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Die Welt · 1913-10-10 · 41 (10.10.1913) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIEÄELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 10. Oktober 1913 W'bzh n"önn 'K ’irn '2 ,-pHa Nr. 41. DIE ÖFFENTUCHE MEINUNG In allen Revolutionen der neueren Zeit hat der Kampf um die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung eine bedeutende Rolle gespielt, und wer heute aus Neigung oder aus Mangel an Talent mit seiner Verachtung der Presse kokettiert, den soll man nur fragen, ob er die Rückkehr zu jenen in den zivilisierten Ländern seit sechzig Jahren und länger überwundenen Zuständen wünscht, — dann wird man diese Verachtung auf das sachlich berechtigte Maß reduzieren können. Gewiß hat Hegel die Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung als die Voraussetzung bezeichnet zu allem „Großen und Vernünftigen, in der Wirklichkeit wie in der Wissenschaft". Denn die Männer der Tat und des Gedankens sollen geleitet sein von ihrer Wahrheit und nicht von der anderer. Die öffentliche Meinung aber ist die Wahrheit der anderen. Daraus versteht sich ihre Bedeutung und ihre Wesenlosigkeit. Wir Zionisten haben das Buhlen um die Gunst der Presse, das heute allenthalben bis in die Kreise der Mächtigsten hinein gang und gäbe ist, nie mitgemacht, und es hätte uns auch nichts genützt. Unser Programm und unsere Anschauungen lagen gar zu sehr außerhalb der gewohnten Gedankengänge der öffentlichen Meinung, als daß wir auf irgendwelches Verständnis hätten rechnen können. Wir hatten unsere eigene Wahrheit und sind ihr unbekümmert um Spott und Hohn und Schlimmeres nachgegangen, und wir taten recht daran. Es konnte keine Bedeutung für uns haben, ob man uns totschwieg, bekämpfte oder belächelte. Schwächlinge nur konnte das an unserer Idee irre werden lassen, Feige einschüchtern und die Eitlen kränken. Die Zionisten, die wenigstens im Wollen Ganzen, wußten es immer, daß die öffentliche Meinung nur vor Tatsachen Respekt hat, und nur diesen durften wir von ihr verlangen. Denn die öffentliche Meinung ist in ihren Sentiments immer das, was man gerade liberal nennt, und in den Gesichtskreis der Anschauung, die heute als Liberalismus gilt, fügt sich der Zionismus nun einmal nicht glatt ein. Was aber von der Presse, als der erkennbaren Vertreterin der communis opinio, nicht liberal im weitesten Sinne ist, gehört den erklärten Gegnern der Juden zu. So durften wir Sympathien nirgends fordern, und es konnte gar nicht anders sein, als daß uns auch der Respekt versagt wurde, solange wir mit leeren Händen dastanden. Eine größere Bewegung, die sozialistische, hat ja wenige Jahrzehnte vor uns genau das gleiche Schicksal gehabt, so sehr ähnlich, daß das Spiegelbild der öffentlichen Meinung kaum die großen Verschiedenheiten der Originale erkennen ließe, wenn sie nicht gar so sehr an der Oberfläche bereits begännen. Die Gleichheit im Verhalten der großen Presse aber geht sogar bis zu den ironischen Sympathieerklärungen der schärfsten Feinde, die auch unsere Gegner uns oft genug als Warnung oder als Denunziation ^uszulegen suchen. Nun sind unsere Hände nicht mehr so ganz leer, unsere Einnahmen steigen, die Resultate unserer Arbeit werden allmählich sichtbar, unsere Reihen werden dichter — nur wir selber merken, wieviel uns da und dort noch fehlt —, und mit der Promptheit und Sicherheit, die viele an soziologische Gesetze glauben läßt, wechselt die öffentliche Meinung Haltung und Richtung. Aber diese Tatsache darf uns bei ruhigem Blut nicht zu verächtlichen Vergleichen herausfordern. Das niag im einzelnen Falle der ^Böswilligkeit gegenüber berechtigte Notwehr sein. Der unwirklichen Gesamtheit gegenüber, die eben die „öffentliche Meinung" ist oder macht oder wiedergibt, gilt es, die einfache Ursache zti begreifen: was bis nun unsere eigene Wahrheit war, fängt im selben Augenblick, in dem sie real wird und uns bereits zur Weiterentwicklung zwingt, gerade erst an, auch die Wahrheit der anderen zu werden. Wer das etwa nur für ein hübsches philosophisches Schema halten möchte, findet den klaren Beweis in der Stellung der Presse zum XI. Kongreß, die sich ja jetzt schon ziemlich vollständig überblicken läßt. Wir haben doch das Unsere der Presse gegenüber gewiß auch bei früheren Kongressen getan. Ihre Vertreter hatten zahlreiche und gute Plätze, und es wurde auch sonst nach Möglichkeit für sie gesorgt, ja, unbefangene Beurteiler haben anerkannt, daß bei wenigen anderen Kongressen die Presse eine so rücksichtsvolle Behandlung erfahre wie bei den Zionistenkongressen. Und doch haben wir es jetzt zum ersten Male erreicht, daß die öffentliche Meinung — zögernd oder entschlossen, in dieser oder jener Verbrämung — die Bedeutung der zionistischen Bewegung anerkannt hat. Dies Faktum soll man festhalten, wenn jnan sich die Berichterstattung der Presse näher ansiefri- Denn da ergibt sich erst, wie dick die Mauer von Uebehvollen, Unverständnis und Interesselosigkeit ist, die wir nun mit Erfolg erschüttert haben. Daß einer immer das lobt, was der andere tadelt, daß alle sich vereint auf jede Kleinigkeit stürzen, die irgendwie mißdeutet werden kann, das möchte noch hingehen. Die öffentliche Meinung ist

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