Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1392 Nr. 41 DIE^ELT eben doch eine stark differenzierte Vielheit von Meinungen und einheitlich nur in der Sensationsgier nach Skandalen. Tun wir ihr den Gefallen nicht, diesen Hunger zu befriedigen, so erfindet sie sich eben „Tumulte" aus geringfügigem Anlaß. Das tatsächliche Mißverständnis eines uns sonst sehr objektiv behandelnden Korrespondenten beim letzten Kongreß ist in dieser Hinsicht überaus charakteristisch, und noch bezeichnender der Umstand, daß gerade diese Meldung ihren Weg in ganz Europa und Amerika bis in die kleinsten Blätter fand. Sollen wir unseren Gegnern diese kleine unbegründete Schadenfreude mißgönnen? Warum denn? Es bleibt dabei doch auch manches andere hängen, das wichtiger und richtiger ist. Sieht man zu, welche anderen Meldungen gleich große Wege gemacht haben wie die falsche Nachricht von dem „Tumult" und der „vorzeitigen Schließung" einer Sitzung, so findet man die Mitteilungen über die „bis in die Morgenstunden dauernde Nachtsitzung" — einige Blätter machten daraus eine 36 stündige Dauersitzung —, über die Sammlung für den Universitätsfonds, das Turnfest und ähnliche. Tumult, Nachtsitzung, halbe Million, Turnfest mit 10 000 Zuschauern — das rangiert für die Sensationslust, die nun einmal die erste Lust der öffentlichen Meinung ist, eben alles ganz und gar auf der gleichen Stufe. Entrüstung wäre demgegenüber ebenso verfehlt wie der Vorschlag eines Spaßvogels, doch ein paar wirkliche Skandale zu arrangieren, damit die Sitzungsberichte „interessanter" würden. Weit ernster muß uns jener große Teil der Presse beschäftigen, der zwar berichtet, aber entweder in völlig ungenügender Kürze oder mit dem sichtlichen Bestreben, alles sachlich Ungünstige hervorzukehren oder endlich zwar nicht parteiisch und auch recht ausführlich, aber offenbar ohne Verständnis und eben ohne jene höhere Objektivität, die nur auf der Basis wirklichen Verstehens gedeihen kann. Zum ersten Male hatten wir beim XL Kongreß auch von dieser Gattung eine so beträchtliche und bedeutsame Zahl von Blättern zu verzeichnen. Und das gerade markiert den beginnenden Umschwung der öffentlichen Meinung. Hier aber setzen auch unsere Pflichten ein, hier müssen wir mit einer Aufklärungsarbeit beginnen, deren Takt und Zähigkeit der Sprödigkeit des Materials überlegen sein muß. Eine interne, sozusagen hinter den Kulissen geführte Propaganda hat nun diesen wichtigen Teil der Agitation zu übernehmen. Denn die Zeitungen sind schließlich doch in der Tat, wie Lassalle einmal klagt, „das funktionierende Gehirn unseres Bürgertums geworden", dem es „so süß, so bequem ist, seine Gedanken fix und fertig aus der Fabrik zu beziehen". Eigenes Prüfen und Denken — Hand aufs Herz, wieviele haben denn dazu noch Zeit! Deshalb tun die Denker eigener Gedanken wohl daran, sich mit Hegel von der öffentlichen Meinung unabhängig zu machen. Irgendwann einmal wird sie freilich jedem zum unbequemen Richter, und wer politische Gedanken vertritt, muß ihr Gericht zur Zeit sogar selber anrufen. Deshalb stünde es uns als einer politischen Bewegung schlecht an, uns dem Urteil der öffentlichen Meinung zu entziehen, was wir allerdings nie getan haben, oder es zu mißachten, wozu uns so manche Urteilsbegründung verleiten könnte. Wir sind kein geheimes Wohltätigkeitskomitee, auch kein lokaler philanthropischer Verein, noch eine humanitäre Gesellschaft* die der Presse nicht bedürfen oder ihrer Unterstützung sicher sein können; wir stehen in einem ernsten sozialen und politischen Kampfe um die zukünftige Existenz des jüdischen Volkes, einem Kampfe, der mit der Zeit vielleicht noch schärfere Formen