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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 40 DJEl^KELT ==■■= ■ < =- 1373 initiative überlassen war. Mit der geplanten Begründung einer Universität in Jerusalem betritt der Zionismus das bisher noch nicht gepflegte kulturelle Gebiet. An dieser Universität wird vermutlich in hebräischer Sprache gelehrt werden und den jüdischen Wissenschaften eine bevorzugte Stelle angewiesen sein. Aber sie wird doch auch eine Pflanzstätte allgemeiner Wissenschaft sein, und in dieser Eigenschaft kann von ihr ein starker kultureller Einfluß ausgehen, der dem ganzen Lande zugute kommen muß, und wenn ein Kongreßmitglied von der Universität Jerusalem eine neue Aera für Palästina erwartet, so wird man ihm im wesentlichen nur zustimmen können. Was der Kongreß sonst noch sagte, geht die Oeffentlichkeit wenig an. Zwei Strömungen kämpfen in der zionistischen Bewegung um die Oberhand, eine politische und eine praktische. Die erstere will nur die Bedingungen für die Einwanderung nach Palästina schaffen und die Hindernisse und Beschränkungen aus dem Wege räumen, die Kolonisationsarbeit aber der Privatinitiative überlassen; die andere will dagegen die Kulturarbeit mit den Mitteln des Nationalfonds leisten und dem Judentum eine starke wirtschaftliche Stellung in Palästina erwerben. Es hat heiße Kämpfe zwischen den beiden Richtungen gegeben, aber schließlich haben sie sich in der Begeisterung über die Universitätsgründung wieder versöhnt. Es ist diese Begeisterung, die der zionistischen Bewegung den endlichen Erfolg sichCTt.“ „Neue Freie Presse", Wien Heute hat der Elfte internationale Zionistenkongreß, der sechs Tage währen wird, seinen Anfang genommen. Die Beteiligung ist ungemein groß und es sind tatsächlich alle Länder der Welt vertreten. Der Kongreß hat alle großen Saallokalitäten der Stadt für seine Zwecke gemietet. Vor allem den Musikvereinssaal und die Katharinenhalle im Dreherpark in Meidling. Schon seit Sonntag sieht man in der Stadt zahlreiche Delegierte, Herren und Damen, mit den blauweißen Abzeichen. Die fremden Gäste haben die Zeit bis zum Kongreß zur Besichtigung der Stadt und ihrer Sehenswürdigkeiten verwendet. Die Umgebung des Musikvereinsgebäudes, wo sich die Hauptbureaus des Kongresses befinden, steht vollkommen unter dem Eindrücke der Veranstaltung. Der Andrang an den Schaltern ist teilweise so groß, daß die Unterstützung der Polizei, studentischer Ordner, die der verschiedensten Sprachen mächtig sind, herangezogen werden mußte. Die Zahl der Besucher des Kongresses ist bis heute auf 9000 gestiegen. Unter den Delegierten fallen besonders die aus dem Orient und aus den überseeischen Ländern auf. Sehr stark sind die zionistischen Vereine von Canada und Südafrika vertreten. Insgesamt sind 550 Delegierte von zionistischen Organisationen aus allen Ländern und Erdteilen erschienen. Die meritorischen Beratungen des Kongresses werden hauptsächlich praktische zionistische Arbeit in Palästina, wo ein kulturelles, jüdisches Zentrum geschaffen werden soll, zum Gegenstände haben. Auf dem Wiener Kongresse wird auch zum erstenmal der Plan der Errichtung einer hebräischen Universität in Aussicht genommen. Das diesbezügliche Referat wird Herr Professor Weizmann (Manchester) erstatten. Mit dem Kongreß ist eine Ausstellung des jüdischen Nationalfonds, der Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem, des Jüdischen Verlages, des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina usw. verbunden, die bei freiem Eintritt jetzt schon einen sehr zahlreichen Besuch aufzuweisen hat . . . (Folgt ein mehrspaltiger Bericht über die Eröffnungssitzung.) „Der Israelit", Frankfurt a. M. In der bekannten dem Zionistenkongresse vorausgegangenen Oppositionsversammlung zu Paris sprach Marmorek von „rauschenden Festen", zu denen man sich . in einer für Juden und Judentum allenthalben so kritischen Zeit in Wien zusammenfinde. Darin steckt ein Körnchen Wahrheit. In der Tat liegt ein Teil der Eigenart des Wiener Kongresses in den ihn umrahmenden Festen und Veranstaltungen, die die Stimmung für die Verhandlungen schufen und auch die nötigen Sturzwellen der Begeisterung, die im Kongreßsaale über manche scharfe Klippe glücklich hinwegtrugen. Allein das ist nur eine Aeußerlichkeit. Für die gegenwärtige Situation im Zionismus war der Schauplatz der Veranstaltung ungemein glücklich gewählt, ln der Metropole Oesterreichs, dieses Nationalitätenstaates, ist der Zionismus von jeher etwas Natürlicheres als in den anderen Ländern der Diaspora. Hier handelt es sich in erster Reihe um eine scharfe Betonung der jüdischen Nationalität, um den Anspruch auf Anerkennung derselben analog der