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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 40 PIE^TELT Vielleicht werden diese Dinge in einer späteren Auflage berücksichtigt werden können. (Auch die letzten Abschnitte des Buches, die sich mit der neueren überseeischen Auswanderung befassen, vertragen — wie mir von sachkundiger Seite gesagt wird — mancherlei Korrektur). Aber keineswegs möchte ich verlangen, daß eine künftige Auflage gleich zionistisch sei. Das könnte den Wert des Buches eher ver- 1367 ringern. Nur an den zionistischen Tatsachen sollten spätere Auflagen nicht vorübergehen. Aber über der Zukunftsmusik der späteren Auflagen wollen wir die vorliegende nicht vernachlässigen, die jedem an den jüdischen Wanderungsfragen interessierten Juden in allen Kapiteln ein reiches und wirklich wertvolles, vor allem aber anregendes Material bietet. LEGENDE UND Von B. Ich hatte gehofft, mir die nachstehenden Zeilen ersparen zu können. Ich war überzeugt, es würde sich auch außerhalb der poale-zionistischen Fraktion jemand finden, der gegen die Art protestiert, in der ein zionistischer Publizist.es unternommen hat, die ostjüdische Kulturbewegung zu verhöhnen. Ich habe mich aber getäuscht. Einige Wochen sind vorüber, seitdem der Artikel des Herrn Dr. Pasmanik: „Die Legende von der ,ostjüdischen4 Kultur44 („Die Welt44, Nr. 29) erschienen ist — der Widerspruch ist ausgeblieben. Ist das bloßer Zufall, oder sind wirklich alle nicht proletarischen Zionisten mit Dr. Pasmanik einverstanden?*) Wie dem auch sei, Dr. Pasmaniks Angriffe dürfen nicht unbeantwortet bleiben. In erster Reihe im Interesse des Zionismus. Dieser darf nicht den Verdacht auf sich ruhen lassen, als identifiziere er sich mit allen Auffassungen des Dr. Pasmanik. Was soll man denn dazu sagen, wenn Herr Dr. Pasmanik sich den Ausspruch leistet: „Das ganze Gerede von der gesunden, lebenskräftigen, ,ostjüdischen4 Kultur ist nur eine Legende, die meist von Unwissenheit, teilweise von Kampfeslust gegen den Zionismus künstlich geschaffen ist?44 Ja, wohin soll denn das führen, wenn man allen Wortführern und Vorkämpfern der ost jüdischen Renaissancebewegung kurzerhand alles Wissen in jüdischen Dingen oder im besten Falle jede Ehrlichkeit der Ueberzeugung abspricht? Sind denn die Perez, Eliaschoff, Nomberg, Schitlowski, Birnbaum, Niger und die anderen hervorragenden Vertreter des „Jiddischismus44 wirklich so vogelfrei, daß man sie in der nationaljüdischen Presse als öde Nichtswissei oder boshafte Kreise-Störer hinstellen darf, alle ohne Ausnahme? Wie kommen denn die jüdischen Massen dazu, daß die Bewegung, für die sie in Galizien im Jahre 1910 heldenhaft gekämpft und gelitten haben, die Sprache und Kultur, auf deren Grundlage sie in Rußland wie in Oesterreich die Anerkennung ihrer Nationalität erstreben, von einer ernsten jüdischen Publizistik als ein Hirngespinst geistloser . Fanatiker bezeichnet werden? Aber dieser allgemeine Satz scheint Herrn Dr. Pasmanik noch nicht recht befriedigt zu haben. Denn er unterläßt es nicht, uns zwei Vertreter der „Unwissenheit und der Kampfeslust gegen den Zionismus44 vor Augen zu führen: Dr. Nathan Birnbaum und Schalom Asch. ' Daß ein „antijiddischistischer44 Artikel ohne eine Anrempelung Mathias Achers geradezu undenkbar geworden ist, ist ja bekannt. Herr E>r. Birnbaum dürfte es auch gerne ertragen, daß man die ostjüdische Kulturbewegung so innig mit seinem Namen verknüpft. Und daß ein Wortführer der jüdischen Intelligenz sich nicht dazu aufschwingen kann, über alle Gegensätze der Anschauungen hinweg die Lebensarbeit dieses großen Juden objektiv zu werten, auch das ist nichts neues. Aber ein Mathias Acher sollte doch wenigstens gegen Verdrehungen und *) Dieser Artikel lag uns bereits Anfang August vor und sollte auch noch vor dem Kongreß erscheinen. Leider hat Raummangel seine Veröffentlichung