Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1396 Nr. 41 D1EI§KELT Ueberaus eindrucksvoll und dankenswert ist die Kundgebung der Elite der böhmischen Nation gegen den Ritualmordwahn und den Beilisprozeß. Nach Anführung des Tatsächlichen und Erinnerung an die Polnaer Affäre fährt der Protest fort: „Um so mehr halten wir Söhne des böhmischen Volkes als Slaven und fortschrittliche Männer es für unsere Pflicht, im letzten Augenblicke Wo/te des Protestes zu erheben gegen den Aberglauben, der alle Gefühle der Menschlichkeit unter- Bisher hat der Ritualaberglaube sich bei den unwissenden Schichten der Bevölkerung erhalten, die juristischen und theologischen Autoritäten aller Nationen haben aber die Grundlosigkeit aller auf die Existenz des Ritualmordes gerichteten Behauptungen nachgewiesen. In Kiew ist zum erstenmal der Ritualaberglaube durch die staatliche Autorität gestützt worden, dort soll zum erstenmal — seit dem Trienter Prozesse — ein Jude durch einen staatlichen Gerichtshof wegen Ritualmordes abgeurteilt werden. Das Herz stockt bei dem Gedanken, welch unselige Folgen dieser Prozeß für Millionen ohnehin in größtem Elend und Erniedrigung lebender russischer Juden haben kann. Wir fürchten, daß der Prozeß Beilis das Signal zu neuen Pogroms und zu neuem Vergießen unschuldigen Blutes werden wird. Im Namen der slavischen Humanität, im Lebensinteresse der ungerecht verfolgten russischen Juden protestieret wir dagegen, daß dem fürchterlichen Aberglauben die Unterstützung durch die staatliche Autorität zuteil werde, daß wegen politischer Agitation, aus Rassen- und Glaubenshaß das Recht vergewaltigt und ein unschuldiger Mensch geopfert werde." Natürlich hat das Organ der Christlichsozialen, die „Reichspost", nicht ermangelt, die böhmischen Gelehrten, Künstler, Politiker und Schriftsteller, die den Protest Unterzeichneten, zu begeifern. Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher hat an die führenden böhmischen Persönlichkeiten und Journale namens der jüdischen Nationalpartei der Bukowina eine Dankadresse gerichtet, in der er auch der mannhaften, wahrhaft freiheitlichen und fortschrittlichen Haltung der meisten tschechishen Parlamentarier im Abgeordnetenhause anläßlich der Abstimmung über die Resolution Schmid gedachte. Eine ganze Reihe hervorragender ungarischer Männer haben ihren Protest gegen die schändliche Ritualmordlüge bekundet, darunter Bischof Dr. Balthazär, Kanonikus Dr. G i e r s w e i n, Kultusminister Dr. Lukacs, Graf Appon y i, Staatssekretär Dr. Benedek und der Vizepräsident des Magnatenhauses, Dr. V a o r i k. Konstantinopel. Die Pera-Abteilung des Vereins Makkabi in Konstantin o p e 1 veranstaltete am 30. September einen starkbesuchten Vortragsabend, an welchem Berichte über den XI. Kongreß erstattet wurden. Es sprachen Herr Dr. Neufach (hebräisch), Herr L i c h t h e i m (deutsch), Herr Gorodichze und Herr S c i u t o (französisch). Zum Schluß wurde eine Protestklärung gegen die Ritualmordlüge und gegen Sen Beilis- Prozeß angenommen. Schutzbriefe der Sultane gegen das Ritualmordmärchen Man schreibt der „N. J. K." aus Konstantinopel: Im Zeitalter des Beilis-Prozesses liest man nicht ohne Bewegung den Text zweier Birmane (kaiserlicher Schutzbriefe), die von den Sultanen Abdul-Medjid (1840) und Abdul Asis (1860) gegen das von christlichen Fanatikern verbreitete Ritualmordmärchen erlassen worden sind. Der genaue Wortlaut der Birmane findet sich in dem Werk „Essai sur l’Histoire des Israelites de 1’Empire Ottoman", von M. Franco (erschienen in Paris 1807 bei Durlacher). In dem ersten Firman heißt es mit Bezug auf die damals gegen die Juden in