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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 40 D1E2UXELT 1375 daß den theoretischen und akademischen Grundideen des Zionismus auch heute in der ungarischen Bevölkerung — die jüdischen Teile nicht ausgenommen — wenig Verständnis entgegengebracht wird. Das zunehmende Interesse und die teilweise tätige Förderung der zionistischen Bestrebungen sind vielmehr eine Folge der praktischen Arbeit und der unleugbar in Palästina erzielten Resultate. Wenn auch vor der Entstehung der zionistischen Bewegung bereits Versuche zur Gründung von Ackerbaukolonien in Palästina gemacht wurden, so fehlte denselben die Großzügigkeit, die zielbewußte Richtuyg und die Tendenz: dem heimatlosen Teil des jüdischen Volkes eine eigne Heimstätte, ein geistiges, nationales und autonomes Zentrum zu schaffen. Es war ein Tasten, ein Experimentieren des oder der Einzelnen, die oft zu Verlusten, zur Entmutigung und zum Aufgeben der begonnen Arbeit führten. Wenn heute immer mehr Kolonien entstehen, die bestehenden ausgebaut und erweitert werden, wenn die Kolonien zu stattlichen Dörfern, mit Schulen, Gotteshäusern, Bibliotheken, Volksheimen und sonstigen Kulturinstitutionen nach europäischem Muster sich entwickeln; wenn heute zwei Gymnasien, zwei andere Mittel¬ und landwirtschaftliche Schulen, Versuchsanstalten geschaffen wurden, und ein Technikum im Kostenbeträge von mehreren Millionen im Entstehen begriffen ist; wenn tausende jemenitische, fleißige und arbeitswillige Juden, die bisher in ihrer jemenitischen Heimat ein wahres Sklavendasein gefristet, herangezogen und zu nützlicher Arbeit verwendet werden und Brot und Freiheit finden, so ist dies ein Verdienst der zionistischen Organisation, welches früher oder später die entsprechende Würdigung des Kulturhistorikers und Soziologen finden wird. Aber auch in geistiger Beziehung hat der Zionismus in Palästina eine Arbeit geleistet, die man vor zwanzig Jahren für unmöglich gehalten hätte. Die hebräische Sprache, die man für tot hielt, wurde zu neuem Leben erweckt .... Eine mächtige Literatur, eine ansehnliche Presse von Tages- und Wochenblättern, die mit jedem Tage sich immer mehr verbreiten und auch in den anderen Weltteilen Anhänger und Interessenten erwerben, zeugen von einer Arbeitsleistung und idealen Begeisterung, die auch dem Fernstehenden Achtung einflößen müssen. Die Erwerbung des Bodens in Palästina, diese wichtige Voraussetzung für eine praktische nationalökonomische Entwickelung, schreitet zielbewußt mit Riesenschritten vorwärts. Doch was dieser Bodenerwerbung eigentlich den erhöhten Wert verleiht, ist der Umstand, daß dieser Boden, der jahrhundertelang brach und unbebaut verkümmerte oder primitiv und unrationell ausgebeutet wurde, nunmehr unter fachmännischer Anleitung rationell bearbeitet wird. Neben den landwirtschaftlichen Reformen werden in den Städten Jerusalem, Jaffa und Haifa, neue Straßenanlagen und Häusergruppen geschaffen und so leistet die zionistische Organisation geräuschlos eine Kulturarbeit, die dem Lande, wie den neuen Ansiedlern zum Segen gereicht. Nicht gering zu bewerten sind die Leistungen der Finanzinstitute der zionistischen Organisation, die, vom Mutterinstitut der Englisch-jüdischen Bank in London mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet, als Bankfilialen in Jerusalem, Jafia, Haifa, Hebron und Tiberias den Kreditbedarf und die Finanzierung der Kolonien und der Handelskreise besorgen und sehr wirksam der im Orient eingebürgerten Auswucherung der Kreditbedürftigen entgegenwirken. Von diesen segensreichen Einrichtungen machen nicht nur die jüdischen Ansiedler, sondern auch die