Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 1393 DIE^ELT es freut uns, feststellen zu können, daß es allenthalben die geistige Elite der Völker ist, die den russischen Aberwitz zurückweist. Der XI. Zionistenkongreß hat die Empfindungen der Zionisten, die denen aller selbstbewußten Juden gleich sind, in einer Resolution ausgesprochen. Aber wir hätten vielleicht noch ein .Wort mehr zu sagen. Man hat die Institution des Ghettos, die weite Kreise der Juden innerlich heute noch nicht überwunden haben, darauf zurückgeführt, daß der Charakter der Juden sie dazu prädestinierte. Mag das eine Verleumdung wie viele andere sein, mag der Zwang, der unsere Vorfahren, schlimmer noch als heute die russischen Juden, ins Ghetto trieb, übermächtig gewesen sein — wenn wir den Ghettogeist ganz vernichtet und uns unsere nationale Selbständigkeit erkämpft haben werden, dann werden wir solcher Schmach, wenn sie dann noch möglich sein sollte, anders gerüstet gegenüberstehen als heute! „EINE JÜDISCHE UNIVERSITÄT IM ORIENT“ Ein Wort zur Verständigung Von Dr. Schmarja Levin Professor Martin Philippson hat in der letzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ einen achtungswerten und verständnisvollen Aufsatz über „Eine jüdische Universität im Orient“ veröffentlicht. Der Aufsatz bekundet eine richtige Auffassung des Problems, indem der Verfasser nicht die billige, verwässerte philanthropische Anschauung zum Ausgangspunkte seiner Erörterungen wählt. Die Ausführungen Philippsons zeugen ferner von einem feinen Mitempfinden mit den Millionen unseres Volkes, die unter dem Drucke der ökonomischen und der seelischen Not schmachtend, doch innerlich stolz und frei geblieben sind und dem Henker zum Trotz eigene Wege ebnen für eine neue vielverheißende Zukunft. Endlich spricht aus dem Artikel Philippsons eine vornehm unparteiliche Gesinnung, die das Was über das Wer, die sachlichen Momente über kleinliche Personenfragen stellt. Allzuhäufig bekommen wir in letzter Zeit zu hören: Kolonisation Palästinas — allerdings, eine herrliche Sache, die soziale Umschichtung der Kleinkrämer des Ghetto in eine bodenständige ackerbautreibende Bevölkerung — eine glänzende Idee, Pflüg und Sichel statt der Elle und der Krämerwage in der Hand des Juden zu sehen — das ist auch unser sehnlichster Wunsch. Allein die Zionisten! Diese Störenfriede, die das mit Mühe und Not eingewiegte Volksempfinden gewaltsam wiedererwecken wollen, diese Beschwörer eines Stammesgeistes, den wir längst feierlich einsargen ließen, wobei unsere besten Leichenprediger den Sarg allsabbatlich und an den hohen Festtagen mit neuen Nietnägeln versehen. So sprechen unsere Gegner. Emst kann man derlei Aeußerungen freilich nicht nehmen, denn es gibt keinen Patentschutz für Ideen, und es steht jedem frei, aus ihnen das herauszuschälen, was ihm am meisten zusagt. Deshalb haben die Einwände unserer Gegner den fatalen Beigeschmack leerer Ausflüchte, einer verlegenen Rechtfertigung, die die innere Schwäche und Trägheit verhüllen soll. Um so angenehmer hat uns der Aufsatz von Professor Martin Philippson berührt. Das sind Worte, die eine Brücke schlagen, um* manche grundsätzliche Kluft überwinden zu können, Worte, die dem Ernst der Situation und der Tiefe der Aufgabe angemessen sind. Es soll die erste jüdische Universität gegründet werden, und zwar im Orient. Der heranwachsenden orientalisch - jüdischen Jugend wie auch der des östlichen Europa soll die Möglichkeit geboten werden, den Drang nach höherem Wissen an einer für sie besonders geschaffenen Bildungsstätte befriedigen zu können. Das wäre führwahr ein Auszug aus der Knechtschaft mindestens für einen Teil unserer Jugend, die wir durch unsere bisherige Untätigkeit in der Bildungsfrage fremden Stimmungen und Bestimmungen preisgegeben haben: Jedes Volk ist verpflichtet, für die Erziehung seiner Jugend Sorge zu tragen und Maßregeln zu treffen, damit sie zu selbstbewußter Manneswürde heranreift. Wenn aber die Jugend betteln muß um einen übriggebliebenen Platz im Hörsal, im Laboratorium, im anatomischen Kabinett, im physikalischen Institut, im Zeichensaal und dergleichen, — so lastet auf dem Volke eine ungetilgte Schuld, denn die Jugend ist die wichtigste Stütze des Volkes, sie allein ist die Trägerin seiner Zukunft, seines Schicksals, und sie darf nicht auf das Schnorren angewiesen sein, und wenn es sich auch nur um geistiges Schnorrertum handelt. Man spricht von einem Bildungsproletariat, von schädlicher Belastung, um dem Heißhunger nach Bildung, der sich unter unserer Jugend bemerkbar macht, entgegenzutreten. Wir kennen die vernünftelnden Ratschläge der Besonnenen, der kühlen Rechner. Sie führen aber nicht zum Ziel, denn sie sind falsch. Die 7—8 Millionen Juden in Osteuropa haben Volks bedürfnisse, sie müssen eine Jugend gewinnen, die auf das Volk einwirkt, es nicht verkommen läßt, auf einem höheren geistigen Niveau erhält und vor dem Schrecklichsten, vor dem Verfall in Unwissenheit schützt. Die Frage der Bildung und Ausbildung unserer Jugend gilt der Vorbeugung einer dem ganzen Volkskörper drohenden Gefahr, die scheinbare Existenzfrage eines kleinen Bruchteiles des Volkes kann sich allmählich in eine Existenzberechtigungs frage für die Gesamtheit verwandeln. Selbstverständlich dürfen wir uns nicht optischen Täuschungen hingeben. Eine einzige technische Hochschule und eine einzige Universität sind nicht imstande, das Problem zu lösen oder gar es aus der Welt zu schaffen. Immerhin erblicken wir darin den Anfang zu einer Lösung, den ersten kühnen Versuch, den Weg der Selbsthilfe zu beschreiten. Durch solche Gründungen wird die Ehre des Volkes wenigstens zum Teil und ein Teil der Jugend vor dem entwürdigenden Bildungsbettlertum gerettet. Und nicht pur die Lernenden, auch die Lehrenden werden erleichtert aufatmen, wenn sie sich, vielleicht zum ersten Mal innerlich autonom fühlen werden, selbständig im tiefsten Sinne des Wortes, selbständig in ihrer Forschung, in ihrer Lehrtätigkeit und in allen ihren Handlungen. Echt schöpferisch kann nur der absolut freie Geist .wirken. Eine Zwanngsjacke drückt immer, mag sie auch golddurchwirkt und mit Edelsteinen besetzt sein. Im Rahmen eines Zeitungsartikels läßt sich die ganze Tragweite der Gründung einer jüdischen Universität im Orient nicht erschöpfend darlegen. Wir beschränken uns nur auf die Feststellung, die uns Genugtuung bereitet, daß man diesen Plan auch in nichtzionistischen Kreisen in seiner vollen Bedeutung zu würdigen versteht. Nun kommen wir aber zu demjenigen Punkte in dem Philippsonschen Aufsatz, den wir nicht unerwidert lassen dürfen. Der Kongreß hat beschlossen, eine Kommission einzusetzen, die die vorbereitenden Schritte zur Gründung