird die Absicht, die hebräische zur alleinigen Unterrichtssprache zu machen, schon von vornherein scheitern. Hebräisch, Arabisch, Deutsch — das scheinen mir für die nächsten Zeiten die drei natürlichen Unterrichtssprachen an der Universität sein zu müssen. Denn Arabisch ist die Landessprache, und Deutsch wird von allen aschkenasischen Juden verstanden. Der Segen, der von dieser jüdischen Universität, wenn sie wirklich den berechtigten Anforderungen entspricht, ausgehen wird, ist ein großer, umfassender. Sie wird jüdische Aerzte, Rechtskundige, Verwaltungsbeamte für den ganzen Orient, Lehrer für die höheren jüdischen Schulen in Jerusalem, Haifa, Jaffa, und wo solche noch begründet werden, ausbilden. Sie wird auch Professoren für die Universität selbst heranziehen. Sie wird die Achtung vor der Wissenschaft und das Streben nach ihr unter der jüdischen Bevölkerung ver- Das ist der hauptsächlichste Nutzen, den die neue Universität stiften wird. Aber sie wird einen solchen auch für die außerasiatische Judenheit bringen, und zwar in bedeutendem Maße. Der großen Mehrheit der studierenden russischjüdischen Jugend ist, wie man weiß, der Zugang zu den heimischen Universitäten versagt, und auch im Ausland macht man ihr je länger desto mehr Schwierigkeiten. Die Universität Jerusalem wird ihr weit die Tore öffnen. Die jüdischen Gelehrten, die der innerste Beruf zur akademischen Laufbahn treibt, finden nur selten und, wenn überhaupt, so doch spät den Weg zu einem Lehrstuhl — hier können sie, sobald sie sich dessen würdig erwiesen haben, ihre angemessene Verwertung und Belohnung erhalten. So werden auch die schmählichen Massentaufen der in ihrem Studium behinderten Jünglinge, die Uebertritte der eine Professur anstrebenden Meister vermieden, eine traurige Quelle von Ungerechtigkeit und Unmoral verstopft werden .... Es wäre die dringende Pflicht wohlsituierter Glaubensgenossen, auch außerhalb der zionistischen Kreise, für diese notwendige und segensreiche Gründung mit beträchtlichen Beiträgen, einmaligen wie jährlichen, mitzuhelfen. (Von uns gesperrt! Red. d. W.) Sie würden dann auch die Möglichkeit eines Einflusses auf die Gestaltung der universitären Einrichtungen gewinnen können. Es handelt sich hier um die Schaffung eines Weges, um nicht nur Tausende der Besten, Klügsten und Idealgesinnten unter unseren östlichen Brüdern zum Ziele ihrer Lebensarbeit zu führen, sondern auch der halben Million in der Türkei wohnender Juden die Fähigkeit zu geistigem, sozialem und ökonomischem Aufschwünge zu verleihen, sie mit den notwendigen Waffen für den Wettkampf mit den übrigen Volksteilen des Orients auszurüsten. Es ist eine der größten und schönsten Aufgaben, die die Judenheit sich je gestellt hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.