Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 1376 - — ■ ■■■ DIE20KELT Nein. Woher sollte ein Mädchen das wissen? Ich fühle mich im siebenten Himmel, daß ich ihr eine Belehrung über die Kabbala erteilen kann. „Kabbala, Närrchen, ist ein sehr nützliches Ding. Mit Kabbala kann ich machen, daß ich dich sehe, du mich aber nicht sehen kannst. Mit Kabbala kann ich Wein aus einem Stein zapfen und Gold aus der Wand ziehen. Mit Kabbala kann ich machen, daß wir beiden, wie wir da sitzen, uns bis zum Himmel erheben iund noch höher, als der Himmel ist! . . Mich mit Busi bis zum Himmel erheben und noch höher als der Himmel ist, das war einer meiner schönsten Träume. Weit, weit fortfliegen, dorthin, wo das Land der Karlinken liegt, die von den Riesen aus König Davids Zeit abstammen. Die Karlinken sind doch gar grundgute Menschen; sie leben nur von Zuckerbrot und Mandelmilch, spielen den ganzen Tag auf kleinen Flöten und tanzen alle miteinander. Sie fürchten sich vor nichts, und Gäste haben sie gar lieb. Wenn jemand von (uns zu ihnen gefahren kommt, geben sie ihm zu essen und zu trinken, schenken ihm die kostbarsten Kleider und viel goldenen und silbernen Schmuck; und vor der Abreise füllen sie ihm die Taschen mit Diamanten und Perlen, die bei ihnen umherliegen wie bei uns Kieselsteine auf der Straße! „Wie Kieselsteine auf der Straße?" fragte mich einmal Busi, als ich ihr von den Karlinken erzählte. „Du glaubst mir nicht?" „Und du glaubst es?" „Weshalb denn nicht?" „Wo hast du das gehört?" „In der Schule natürlich." „Ach, in der Schule?! . . ." Tiefer sinkt die Sonne und färbt den Himmel mit einem goldenen Schein. Das Gold schimmert in Busis Augen wieder; sie sind ganz in Gold getaucht! Ich möchte Busi von den Künsten, die ich in der Schule lerne, überzeugen. Aber mir ist gar, als ob sie lachte. Sähe ich sonst alle ihre Perlenzähnchen? Es beginnt mich zu verdrießen, und ich sage zu ihr: „Du glaubst mir vielleicht nicht?" Busi lacht. „Du glaubst vielleicht, daß ich mir Lügen ausdenke, daß ich dir etwas vorflunkere?" Busi lacht noch mehr. O, ich will mit ihr abrechnen. Ich sage: „Das ganze kommt davon, daß du nicht weißt, was Kabbala ist. Wenn du wüßtest, was Kabbala ist, würdest du nicht so lachen. Mit Kabbala kann ich, wenn ich will, deine Mutter hierherbringen! Ja, ja. Und wenn du recht bittest, so bringe ich dir sie noch heute nacht, auf einen Besen reitend." Auf einmal hört sie auf zu lachen. Ein Wölkchen ist über ihr schönes lichtes Gesicht gezogen, und mir ist, als sei die Sonne plötzlich untergegangen. Ich habe Angst, daß ich ein wenig über das Ziel geschossen habe. Ich hätte ihren Schmerz nicht anrühren dürfen, ihren tiefen Schmerz um die Mutter, die so weit fortgezogen ist und ihr Kind so gar vergessen hat. Mich reut die Sache schon. Ich möchte es ausgleichen, sie um Verzeihung bitten. Ich rücke näher zu ihr, sie wendet sich ab. Ich will sie bei der Hand nehmen und ihr mit den Worten des Hohenliedes sagen: „Wende dich um zu mir, Sulamith! Wende dich zu mir, Busi!" Da ruft mich der Vater vom Hause her. „Ich komme schon,“ rufe ich, „ich will Busi nur noch zwei Worte sagen. Nicht mehr als zwei Worte." Und ich sage ihr zwei Worte. Ich gestehe ihr, daß das, was ich eben sagte, nicht wahr ist. Mit der Kabbala