Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1394 Nr. 41 einer hebräischen Universität in Jerusalem zu unternehmen hat. Professor Philippson hat seinen Aufsatz anders betitelt: die hebräische Universität in Jerusalem hat sich in eine jüdische Universität im Orient verwandelt. Diese Metamorphose beruht keineswegs auf Zufall, denn Professor Philippson möchte die Universität am liebsten nicht in Jerusalem, sondern irgendwo „mehr dem Mittelpunkte des türkischen Reiches näher", und er möchte sie ferner als nicht ausschließlich hebräische sehen. Nun, was die Wahl des Ortes betrifft, gibt Prof. Philippson selbst zu, daß dieses Moment von untergeordneter Bedeutung sei, dagegen spricht er sich ganz kategorisch gegen die alleinige Herrschaft der hebräischen Unterrichts- und Vortragssprache aus, und zwar aus prinzipiellen Motiven sowohl wie aus Gründen der Zweckmäßigkeit. Professor Philippson war, wenn ich nicht irre, der erste unter .unseren nicht hebräisch schreibenden Historikern, der auch die nachbiblische Epoche nicht als Geschichte des Judentums, wodurch das synagogale Moment in den Vordergrund aller geschichtlichen Ereignisse gerückt wird, auch nicht als die „Geschichte der Jude n", worin man eine Kompromiße bezeichnung erblicken kann, sondern ohne Umschweife als „Geschichte des jüdischen Volkes" betitelt und behandelt hat. Den der Assimilationssucht entsprungenen, veralteten Standpunkt, die hebräische Sprache nur als ehrwürdige Reliquie zu behandeln, verwirft deswegen auch Professor Philippson. Wir kennen ja die Konsequenzen dieses Standpunktes im Westen Europas: die Heiligsprechung der hebräischen Sprache hat dazu geführt, sie totzusagen, und jetzt ruht nur ihre Asche in mancher reich vergoldeten Bundeslade. Ein im nationalen Sinne verbrecherischer Akt ist mit dem Stempel der Heiligkeit versehen worden, damit das empörte Volks gewissen Beruhigung finde. Ein Volk mit gesunden Instinkten faßt den Begriff der Heiligkeit ganz anders auf, ihm ist nicht der Sonntagsrock heilig, der fein gebügelte und faltenlose, sondern der Arbeitsanzug, der manche Schweißspuren aufzuweisen hat. Die Ruhe wird nur durch die vorangegangene Arbeit geheiligt, eine Sprache — nur durch unablässige Pflege, durch Bereicherung und Vermehrung ihres Wortschatzes, dadurch, daß sie zum Abglanz und zur vollkommenen Ausdrucksform aller Regungen der Volksseele entwickelt wird. Ein Volk ohne eigene Sprache verliert seinen Charakter, es kann nicht mehr Neubildungen, sondern höchstens Nachbildungen schaffen. Wenn man nach fremden Mustern schafft, wird man es nie zur Mustergültigkeit bringen können. Wir sprechen nicht vom Individuum, wir sprechen vom Volke. Es ist uns deswegen unverständlich, wie man unser Streben, der hebräischen Sprache einen Tempel des Wissens und der Bildung zu errichten, als etwas Engherziges auffassen kann. Professor Philippson meint, daß durch die Alleinherrschaft der hebräischen Unterrichtssprache nicht nur die Nichtjuden, sondern auch die Mehrheit der russischjüdischen Jugend von der neuen Anstalt ferngehalten würde. Beides ist nicht zutreffend. Was die Nichtjuden betrifft, handelt es sich hauptsächlich um die arabische Bevölkerung. Die Araber aber werden gern und mit Leichtigkeit die dem Arabischen so nah verwandte hebräische Sprache erlernen, wenn die Universität, wie wir wohl voraussetzen dürfen, wirklich gediegen und den Anforderungen der modernen Kultur entsprechend sein wird. Die russisch-jüdische Jugend, die jetzt ins Ausland flüchtet, wird es entschieden an einer hebräischen Universität in Jerusalem besser und leichter als irgendwo auf Erden haben. Die verbreitete Meinung, daß Deutsch von „allen aschkenasischen Juden