Damaskus und Rhodus gerichtete Blutbeschuldigung: „Vor nicht langer Zeit sind einige Juden von Rhodus nach Konstantinopel berufen worden, um sich zu verantworten, doch sind sie als unschuldig befunden worden. Außerdem sind alle religiösen Bücher der Juden von sachverständigen Männern geprüft worden, die die hebräische Sprache vollständig beherrschen. Bei dieser Prüfung hat sich ergeben, daß die Juden nicht nur kein Menschenblut, sondern nicht einmal tierisches Blut verwenden. Auf Grund dessen schließen wir, daß die Beschuldigungen gegen die Juden auf reinen Verleumdungen beruhen". Der Firman verbietet dann jede Belästigung der Juden, verbürgt ihnen ihre Gleichberechtigung mit allen anderen Untertanen und die freie Ausübung ihrer religiösen Bräuche. Der Firman des Sultans Abdul Asis vom Jahre 1860 ist an den Polizeiminister gerichtet und bestätigt die Bestimmungen des ersten Firmans. Der XI. Kongreß und die ungarische Assimilantenpresse (Von unserem Berichterstatter.) Budapest Der großartige Verlauf des XI. Kongresses hat die ungarische Assimilantenpresse genötigt, auf ihre in diesen Spalten bereits zur Genüge gewürdigte Taktik zurückzugreifen. In der von der ungarischen Landsmannschaft in der Nummer VI der Kongreßausgabe veröffentlichten Erklärung findet der Leser einige Kostproben dieser verlogenen Art der Berichterstattung unserer assimilatorischen Pressehäuptlinge. Um aber deren Charakterbild zu vervollständigen, können wir nicht umhin, noch weitere Muster ihrer Leistungsfähigkeit zu liefern. So bringt „Egyenlöseg" in der Nummer vom 7. September einen Brief Dr. Nordaus an den Kongreß. Es wird behauptet, daß dies der wortgetreue Text sei. Aus einer Vergleichung des Originals mit dieser angeblich wortgetreuen Uebersetzung ist jedoch ersichtlich, daß erstens ganze Sätze unterdrückt worden sind, zweitens daß die wichtigsten Stellen, soweit sie mitgeteilt worden sind, weder dem Sinne, noch dem Wortlaut nach richtig übersetzt sind, sondern im Geiste der Redakteure „zurechtgestutzt" wurden. Da das Blatt sich trotzdem erkühnt, den mitgeteilten Text als wortgetreu zu bezeichnen, muß es sich schon gefallen lassen, wenn wir hierdurch feststellen, daß es mit der Wahrheit und der publizistischen Gewissenhaftigkeit wieder einmal in Konflikt geraten ist. Ein anderes Beispiel. Dem Präsidenten des Kongresses, Herrn David Wolffsohn, werden folgende Worte in den Mund gelegt: „Ich wollte schon beim vorigen Kongreß ausscheiden, um zum Schutze der zionistisschen Finanzinstitute eine Partei zu gründen." Und nun vergleiche man, was Herr Wolffsohn nach dem authentischen Bericht in Nummer IV der Kongreßausgabe wirklich gesagt hat: „Gar manche, darunter meine engeren Freunde, wollten eine separate Partei bilden. Man ist wiederholt an mich herangetreten, daß ich die Gründung der Partei in die Hand nehme. Ich habe mich dagegen gewehrt, ich habe meine Freunde vor diesem Schritte zurückgehalten, habe sie ermahnt, treu wie Soldaten auf ihrem Posten auszuharren . . ." Solche direkte Verfälschungen der Tatsachen könnten noch viele nachgewiesen werden. Es darf uns nicht wundemehmen, mit fettgedruckten Lettern zu lesen, daß in der Donnerstag- Nachmittagssitzung „Skandale ausbrachen", noch weniger, daß „eine ganze Woche hindurch darüber gezankt wurde, wie die größtenteils von Nichtzionisten gesammelten Gelder für zionistische Zwecke vergeudet werden könnten." Um all dies den ahnungslosen, gutgläubigen Lesern plausibel zu machen, wird mit keinem Sterbenswörtchen der sachliche Teil der Beratungen auch nur erwähnt: die ganze Palästina-Debatte, Beschluß der Gründung der Universität, Gründung des Kultur-