bewirken, daß jemand fliegt — das kann man nicht. Ich selber — ja, ich selber kann fliegen. Und das will ich ihr beweisen. Ich werde mich vor ihren Augen erheben — sobald nur Peßach vorbei ist — und werde in einem Augenblicke schon über dem Himmel sein. Und dann halte ich mich rechts, dorthin, wo schon das Lebermeer beginnt. Busi hört zu. Die Sonne sendet ihre letzten Strahlen, die Erde noch ein letztes Mal zu küssen. „Was ist das, das Lebermeer?" fragt Busi. „Das Lebermeer kennst du nicht? Das Wasser ist dort so dick wie Leber und ganz salzig. Dort fahren keine Schiffe, und wenn ein Mensch hineinfällt, kann er nicht wieder heraus." Busi sieht mich mit großen Augen an. „Warum willst du denn dorthin gehen?" „Gehe ich denn dorthin, Närrchen? Ich fliege doch. Ich schwebe darüber hin wie ein Adler. In zwei Augenblicken bin ich schon am jenseitigen Ufer. Dort beginnen die zwölf hohen Berge, die Feuer speien, und auf dem zwölften, gerade auf dem Gipfel, steige ich nieder und gehe zu Fuß sieben Meilen weit, bis ich zu einem dichten Wald komme. Dann gehe ich waldein, waldaus, bis an ein kleines Bächlein. Dies Bächlein durchschwimme ich und zähle siebenmal sieben Schritte; da wächst ein altes Männlein vor mir aus der Erde, das hat einen langen Bart und fragt mich: ,Was ist dein Begehr?‘ Ich sage: ,Führe mich zu der KönigstochterF" „Zu welcher Königstochter?" fragt Busi, und mir scheint, daß sie erschrocken ist. „Die Königstochter, das ist eine schöne Prinzessin, die von ihrem Hochzeitsfeste entführt und weggeschleppt wurde und nun seit sieben Jahren in einem kristallenen Palaste gefangen sitzt . . ." „Was geht denn dich das an?" „Was mich das angeht? Ich muß sie doch befreien." „Du mußt sie befreien!" „Wer denn sonst?" „Man soll nicht so weit fliegen, folg' mir, man soll nicht! . . ." Und Busi faßt mich an der Hand, und ich fühle, daß ihr weißes kleines Händchen ganz kalt ist. Ich schaue ihr in die Augen und sehe, daß in ihnen die goldene Sonne widerstrahlt, die vom Tage Abschied nimmt, von dem ersten lichten, warmen Frühlingstage. Langsam sinkt dieser Tag dahin. Die Sonne verlischt wie ein Licht; das Geräusch, das den ganzen Tag erfüllt hat, ist verstummt; schon sieht man keinen Menschen mehr auf der Gasse, in den Fenstern erscheinen Lichter; eine tiefe, heilige Stille umgibt uns, mich und Busi, und wir sind von dieser feierlichen Stille ganz erfüllt. Das dritte Mal schon ruft der Vater nach mir. Busi hört es, zieht ihre Hand aus der meinen, steht auf und drängt mich: „Man ruft dich, geh', geh’. Es ist Zeit Geh’, geh’!" Ich entschließe mich zu gehen. Der Tag ist ausgeblasen, die Sonne verloschen; aus dem Golde ist Blut geworden; ein leichtes, kühles Lüftchen hat sich erhoben. Busi hat in diesem verzauberten Abend ein ganz fremdes Gesicht mit einer anderen Lieblichkeit. Ich gehe und wende mich nach der verzauberten Prinzessin um, die ganz aufgelöst ist in dem verzauberten Frühlingsabend, und auch ich bleibe stehen, selbst ein Verzauberter. Sie aber gebietet mir noch mit der Hand, zu gehen. Ich soll gehn . . . Und es ist mir, als hörte ich ihre Stimme, die mit den Worten des Hohenliedes zu mir spricht: „Entflieh’, mein Geliebter, und sei gleich einem Hirsch und gleich einem jungen Reh auf den Gewürz-Bergen!"