Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 41 DIEH^TELT Anleihen sind ein leichtes Mittel, das man aber nicht dauernd beibehalten kann, denn um die Anleihen abzutragen, müssen die Einnahmequellen immer größer und die Einnahmen immer mehr gesteigert werden. Damit nun wirklich Geld in die Staatskasse fließt, muß die Produktionskraft des Landes erhöht werden; wenn man Einnahmen erzielen will, ohne dem Volke erdrückend schwere Steuern aufzubürden, ist es notwendig, daß die Bevölkerung wächst und den Boden fruchtbar macht. Es kann daher nicht bestritten werden, daß in 1403 einem Lande wie dem unseren, wo kaum acht Prozent des Bodens bearbeitet werden, wo auf den Quadratkilometer nur 15 Einwohner-kommen, der Boden nicht genügend bearbeitet wird, so daß die Staatseinkünfte darunter leiden. Ohne Einwanderung kann das Land unmöglich zu Entfaltung und Fortschritt gelangen; von den Gefahren, von denen die Ratgeber immerfort reden, kann überhaupt keine Rede sein, wenigstens nicht in bezug auf zwei Elemente der Bevölkerung: das mohammedanische und das jüdische." o o o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o o o o o o o o Die Konferenz der sephardlschen Juden In Wien*) Anläßlich des XI. Zionistenkongresses veranstaltete der akademische Verein „Esperanza" eine Konferenz aller sephardischen Juden, die sich 'gelegentlich des Kongresses in Wien befanden. Die Konferenz erörterte hauptsächlich die durch die jüngsten politischen Ereignisse auf dem Balkan entstandenen Folgen für die spanische Judenheit dieser Länder. An der Konferenz nahmen über 90 Sephardim aus der Türkei, Bulgarien, Serbien, Bosnien, Griechenland, Palästina, Wien und New York teil, darunter auch sämtliche spaniolischen Kongreßdelegierten. Die Konferenz, die im Beethovensaal tagte, wurde vom A. H. der „Esperanza", Dr. Joseph S a 1 o m (Wien) eröffnet, der zum Vorsitzenden Herrn Leon H a i m (Ehrenpräsident der „Esperanza"), zu Vizepräsidenten Dr. Marko Romano (Philippopel) und Ing. Is. S u m b u 1 (Sarajevo) vorschlug. Herr Leon Haim hielt eine beifällig aufgenommene Ansprache an die Konferenzteilnehmer und hob hervor, daß es sich um die Klärung wichtiger Probleme der sephardlschen Juden handelt, vor allem um die Frage des Spaniolischen und der Dezentralisation der Sephardim. Das E. A. C. war durch die Herren Nahum Sokolo w und Dr. Jacobson vertreten. Herr Sokolow begrüßte die Konferenz im Namen des E. A. C. und beglückwünschte die sephardische Jugend zu ihrem fruchtbaren Regenerationswerke. Hierauf ergriff Herr Dr. M. Levy (Sarajevo) das Wort zu seinem Referate über „Die gegenwärtige Lage der sephardischen Juden". Der Referent beantragte die Schaffung einer Union der spaniolisch sprechenden Juden, die eine Zeitschrift herausgeben und sich bemühen sollte, das Interesse für die jüdische Geschichte und Kultur unter dem Sephardim zu erwecken. Dr. G a s t e r (London) hebt den ethischen und nationalen Wert der jüdischen Traditionen, die die Sephardim in der spaniolischen Sprache behalten haben, hervor und tritt für die Beibehaltung dieser Sprache ein. Was den Sepharden aber besonders nottut, sei die Heranbildung tüchtiger und gebildeter Rabbiner. Dr. Benzion (Jerusalem) befürwortet die Verbreitung der hebräischen Sprache unter den Sephardim und beantragt vor allem die Gründung eines Rabbinerseminars für die Sephardim und die Schaffung einer national-kulturellen Organisation. Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) hält eine meisterhafte, leidenschaftliche Rede, in der er mit viel Geist und Temperament für das spaniolische Jüdisch eintritt, dessen nationalen Wert er betont. Die Probleme der Sephardim seien analog denen der Ostjuden. In der Nachmittagssitzung sprach Herr David Flore n t i n, Redakteur des „Avenir" (Saloniki), der ebenfalls die Schaffung einer allgemeinen Organisation der Sephardim verlangt. Der Oberrabbiner der sephardischen Gemeinden' in *) Vgl. auch den Aufsatz von David P a r d o „Die Konferenz der spanischen Juden in Wien" in Nr. 39 der „Welt". Rumänien, Herr Dr. J. Niemirower, betonte die Wichtigkeit der Pflege des Hebräischen für die Sephardim und wandte sich gegen die Einseitigkeit der Verherrlichung des Spaniolischen seitens Dr. Birnbaums. Redner ist aber sonst unbedingt für die Beibehaltung des Spaniolischen. Eine allgemeine sephardische Organisation würde die Kluft überbrücken, die sich immer mehr zwischen den Spaniolen des Orients und dem Sephardim im Okzident öffnet. Ing. 1s. Sumbul weist auf die Schwierigkeiten hin, mit denen das spaniolische Idiom zu kämpfen hat und zählt viele Gründe auf, die die Schaffung einer kulturellen Organisation der Balkanjuden fordern. Dr. Marko Romano ist gleichfalls für die Beibehaltung des Spaniolischen, erwähnt aber die allmähliche Verdrängung durch die Landessprachen, das Verschwinden der jüdisch-spaniolischen Schrift und den Mangel an guten Büchern, unter dem diese Sprache leidet. Er sei selbstverständlich auch für die Organisation der Sephardim, sie möge aber ihren definitiven Charakter erst in der konstituierenden Konferenz erhalten und diese soll gelegentlich des nächsten Zionistenkongresses stattfinden. Herr Lucien S c i u t o , Redakteur der „L’Aurore" (Konstantinopel) wünscht, daß die Organisation sich auch der intensiven Propaganda der hebräischen Sprache widme. Cand. jur. Vita K a j o n sieht in der spaniolischen Sprache die Seele, den Stil und die Physiognomie der Spaniolen und will sie vorläufig als ein Konservierungs- und Bindemittel der Sephardim erhalten wissen. Als Letzter spricht Herr Nissim Behar (New York), der der Organisation auch den Kampf gegen das Missionsunwesen im Orient empfiehlt. Zum Schluß wurde eine Resolution angenommen, die Herr Dozent Dr. A. S. E. Yahuda (Berlin) und D. Flore n t i n formuliert hatten. Die Konferenz beschloß die Gründung einer allgemeinen Sephardimorganisation für kulturelle Zwecke. Ein besonderes Komitee, dem der Vorstand der „Esperanza" und die Herren Leon Haim, Dr. J. Haim, Dr. B e n z i o n und Dr. J. S a 1 o m angehören, wurde beauftragt, die nötigen Vorarbeiten zu verrichten, einen Statutenentwurf auszuarbeiten und eine allgemeine Konferenz der Sephardim im geeigneten Moment einzuberufen. Ein weiteres Komitee, bestehend aus den Herren: Licco Adutt (Wien), Dr. David Alcalay (Belgrad), Nissim Behar (New York), Issac Epstein (Saloniki), Dav. Flore nt in (Saloniki), Dr. Gast er (London), Dr. M. Levy (Sarajevo), Jacob Meir (Saloniki), Dr. Marko Romano (Philippopel), Dr. J. Niemirower (Bukarest), Luden S c i u t o (Konstantinopel), Ing. Is. Sumbul (Sarajevo), Dr. J. M. Valero (Jerusalem), Dozent Dr. Yahuda (Berlin) wird die erstgenannte engere Kommission in ihren Arbeiten unterstützen. Persönliches Unser geschätzter Gesinnungsgenosse Herr Kurt Blume n f e 1 d , Sekretär des E. A. C., feierte am 7. Oktober in Königsberg i. Pr. seine Vermählung mit Frl. Jenny H u r w i t z. Wir sprechen den Neuvermählten unsere herzlichsten Glückwünsche aus.