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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Nr. 40 1374 DIE2§KELT lebens in Anspruch nimmt und ihm einen Platz in der nationalen Walhalla sichert. Die hebräische Universität zu Jerusalem wird kommen, und ihre Bedeutung wird nicht in Medizin und Technik, sondern auf dem Gebiete der Geistes Wissenschaften Wie die lebendige „Religion“ im modernen Kulturleben zur privatesten, persönlichsten Angelegenheit geworden ist und lediglich als Objekt der kritischen Forschung sich dem Kranze der Universitas litterarum einordnet, so wird auch Israels Thora, die einst „in Jeschurun König“ war, nunmehr die letzte schwerste Prüfung im Kreise ihres Volkes erleben: eine nationale Wissenschaft unter Wissenschaften zu werden. Israel ein Volk unter Völkern — seine Thora eine der vielen Lebensäußerungen des jüdischen Volksgeistes, je nach Laune oder kritischem Geschmack verhöhnt oder angebetet, mystisch umschwärmt oder geistig überwunden, immer aber entthront und eingeordnet in einen größeren umfassenden Organismus, in dem ihr ein Eckchen neben der Archäologie oder der — Psychologie gegönnt wird. — So bezeichnet der Universitätsgedanke, hinter dem der ganze Kleinkram der kolonisatorischen Tätigkeit in den Schatten tritt, nicht etwa — wie naive Gemüter glauben — einen vorübergehenden Clou für die Kongreß-Begeisterung, sondern die konsequenteste und logischste Entwickelung des Zionismus, nachdem er sein politisches Endziel hat aufgeben müssen. Der Zionismus ist heute im wesentlichen eine Kulturbewegung geworden. Er bedeutet nach der Periode der Einzelassimilation die endliche, restlose Anpassung der Judenheit als ein Ganzes an die moderne KulturentWickelung, die damit das Religionsvolk par excellence zu besiegen, ihren gewaltigsten Triumph über die Religion zu feiern sich anschickt. Und wenn dem Zionismus das unbestreitbare Verdienst gebührt, Tausende vor der äußeren Fahnenflucht zu bewahren, so gelingt ihm das eben nur dadurch, daß er selbst die Fahne gewechselt, daß er nicht etwa die Kultur ergriffen und der Thora-Norm assimiliert, sondern diese jener grundsätzlich geopfert hat. „Bayerische Staatszeitung“, München Was dem Geschichtsschreiber des modernen Zionismus auffallen muß, ist das rasche Tempo, mit dem sich die zionistische Bewegung ausgedehnt hat. Von schüchternen Kolonisationsversuchen ist man heute zu einer nationalen Wiedererweckung fast der ganzen jüdischen Welt gelangt, und vor aller Öffentlichkeit wird die Judenfrage von einem jüdischen Parlament — dem Kongreß — diskutiert. Es sind die Vertreter der Juden aller Weltteile, die nach Wien eilten, um im Dienste der Bewegung, die eine rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische- Volk in Palästina erstrebt, sich zu wichtigen Beratungen und Beschlüssen zusammenzufinden. Delegierte aus Amerika, Afrika, Australien, Vertreter der bereits in Palästina wirkenden Söhne des jüdischen Volkes mischen sich unter die Delegierten aus Ost- und Westeuropa. Sie alle fühlen sich verbunden durch Bande der Geschichte, des Blutes und der Religion. Zu den vielen Hundert gewählten Delegierten kommen fast 10000 auswärtige Kongreßbesucher, und ein eigenartiger Reiz ruht über der feierlichen Versammlung, die heute abend die Verhandlungen einleitete. Man sieht, man fühlt den Pulsschlag eines wiedererwachenden Volkes. Im Katharinensaal, einem der größten Säle Wiens, der bis aut den letzten Platz besetzt war, eröffnete in Anwesenheit von ungefähr 5000 Zionisten Professor Dr. Warburg, Berlin, den Kongreß. Der Redner zeichnete in großen Zügen die Entwickelung der Bewegung in den 17 Jahren ihres Bestehens und gedachte dabei, mit großem Beifall aufgenommen, Theodor Herzls. Warburg betonte, daß der Zionismus ein Interesse an einer star k e n Türkei habe und daß seine Arbeit ein wichtiger Beitrag zur wirtschaftlichen und kulturellen Förderung des osmanischen Reiches darstelle. Heute habe man den Zionismus als ein Arbeitssystem in Palästina anzusehen, das sein Hauptziel in der Hebung des jüdischen Prestige, in der Stärkung seiner ökonomischen Position in Palästina — in Stadt und Land — erblicken müßte. Diese „praktische Palästinaarbeit“ sei die Voraussetzung jeder jüdisch-zionistischen Politik. Die zionistische Politik sei friedliche, harmonische Arbeit im heiligen Lande; eine Arbeit, die auch der arabischen Bevölkerung zugute kommen solle. Diese Arbeit sei aber nicht nur im Interesse des osmanischen Reiches, sie liege vielmehr im Interesse aller Staaten, die an einen blühenden Orient wirtschaftliche Hoffnungen knüpfen. Aus diesen Zielen ergibt