bis jetzt verhindert. Die scharfe Polemik gegen Dr. Pasmanik lassen wir ungemildert passieren, da ja auch Dr. Pasmaniks Artikel ein scharfer Angriff war. Ueberdies möchten wir mehr Wert aut Unparteilichkeit in der Sache legen, indem wir alle Richtungen gu Worte kommen lassen, als auf jene milde Tonart, die niemandem gerecht wird, weil si§ alles verwässert. Die Red. d. „Welt.44 WIRKLICHKEIT Mißdeutungen gefeit sein. Herr Dr. Pasmanik schreibt: „Um die ostjüdische Kultur zum Alljudentum zu erheben, ist er (Acher) gezwungen, auf vier Millionen Juden zu verzichten — auf die ,blutarmen Westjuden4, auf die sephardischen und auf ,die paar (!) arabischen, persischen, bucharischen, kaukasischen und ähnlichen Juden4.44 Die in diesem Satze unter Anführungszeichen gesetzten Worte stammen aus Dr. Birnbaums bekanntem Aufsatz „Sprachadel44. Unmittelbar darauf nun befinden sich im genannten Artikel folgende Sätze: „Ich möchte hier ausdrücklich bemerken, daß ich gar nichts gegen die anderen Gruppen des jüdischen Volkes habe. Ich sagte mich niemals von ihnen los und verlangte niemals, daß sich die Ostjuden von ihnen lossagen, sie nicht mehr als Brüder betrachten sollen. Wogegen ich kämpfe und weiter kämpfen werde, — das ist nur die anmaßende Albernheit der assimilatorischen und nationalistischen Rationalisten. Ich kann nicht schweigend Zusehen, wie sie in einen Begeisterungstaumel verfallen, wenn nur irgendwo ein Westjude für irgendein jüdisches Werk sich rührt, oder vor Freude außer sich geraten, wenn nur irgendwo irgendein weitverschlagener jüdischer Stamm entdeckt wird, der gerade zweimal zehn Seelen zählt, dagegen mit seiner Unwissenheit in jüdischen Dingen eine ganze Welt beschenken könnte, und — wie sie gleichzeitg für die neun Millionen Ostjuden nur jene scheelen Blicke haben, die gegenüber armen Verwandten im Schwange sind.44 Man sieht, Dr. Birnbaum hat es offenbar geahnt, daß sein Kampf für die Hegemonie des Ostjudentums als Verzicht auf die übrigen jüdischen Gruppen umgedeutet werden könnte, und hat sich mit aller Entschiedenheit dagegen verwahrt. Doch was hilfts? Herr Dr. Pasmanik hat sich dieses Vergnügen doch nicht nehmen lassen. Nicht minder seltsam ist der Angriff auf Schalom Asch. Herr Dr. Pasmanik erwähnt eine angblich von Asch besorgte „Jargonübersetzung der Bibel, bei deren Lektüre man nicht weiß, soll man spotten über die krasse Unwissenheit, oder soll man sich empören über die Freveltat44. Nun hat aber Schalom Asch gar keine Bibelübersetzung herausgegeben, sondern „mäsalech fyn Chymesh färkinder44, also eine für Kinder berechnete Sammlung von biblischen Erzählungen, Sagen, Mythen usw. Man sollte doch schon etwas vorsichtiger sein mit solchen „Freundlichkeiten44, insbesondere wenn man —, was Eliaschoff im „Fraind44 von Pasmanik behauptet — selbst nicht Hebräisch kann, und somit zu einem Urteile in solchen Dingen sich nicht die richtige Kompetenz zuschreiben darf. Doch nun zu Herrn Dr. Pasmaniks sachlichen Ausführungen. Pasmanik konstatiert, daß in gewissen Gegenden Rußlands der „Jargon44 zurückgehe, daß selbst in Litauen und Polen die Intelligenz russisch bzw. polnisch spreche, und kommt zu dem Schlüsse: Der Jargon verliert von Tag zu Tag an Boden. Ja, warum erwähnt Herr Dr. Pasmanik nicht die zweifellos vorhandenen Gegentendenzen, die doch in die Augen fallen? Warum ignoriert er z. B. die Züricher Studentenkonferenz, die doch jedenfalls ein Symptom ist der großen Umkehr der ostjüdischen Intelligenz zum „Jargon44 und zum Volke? Und möchte er nicht so freundlich sein, zu berichten, ob diese Abkehr von der jüdischen Sprache bei allen Schichten der Bevölkerung in gleichem Maße bemerkbar ist? Denn soweit mir bekannt ist, hält das jüdische Proltariat und die ihm verwandten Schichten mit vollem Bewußtsein an der Sprache fest, die ihnen

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