Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316613--58067-3376579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 —- -—- blE^ELT - - -- 1390 DIE JÜDISCHE KNABEN-BRIGADE IN GALIZIEN Aus dem Westen kam die Idee nach Galizien. Polnische Patrioten begannen vor wenigen Jahren die nationale Mittelschuljugend außerhalb der Schule auf militärischer Basis zu organisieren. An die bestehenden Sokolvereine angegliedert, von den maßgebenden Schulfaktoren gefördert, entwickelten sich die polnischen Schülerbrigaden, die den englischen Namen einer „Scouting“-Organisation angenommen hatten, in ungeahnter Weise. Es ist keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß fast die ganze polnische Mittelschuljugend in den Reihen der „Scouts“ steht. Körperliche Kräftigung und Abhärtung, Erziehung zu strenger Disziplin und nationalem Opfermut, zu Nächstenliebe und steter Hilfsbereitschaft — dies die Hauptziele, die das ganze Unternehmen besonders sympathisch erscheinen lassen. Bald wurden die jüdischen Schulkameraden der polnischen „Scouts“ auf die Bewegung aufmerksam. Sie sahen ein, daß auch sie nicht mindere Pflichten ihrem Volkstum gegenüber zu erfüllen hätten, und daß die Bestrebungen ihrer arischen Kollegen mutatis mutandis auch die ihrigen seien. So kam denn vor zwei Jahren die erste jüdische Scouting-Organisation in Lemberg zustande. Dem Lemberger Beispiel folgten bald andere Städte, wenngleich mit verschiedenem Erfolg. Offene und versteckte Schikanen der Schulbehörden, die darin eine „Konkurrenz“ für ihre polnischen Organisationen sahen, stellten sich hindernd in den Weg. Doch über alle Hindernisse siegte die Ausdauer und der Idealismus der Initiatoren (in erster Reihe wäre Dr. Heinrich Sterner zu nennen), die heute mit berechtigtem Stolz auf ihr Werk blicken können. Wohl sind wir noch weit vom Ziele, wohl wartet unser noch ein großes Stück Arbeit, aber ein verheißungsvoller Anfang ist gemacht. Die Illustrationen, die diesen Artikel begleiten, sind originelle Aufnahmen aus dem Lagerleben der Lemberger jüdischen Scout-Abteilung. Stramm organisiert und unter tüchtiger Leitung stehend, bietet diese Abteilung sowohl im Marsch, als auch im Feldlager, einen herzerquickenden Anblick. Was Wunder, wenn die jüdischen Eltern besonderen Gefallen an der Sache finden und glücklich sind, ihre Kinder bei den Scouts unterbringen zu können. Das absolute Nikotin- und Alkoholverbot, die strenge Zucht zu Disziplin, Ordnung und „guten Taten“, der ständige Aufenthalt im Freien, verbunden mit körperlichen Hebungen, und nicht zu allerletzt die Pflege jüdischen Geistes — dies sind die Gründe der verdienten _ - — Popularität der jungen Organisation. Unlängst war es unseren braven Jungen beschieden, sich von zwei verschiedenen Seiten der Öffentlichkeit zu präsentieren. Eines schönen Sonnabends kamen sie in geschlossenen Reihen in ihrer einheitlichen Uniform in den Lemberger Tempel herein marschiert, wo sie Gegenstand lebhaftester Aufmerksamkeit des Publikums waren, vom Verstand durch Aufrufen zur Thora und vom Rabbiner Dr. Guttmann durch besondere Anrede von der Kanzel herab geehrt wurden. Anläßlich eines zweitägigen Ausfluges kamen sie in das Städtchen Gliniany gerade in dem Augenblicke, wo ein Feuer ausbrach. Mit beispiellosem Mut stellten sie sich an die Spitze der Rettungstätigkeit und nur ihrer Intervention — dies bezeugt die Stadtgemeinde — war es zu verdanken, daß eine Katastrophe verhütet wurde. Die Besucher des XI. Kongresses und des Turnfestes hatten Gelegenheit, eine Abordnung dieser schmucken und tapferen Jungen zu sehen, die allenthalben durch ihre stramme Haltung und ihre den deutschen „Wandervögeln“ ähnliche Uniform auffielen. An dem Erneuerungsprozeß des jüdischen Volkes fallt einer gesunden, kräftigen, für die Erfüllung schwerer Aufgaben erzogenen Jugend ein großer Anteil zu. Die Knaben- Brigade in Galizien hilft uns, sowie der „Wanderbund B 1 a u - W e i ß“ in Deutschland und Westösterreich, diese Jugend vorbereiten. Diese Organisationen sind um so freudiger zu begrüßen, als es scheint, daß sich in dem deutschen „Wandervogel“ und den verwandten Organisationen antisemitische Regungen durchsetzen wollen. „Alarm!1 : ir£& Im Feldlager

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.