einheimischen Araber und Mohammedaner ausgiebigen Gebrauch .... FEUILLETON □□Dooa o Das Hohelied Salomons Nach dem Jüdischen des Schalom Alechem von Hugo Herrmann Busi ist um ein öder zwei Jahre älter als Jch; beide zusammen sind wir noch nicht zwanzig Jahre alt. Rechnet euch nun aus, wie alt ich bin und wie alt Busi. Es ist aber gar nicht wichtig, das zu wissen, glaube ich; ich will euch lieber Busis Lebensgeschichte erzählen. Mein älterer Bruder wohnte auf einem Dorfe und betrieb eine Mühle; er war ein großer Jäger, ein eifriger Reiter und schwamm wie ein Fisch. Einmal im Sommer badete er im Flusse und ertrank. Damals sagte man: „Alle guten Schwimmer sterben durch Ertrinken." Er hinterließ eine Mühle, zwei Pferde, eine junge Witwe und ein kleines Kind. Die Mühle wurde verpachtet, die Pferde verkauft, die junge Witwe verheiratete sich und zog weit, weit fort, und das Kind brachte man zu uns. Dieses Kind war Busi. Am Vortage des Peßach-Festes ging ich mit Busi aus. Man hatte uns unsere schönsten Staatskleider angezögen, alles an uns glänzte, rauschte und knisterte, und wenn ich Busi ansah, fiel mir das Hohelied ein, das ich in der Schule gelernt hatte, Vers um Vers: „Schön bist du, meine Freundin; siehe, du bist schön! Deine Augen sind Taubenaugen, deine Haare sind Zicklein, die von den Bergen hüpfen, deine Zähne wie weiße Lämmer, die aus der Schwemme steigen, eins um das andere, von Einer Mutter geboren. Wie eine Purpurschnur sind deine Lippen und deine Rede ist süß." ~v Sagt mir, ich bitte euch: weshalb fällt einem, wenn man Busi erblickt, das Hohelied ein? weshalb muß man, wenn man das Hohelied liest, an Bnsi ‘denken? Wir gehen zusammen, die Sonne steht schon recht tief am Himmel, rundum ist’s weit und frei und lind und lau. Da und dort erhebt sich ein Grashahn; srrün. frisch und zitternd. Mit Zwitschern flitzt ein Schwarm kleiner Schwälblein über unsern Köpfen dahin und wieder fällt mir das Hohelied ein: „Die Knospen sind erschienen in unserem Lande, die Zeit des Beschneidens ist da und die Stimme des ersten Sommervogels hat sich hören lassen." Ich fühle mich so klein, so leicht! Es scheint mir, ich hätte Flügel; jetzt erhebe ich mich und fliege! Die ganze Welt erhält mir ein neues Antlitz: Unser Hof ist ein Schloß, unser Haus ein Palast, ich bin ein Prinz, Busi ist eine Prinzessin. Die auf dem Hofe angehäuften Holzscheite sind Zedern und Buchsbäume; die Katze, die auf der Schwelle liegt und sich in der Sonne wärmt, ist von den kleinen Füchsen des Feldes; der Hügel vor der Stadt ist der Libanon; die Frauen und Mädchen, die draußen stehen und waschen, sind die Töchter Jerusalems. Alles, alles wie im Hohenliede. Ich bin glücklich, daß Busi nicht so viel weiß wie ich. Wir sitzen auf der Holzlage, ich habe die Hände in den Taschen, klappere mit den Nüssen, die mir die Mutter mitgab; die Nüsse klingeln. Ich sage zu Busi: „Rate, was ich tun kann, wenn ich will!" „Ach, was kannst du denn tun?" „Wenn ich will, kommen alle deine Nüsse zu mir." „Du willst mir sie abgewinnen?" „Nein. Wir müssen gar nicht anfangen zu spielen." „Willst du mir sie vielleicht mit Gewalt wegnehmen?" „Nein. Sie gehen von selbst zu mir herüber." Sie richtet ihre großen schönen Augen gerade auf mich, ihre schönen blauen Hohelied-Augen. Ich sage: „Du glaubst wohl, daß ich Scherze mache? Närrchen, ich habe einen Spruch, einen Spruch ..." Sie öffnet die Augen noch weiter. Ich fühle mich gre>ß, als Held. Sehr stolz sage ich: „Wir: jungen können alles. Bei uns in der Schule ist einer, da gibt es nichts, was der nicht wüßte. Besonders Kabbala. Weißt du, was das ist: Kabbala?"

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