Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 1368 -- - - - —. D1E3§KELT vor allem ein Instrument ist im Kampfe um menschlicheref Lebensbedingungen, um Kultur und Bildung. Diese Masse sieht in ihrer Sprache trotz Pasmanik ein sehr bedeutendes Bollwerk des nationalen Bewußtseins. Beweis: Volkszählung in Galizien und die Tatsache, daß selbst die russischen Zionisten, sobald ihnen die Möglichkeit eines Kontaktes mit den Massen ungeschmälert offen stand, in Helsingfors die Anerkennung der jüdischen Sprache auf ihr Programm setzten. Auch Pasmanik war dabei. Diese Tatsache verschweigt Pasmanik, ebenso wie er es nicht der Mühe wert findet, die Bestrebungen zur Errichtung jüdischer Schulen mit jüdischer Unterrichtssprache und ähnliche Erscheinungen zu erwähnen, die gar nicht zu seiner Untergangstheorie passen. Die Tatsachen aber, die ihm denn doch Beachtung abnötigen, versucht er so zu deuten, daß sie seine Behauptungen bestätigen. Da ist in erster Linie die riesige Entwicklung der jüdischen Presse in Osteuropa und Amerika, die in Hunderttausenden von Exemplaren täglich und wöchentlich erscheint. Wie erklärt sich Herr Pasmanik diese Erscheinung? Für Amerika hat er die Erklärung gleich zur Hand: „Die jüdische Presse in Amerika wird von den immer neu zuwandernden „Grünen" genährt, denn die zweite Generation ist amerikanisiert und liest nur englisch“. Es kann nun tatsächlich nicht geleugnet werden, daß in Amerika die Assimilationsgefahr sehr groß ist, das hat übrigens auch Birnbaum nach seiner Amerikareise sehr klar ausgesprochen. Doch so einfach, wie sich Pasmanik die Dinge vorstellt, liegen sie gewiß nicht. Wie steht es nun aber mit Rußland? Hier gibt es ja gar keine „Grünen", die man zur Erklärung heranziehen könnte. Ich kann es mir nicht versagen, das wichtigste aus Dr. Pasmaniks entsprechenden Ausführungen wörtlich zu zi- „Der Witz der Geschichte ist einfach der: in der russischen judenheit, die vorher überhaupt keine Zeitung las, ist in den letzten 15 Jahren eine große innere Wandlung vor sich gegangen. Die erste Zeitung die der russische Jude lesen konnte, war die Jargon-Zeitung. Und die Zahl dieser Juden, die zum ersten Mal eine Zeitung in die Hand nehmen, wächst. Aber sobald sich der Jude an der Hand seiner Jargonzeitung die gangbaren Kulturelemente angeeignet hat, geht er nicht zu einer „besseren" jüdischen Zeitung über, sondern direkt zur russischen, beziehungsweise polnischen.“ 'Daher vegetiere der literarisch hochstehende „Fraind", die gelbe Presse finde reißenden Absatz. Der „Jargon" spiele die Rolle eines Assimilationsfaktors. Hapert’s hier nicht ein wenig mit der Logik? Wieso gelangt denn der Jude, der doch nach Herrn Pasmaniks eigener Aussage zur „Jargon"-Zertung gegriffen hat, weil er in keiner anderen Sprache lesen konnte, durch die Aneignung der gangbaren Kulturelemente an der Hand seiner Jargonzeitung dazu, polnisch oder russich lesen zu können? Meines Wissens gibt es in der jüdischen Presse keine Abteilungen für slavische Sprachen. Und noch etwas: Herr Pasmanik konstruiert einen Gegensatz zwischen dem „Fraind" und der „gelben Presse“. Ich kenne nicht alle jüdische Zeitungen in Rußland, möglich, daß es welche gibt, die die Bezeichnung „gelb" verdienen. Aber ich kenne den „Haint", der das verbreitetste aller russisch-jüdischen Blätter ist, kenne auch den „Fraind" und finde Herrn Pasmaniks Gegenüberstellung geradezu ungeheuerlich. Es mag ja sein, daß der „Fraind“ besser redigiert ist, als andere mehr verbreitete jüdische Zeitungen. Aber gar so groß ist der Unterschied auf keinen Fall, daß man diese „gelb"' nennt, den „Fraind" aber in den Himmel hebt. Kann man etwa eine Zeitung wie den „Haint", die Perez, Frischmann, Nomberg, Schneier, Leszczinski und andere zu ihren regelmäßigen Mitarbeitern zählt, in die Kategorie der gelben Presse einreihen? Platzt also schon bei der Presse die Pasmaniksche Theorie wie eine Seifenblase, so wird dies noch offenbarer, wenn wir die Buchliteratur heranziehen. Warum vergißt Herr Pasmanik ihrer gerade in diesem Zusammenhänge? Wie erklärt er sich das Anschwellen des jüdischen Büchermarktes, das Aufblühen