tschechischen, kroatischen usw. Dazu bedarf es aber nicht erst der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte". Für solche nationale Aspirationen genügt vollkommen das heimische Parlament, in dem, wenn’s gelingt, ein „Jüdischer Club" im Namen der „jüdischen Nation" spricht, genügt jede Volkszählung, bei welchem Anlaß man die Rubriken: „Nation" und „Sprache" demonstrativ mit „jüdisch" ausfüllt. Zur Not tut es auch die Universitätsrampe, um deren Besitz man Kämpfe führt. Hier ist man auf den Charter weit weniger eingeschworen, als auf die blauweiße Farbe. Und hier durften die „Praktischen" ruhigen Herzens ihr Banner entfalten, der Jubelstimmung aller sicher, die im Kongresse vornehmlich eine Demonstration der nationalen Idee erblicken. ' So war denn der Wiener Kongreß, getragen von dieser Stimmung, die machtvollste zionistische Kundgebung seit dem Bestehen der Zionistischen Organisation. . . . So war und ist denn schon vom Standpunkte der äußeren Politik ein anderes Ergebnis des Kongresses, als es tatsächlich eintrat, gar nicht möglich gewesen: Der e n d - gütige Sieg der praktisch-kolonisatorischen Kleinarbeit über die hohe Politik. Man mag diese Tatsache in die tönende Formel fassen, daß die Palästina-Arbeit ein „integraler Bestandteil der zionistischen Politik" sei, mag die stille Hoffnung hegen, es werde vermittelst der im heiligen Lande zu leistenden Kulturarbeit gelingen, sich die Freundschaft — und nicht wie es jetzt den Anschein hat, — den glühenden Haß der arabischen „Herren des Landes" zu erwerben — das ändert nichts an dem Faktum, daß es einen Zionismus als politischen Gedanken, als politische Lösung des Judenproblems vorerst nicht mehr gibt .... Die klare Erkenntnis dieser Entwickelung ist nicht nur um deswillen wichtig, weil sie geeignet ist, manchem Gläubigen des politischen Zionismus das richtige Augenmaß für die geheimnisvolle Schwere und Eigenart des jüdischen Golüs-Problems wiederzugeben, sondern auch aus anderen Gründen. Es ist bekannt, daß man in weiten jüdischen Kreisen, insbesondere in den religiös gesinnten, dem politischen Zionismus Herzls und Wolffsohns eben wegen seines ziemlich nüchtern-geschäftsmäßigen Charakters Vertrauen entgegenbrachte. Eine politische, allenfalls wirtschaftliche Bewegung großen Stils sollte der Zionismus sein, und weder der einfache Wortlaut des Programms, noch der ganze Zuschnitt der Leitung ließen einen tieferen Zusammenhang mit der Welt des Geistes, mit religiösen, wissenschaftlichen, künstlerischen Anschauungen stark hervor- Gerade dieser Umstand verscheuchte das Mißtrauen mancher religiösen Kreise, und es war kein Zufall, daß die Misrachi-Fraktion jederzeit als die zuverlässigste Schutztruppe der rein politischen Richtung gegolten hat .... Das ist nun anders geworden. Der Bankrott des politischen Zionismus bedeutet zugleich mit zwingender Notwendigkeit die Erhebung der Kulturarbeit in engerem Sinne in das Zentrum des zionistischen Gedankenlebens. Von dem trockenen Kleinkram der Bankfinanzen und den minimalen (ob auch an sich sehr wertvollen) Erfolgen einer kleinen Arbeiterkolonie öder einer landwirtschaftlichen Versuchsstation in Palästina kann eine Volksbewegung im „Volke des Buches" nicht leben. An die Stelle des politischen Ideals muß das kulturelle treten, wenn das Feuer der Bewegung, das ja Hunderttausende erfaßt und mit neuem Elan erfüllt hat, nicht allmählich seine Glut verlieren und erlöschen soll . . . Mit sinnfälliger Deutlichkeit vergegenwärtigt das Universitätsprojekt, dessen Annahme den geistigen Höhepunkt des Kongresses bildet, diese innerlich notwendige Entfaltung des Zionismus. Eine „jüdische Hochschule" wäre in der vorzionistischen Zeit eine Hochschule für Religionswissenschaft gewesen. Im Rahmen der modernen nationalen Universität dagegen ist seidsverständlich die Wissenschaft der Thora die — vielleicht erstgeborne — Tochter der gesamten, in hebräische Sprachform gegossenen wissenschaftlichen Zeitkultur. Wir bewerten nicht, sondern stellen nur Tatsachen fest: Der Zionismus muß die Entthronung der jüdischen Religion wollen, weil er nur so sich seinen Prinzipien gemäß ausleben, nur so die der Kultur assimilierten Volkskreise gewinnen und so — vielleicht — die Geschichte des „Golus Schechina" zu konsequentem Abschluß bringen kann. Es ist kindlich, an dem Universitätsplan herumzumäkeln und „Berücksichtigung" der Orthodoxie zu verlangen, beinahe ebenso kindlich, wie die Kritik an der Coeducation am Jaffaer Gymnasium oder das — allerdings begreifliche — Entsetzen darüber, daß man im Buberschen Kreise auch den jüdischen Religionsstifter aus Nazareth als Exponenten jüdischen Geistes-

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