annehmen kann als jemals bisher. Es würde eine unnötige tausendfache Erschwerung dieses Kampfes bedeuten, wenn wir ihn gegen eine schlecht oder gamicht unterrichtete öffentliche Meinung führen müßten, statt die wenn auch nur in freundlicher Neutralität bestehende Unterstützung eines großen Teils der öffentlichen Meinung für uns zu haben, und vielleicht einen weiteren Teil wenigstens nicht gegen uns! Es wird von uns abhängen, von der solidarischen Arbeit aller zionistischen Gruppen der ganzen Welt, ob das glänzende Ergebnis des XI. Kongresses in diesem Sinne uns Früchte bringen wird. Wir hatten und haben recht, unsere eigene Wahrheit nicht in Abhängigkeit zu bringen von der Meinung der anderen, aber es wäre der schwerste politische Fehler, wenn wir jetzt im gegebenen Augenblick nicht alle Kräfte daran wendeten, unsere Wahrheit zur Wahrheit der anderen (m machen. J. B. Der Kiewer Prozess Rußland geizt nach dem Ruhm, immer neue Spezialitäten der Judenverfolgung ausfindig zu machen. Die Ritualmordbeschuldigung taucht ja in Rußland alljährlich bald da, bald dort auf, und Prozesse, zu denen sie den Anstoß gab, hat es auch in anderen Ländern schon gegeben. Ja, wir wollen uns nur recht gut erinnern, daß Xanten, Polna und JConitz auch so von ungefähr richtige Ritualmordprozesse mit allen „kulturellen" Begleiterscheinungen solcher mittelalterlichen Affären waren. Aber immerhin war (es in Könitz nur das rohe Volk, das den Juden die Fensterscheiben einwarf., und ängeklagt waren nur .Buschoff, Hilsner, Levy. Dem Kiewer Gericht blieb es .Vorbehalten, mit dem Juden Beilis das ganze jüdische Volk anzuklagen, daß es von Religions wegen Menschenblut vergieße, und es zu zwingen, sich gegen eine so perfide Lüge zu verteidigen. Gewiß werden wir vor der Kulturwelt unbefleckt aus diesem Verfahren hervorgehen, und das Urteil eines Gerichts, das eine solche Anklage überhaupt zu erheben vermag, kann uns nur kümmern, weil Tausende von Juden leider davor zittern müssen. Gewiß fällt die Schmach dieser Anklage auf ihre Urheber und nicht auf uns, — aber daß man uns diesen Ziwang auferlegen darf, daß wir nicht anders darauf reagieren können als durch Anrufung unserer eigenen und fremder Autoritäten, das muß jeden Juden, der nicht aller Würde bar ist, mit leidenschaftlicher Empörung erfüllen über diese tiefe Ohnmacht seines Volkes, das sich mit Recht rühmt, der modernen Welt ihre sittlichen Gesetze gegeben zu haben. Am Mittwoch, den 8. Oktober, hat dieser unwürdige Prozeß begonnen, und wochenlang werden wir es nun in allen Zeitungen der Welt lesen müssen, wie da vor Kiewer Bürgern über .unsere nationale Ehre hin und her gefeilscht wird. Tag für Tag werden wir die hämischen Glossen unserer Feinde zu hören bekommen, die dem aufrechten Juden freilich nicht viel schmerzlicher im Ohr klingen können als die leider so notwendigen Apologien unserer Volksgenossen und der ehrlichen Christen, die sich mit anerkennenswertem Mut der boshaften Niedertracht der „echtrussischen" .Antisemiten entgegenstellen. Jeden Tag von neuem werden wir uns sorgen müssen um das Schicksal von Tausenden von Juden, die der Obhut einer Behörde .ausgeliefert sind, die diesen Prozeß veranstalten ließ. Alle Menschen von Stolz und Ehrgefühl werden es uns nachempfinden, daß es uns widerstrebt, denen besonders zu danken, die durch Protestkundgebungen ihrer Entrüstung über diese Anklage Ausdruck gaben. Schließlich handelt es sich um eine jüdische Sache hier nur für uns Juden — für alle Nichtjuden ist der Kiewer Prozeß ein Schandmal der Kultur ihrer Zeit, das zu verwischen jedem angelegen sein muß, der auf den Namen eines Kulturmenschen Anspruch erhebt. Aber