des VOriagswesenc? Denn daß hier die Theorie von gelb und nicht gelb unanwendbar ist, wird ja auch Herr Dr. Pasmanik wissen. Auf welche Weise gelangt er also zu dem Satze: „Die Jargonliteratur beschleunigt durch ihre Ausbreitung ihren eigenen Tod?" Und Herr Dr. Pasmanik hat ja auch die Buchliteratur in den Kreis seiner Betrachtungen einbezogen, allerdings in einem anderen Zusammenhänge, da er dort einen Angriffspunkt zu finden glaubte. Er schreibt: „Gerade auf dem Gebiete der Jargonliteratur schaffen Amerika und Galizien, wo die Juden ihre Kräfte doch ungehemmt entfalten können, am allerwenigsten. Spricht man von „ostjüdischer“ Kultur, so meint man speziell Rußland." Diese letztere Behauptung ist wirklich neu. Spricht man von ostjüdischer Kultur, so meint man alle Ostjuden. Denn „Kultur ist nicht bloß das Buch, sondern das ganze Leben in seiner nationalen Eigenart" — sagt Pasmanik. Was aber die literarische Produktion betrifft, so liegt die Ursache des unverhältnismäßig großen Anteils Rußlands nicht dort, wo Herr Dr. Pasmanik sie suchen möchte: in der gedrückten Lage der russischen Judenheit. Denn dann müßte Rumänien an derselben Stelle stehen und ebenso Galizien, wo es mit der ungehemmten Entfaltung bekanntlich gar nicht weit her ist. Nein, da wirken ganz andere Momente. Ich will nicht über Amerika sprechen, dessen Verhältnisse mir nicht bekannt sind. Aber in Galizien ist das Unglück einfach das, daß das Judentum hier in den letzten Jahrzehnten überhaupt arm ist an schöpferischen Talenten, nicht etwa, daß die Talente sich der polnischen Literatur zuwenden. Selbst die Presse ist in Galizien ziemlich judenrein. Was aber an literarischen Regungen vorhanden ist, besonders in der Publizistik, ist jüdisch geblieben. Herrn Pasmanik sagt auch der Inhalt der jüdischen Literatur nicht zu. „Wenn man die Sache von diesem Gesichtspunkt betrachtet, dann zerrinnt die ganze Legende von der ostjüdischen Kultur in nichts." Die großen Schriftsteller hätten nur die Vergangenheit und das Vergehende geschildert, einen Kulturwert für die Zukunft hätte keiner geschaffen. „Wo ist“, fragt Pasmanik, „das neue Wort, die neue Zwecksetzung, die die ostjüdische Kultur dem Gesamtjudentum geschenkt hat?" Nun, der Zweck einer Kultur liegt doch in ihr selber, in der Tatsache ihrer Existenz und Entwicklung. Und Zweck und Bedeutung der ost jüdischen Kultur liegt darin, daß hier die relativ größte Möglichkeit gegeben ist für die Entfaltung der jüdischen Persönlichkeit, für ein jüdisches Schaffen in eigenen Formen (die Sprache ist in erster Linie Form), für eine kulturelle Sonderexistenz des Volkes. Das ist eben das neue Wort. Der deutsche Jude hat ja eine größere und entwickeltere Literatur, aber das ist ja keine jüdische, sie kann ihm auf die Dauer die jüdische nicht ersetzen — siehe Kunstwartdebatte. Der Ostjude hat seine Sprache, hat in den Massen einen Resonanzboden, kann das höchste Ausmaß jüdischer Eigenart und Ganzheit erreichen, das im Golus möglich ist. Freilich kann die ostjüdische Kultur dem Westjuden nicht alles ersetzen, auch eine noch so große jüdische Kulturgemeinschaft in Palästina wird es nicht. Volljude wird der Westjude niemals werden. Aber durch den möglichst engen Kontakt mit dem Leben dieser jüdischen Zentren könnte der Westjude ein viel „vollerer" Jude werden, als er es an sich ist. Derartige Gedankengänge sollten wenigstens den Zionisten nicht fremd klingen, die auf die belebenden und erfrischenden Einwirkungen eines jüdischen Palästina auf das Golusjudentum (auch auf das Ostjudentum) große Hoffnungen setzen. Doch da bin ich schon beim Problem: „Alljudentum und Zionismus" angelangt, das eine eigene Abhandlung erfordert. Und fast wäre mir Pasmaniks letztes Argument entgangen, das da lautet: „Es gibt nichts Traurigeres als das Innenleben der Ostjuden. Ihre Gemeindeorganisationen, ihre Wohlfahrtseinrichtungen, sogar ihr religiöses Leben befindet sich größtenteils im Zustande der vollen Zersetzung. Was im Osten den Stempel der festgefügten Organisation trägt, ist entweder vom Zionismus, oder vom Sozialismus, oder von der westjüdischen J. C. A. geschaffen worden."