sich ein mannigfaches Programm: Landkauf, Kolonisation, Förderung von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe in Palästina. Schließlich kündigte der Redner eine Reihe von Vorlagen an den Kongreß an, unter denen insbesondere das Projekt einer Universität in Jerusalem stürmischen Beifall fand. Eine Reihe von Wiener Körperschaften begrüßten den Kongreß. Großer Beifall erhob sich, als Dr. Schreiber namens der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde hervorhob, daß Zionismus und Patriotismus wohl vereinbar seien, was ja von der Zionistischen Organisation oft betont worden ist, und was gewisse Gegner der Bewegung, um sie zu verdächtigen, bekanntlich vergeblich bestritten „Oesterreichische Morgenpost“, Wien. Wir begrüßen den XI. Zionistenkongreß in Wien, der vom 2.-9. September in unseren Mauern tagt und wünschen den Beratungen desselben volles Gedeihen und volle Einigkeit. Die „Oesterreichische Morgenpost“ tritt nicht nur für die nationale Autonomie aller österreichischen Völker, sondern insbesondere für die nationale Autonomie des Judentums in Oesterreich ein. Die Lösung der Judenfrage ist eine brennende Frage in unserem Staate, mag man sie vom nationalen oder sozialen Standpunkte aus betrachten. Der verstorbene Ministerpräsident Grat Taaffe hat seinerzeit einer jüdischen Deputation, die Stellungnahme gegen den Antisemitismus erbat, versprochen, seine ganze Energie und seinen Einfluß für sie zu verwenden, wenn die Juden die Hand zu einer, den Ausgleich der nationalen Gegensätze erstrebenden österreichischen Volkspartei bieten würden. Was Taaffe wollte, haben die Wortführer der Juden damals nicht begriffen und sie waren blind und taub für die Warnungen und Mahnungen des „Weisen von Emmersdorf“, des großen Dr. Adolf Fischhof. Die junge Generation der Juden kann sich nicht gut hineindenken, in jene Zeitperiode, in der die „Urgermanen mosaischer Konfession“ in Versammlungen und Blättern gegen Fischhof als Verräter am Deutschtum und „verkappten“ Taaffeschen Regierungsknecht ihre Bannstrahlen schleuderten. Ja, am 15. Juli 1882 wurde die geplante konstituierende Versammlung der österreichischen Volk s p a r t e l, zu der der greise Fischhof aus Emmersdorf herbeigeeilt war, durch Dienstmänner gesprengt. Lueger war damals mit Fischhot, Walterskirchen, Hertzka und Kronawetter einig, daß dem Judentum in Oesterreich nur durch Anschluß an eine wahre österreichische Volkspartei zu helfen sei. Diese nationale Verbohrtheit im Deutschliberalismus rächte sich an den Juden selbst, es kam die antisemitische Bewegung und ihre Folgen. Eine nationalautonomistische oder föderative Reichsverfassung in Oesterreich wird aber auch dem Judentume Gerechtigkeit widerfahren lassen, denn Oesterreich ist der Hort der kleinen Nationen, ein Mikrokosmos im Mikrokosmos Europas. Die jungjüdische Politik in Oesterreich kann (abgesehen von dem Streben nach einer Heimatsstätte) nur eine jungösterreichische, nationalautonomistische sein. Die junge Generation des Judentums muß es verstehen, jene Harmonie zwischen ihren jüdisch-volklichen Interessen und denen der übrigen Völker Oesterreichs herzustellen, und diese Harmonie bietet ihnen ein bundesstaatliches Groß- Oesterreich. „Neues Budapester Abendblatt“, Budapest. .Auch die Nichtzionisten können nicht achtlos an diesem Ereignis vorübergehen. Der Soziologe, der Kulturhistoriker, der Politiker, wie der Humanist, sie können nicht eine Bewegung übersehen, die nunmehr seit mehr als zwei Jahrzehnten Hunderttausende Menschen interessiert, zu eifriger, oft aufopfernder Arbeit begeistert und zu positiven, bedeutenden, in ihrer Weiterentwicklung unberechenbaren Resultaten geführt hat. Daß diese Resultate gerade im Orient erzielt werden, der allen kulturellen Unternehmungen und allen sozial-ökonomischen Evolutionen aktiven wie passiven Widerstand zu leisten pflegt, beweist am besten, daß ditz. Idee einen gesunden, lebensfähigen Kern in sich birgt und daß die Träger dieser Idee die richtigen Mittel mit entsprechend ausdauernder Aufopferung anwenden. Auch in Ungarn hat der Zionismus, nachdem er sich mannigfacher Gegnerschaft erwehren mußte, im Laufe der Jahre immer mehr . Freunde erworben, und wenn auch die Zahl der aktiven Teilnehmer nicht im gleichen Maße gestiegen ist, so kann doch nicht geleugnet werden, daß weite Kreise, die früher der Bewegung gleichgütig oder gegnerisch gegenübergestanden sind, heute mit Sympathie oder warmem Interesse der Entwickelung und der Tätigkeit der zionistischen Organisation folgen. Es soll aber nicht geleugnet werden,

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