verstanden wird", ist mindestens übertrieben. In Wirklichkeit verhält sich die Sache so, daß es dem jüdisch sprechenden Studenten zuerst scheinen will, er verstände Deutsch, und er erst im zweiten Semester zur Ueberzeugung gelangt, er tue besser, deutschen Unterricht zu nehmen, während er im dritten Semester endlich einsieht, iwie sehr er sich in der Annahme seines Deutschkönnens geirrt hat. Dagegen beherrschen Tausende und aber Tausende unter unserer studierenden Jugend in Rußland, Galizien und Rumänien die hebräische Sprache, wenn auch nicht als .Umgangssprache. Bei Deutsch oder Französisch fehlt den meisten die Kenntnis der Sprache selbst, bei dem Hebräischen — der JJmgang mit der Sprache. Jene Sprachen müssen sie .neu erlernen, mit dem Hebräischen aber nur umgehen lernen, damit sie ihnen zur Umgangssprache wird. Man braucht aber auch gar nicht viel zu theoretisieren. Das neue Leben in Palästina, die Fortschritte, die die hebräische Sprache dort bereits gemacht, die überraschende Entwicklung, die sie in den letzten Jahrzehnten erfahren hat, liefern den besten Beweis für die Richtigkeit unserer .Behauptungen. Der Pädagoge und der Kenner des hebräischen Schrifttums wird es wissen, daß es .eine viel schwierigere Aufgabe ist, eine gute Mittelschule mit hebräischer Unterrichtssprache als eine hebräische Hochschule <eu schaffen. Es ist viel leichter für den, der wissenschaftlichen Studien obliegt, die wissenschaftlichen Fachausdrücke zu erlernen, als die Sprache des täglichen .Lebens. Eine Mittelschule hat aber gerade die Aufgabe, den Schülern die Alltagsspräche gründlich beizubringen. Und doch ist auch diese Schwierigkeit überwunden worden. Es wird ferner von der Unzulänglichkeit der hebräischen Sprache für Manche wissenschaftlichen Disziplinen gesprochen. Auch das stimmt nicht ganz. Die hebräische Sprache besitzt eine sehr reichhaltige wissenschaftliche Literatur, die nur von uns vernachlässigt worden ist. Sie muß nur yon der auf ihr lagernden Staubschicht befreit werden, um sich in einen belebenden und erfrischenden Quell zu .verwandeln. Das Leben schafft die neuen Begriffe, der Mensch verleiht ihnen Ausdruck, er kleidet sie in passende Worte. Die Sprache kann nie Vorläuferin des Lebens sein, sie muß nachhinken, sie kann nur bereichert werden, wenn das Leben sie dazu zwingt mit eiserner Notwendigkeit. Mit einem Worte: In unserer Forderung, eine hebräische Universität in Jerusalem zu gründen, ist eine historische Sehnsucht zu vernehmen, eine Sehnsucht nach Ganzheit, nach Vollkommenheit, nach freier schöpferischer Tat, nach neuen Möglichkeiten, sich volkstümlich ausleben zu können. Volk und Sprache sind untrennbare Begriffe, und es soll keine Ehescheidung, — wie sich Achad Haam vortrefflich ausdrückt — diese von Gott und Natur gewollte innige Gemeinschaft lösen. Das neu erwachende jüdische Leben tritt mit immer neuen Problemen an uns heran. Der Volkswille, der Erhaltungstrieb wird ihre Lösung diktieren. Vielen Schwierigkeiten werden wir auf unserem Wege begegnen, manche harte Kämpfe auszufechten haben. Diesen Tribut werden wir mit Freuden der Neugestaltung unserer Zukunft zollen, denn wir sind uns der Geburtswehen bewußt, mit denen die Verwirklichung unserer Idee einhergeht. Die Frage der Sprache ist eine der wichtigsten und wir werden noch manche Gelegenheit haben, aus der Reserve herauszutreten .und mit den Gegnern des Hebräischen ein ernstes Wort zu sprechen. Immerhin würdigen wir auch die Einwände von Professor Philippson, denn sie entspringen lauteren Motiven, die, wenn auch nicht berechtigt, doch erklärlich sind. Wir hoffen, mit der Zeit auch die geeignete Plattform zu finden, die zur vollen Verständigung führt.