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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 DIE3§ffiLT Auch hier wieder ein Musterbeispiel Pasmanikscher Argumentation. Warum .verschweig! er den großen Kampf, den die jüdischen Massen allenthalben führen, um die Gemeinden ihren assimilatorischen Beherrschern zu entreißen und auf gesunden Grundlagen wieder aufzubauen? Warum weiß er nichts zu berichten von den ökonomischen Organisationen des jüdischen Mittelstandes in Rußland, von der Farmerbewegung in Amerika, von den Bildungsorganisationen, von den politischen Parteien? Und was soll denn das heißen: die Organisationen sind geschaffen vom Zionismus oder Sozialismus? Ist beispielsweise der amerikanische Arbeiterring, sind die Gewerkschaften, die doch „vom Sozialismus geschaffen“, nicht ostjüdische Schöpfungen? Hottentottische etwa? Und stellt nicht die russische Juden- 1369 heit der J. C. A. den ganzen Organisationskörper für ihre Tätigkeit in Rußland? Warum sucht denn Pasmanik nur die zerstörenden und nicht die aufbauenden Tendenzen? Weil er die Feder in die Hand genommen hat, um die Komponenten zusammenzusuchen für eine Linie, deren Richtung ihm von vornherein feststand, die Summanden für eine Summe, die er schon früher unter den Strich gesetzt hatte; weil er ausgezogen ist, das Ostjudentum und seine Kultur herabzusetzen — ad maioram gloriam des Zionismus. Ich aber glaube, der Zionismus sollte sich für einen solchen Kampf energisch bedanken. Denn er kann nur eine Wirkung haben: den Zionismus dem Volke zu entfremden. o [[ □ □ □ □ o n WELTCHRONIK OOOODQ Leopoldstädter Wahlen (Von unserem Berichterstatter.) W i e n. Der vielgeprüfte Wiener Judenbezirk steht wieder vor Wahlen, und die schreienden Straßenplakate geben Anlaß zu traurigen Reflexionen. Vor den letzten Gemeinderatswahlen stand es schlimm um die herrschende christlichsoziale Partei. Häßliche, schmutzige Affären und innerer Zwist hatten ihr stark zugesetzt. Aber ein kluges Manöver brachte ihnen einen neuen Sieg: Sie fragten den Wähler nicht nach seinem politischen Bekenntnisse, sondern nach seinen Gefühlen gegenüber dem jüdischen Mitbürger, kandidierten einfach im Zeichen des „Hepp, Hepp“ — und drückten fast ihre ganze Liste durch. Der jetzige Wahlgang steht unter dem Eindrücke dieser Ergebnisse. Die sogenannten „Liberalen“ treten nicht gegen den Antisemitismus der Christlich-Sozialen auf. In der Wahlproklamation des fortschrittlichen Kandidaten Blase! ist nicht mit einer Silbe die Judenfeindschaft der Gegenpartei erwähnt, nicht mit einem Worte die Stellung des „freiheitlichen“ Wahl Werbers zur Judenfrage präzisiert. Man rechnet einfach damit, daß der jüdische Wähler gezwungen ist, antichristlichsozial zu stimmen und antisemitelt gelegentlich, um den „kleinen Mann“ zu kapern. Es ist beschämend, wie diese sogenannte freiheitliche Partei, die in Wahlzeiten aus fast durchweg jüdischen Kaffeehausgesellschaften zusammengeschweißt wird, die wichtigsten Grundsätze des Fortschrittes verleugnet und den jüdischen Wähler mißbraucht. Diese frivole Behandlung der jüdischen Wählerschaft als „Stimmvieh“ wird erst aufhören, wenn die Juden ebenso wie die kleinsten Volksgruppen Oesterreichs politisch organisiert sein werden. Geradezu pervers ist das Verhalten der „Arbeiterzeitung“. Ihr Leiter, der seinerzeit durchgefallene Reichsratskandidat Austerlitz, scheint den gegenwärtigen sozialdemokratischen Wahlwerber Eldersch — man entschloß sich diesmal wohlweislich, keinen Juden aufzustellen und bezog den Kandidaten aus der Provinz — um alle jüdischen Stimmen bringen zu wollen. Die „Arbeiterzeitung“ verhöhnt fortgesetzt den Zionismus und unseren Wiener Kongreß, dessen denkwürdiger Verlauf auf die gesamte Judenschaft der Residenz tief gewirkt hat Alle Juden, auch die jüdischen Sozialdemokraten, sind - über dieses Organ empört, das es wagt, bei der christlichsozialen „Reichspost“ anzufragen, ob sie etwa die Ansammlung von neuntausend jüdischen Fremden in Wien deshalb begrüßenswert fand, weil sie „eine Judenverfolgung .als ein besonders Iohnens wertes Unternehmen erscheinen ließ“ . . . Diese giftige Gehässigkeit, die schlecht verbirgt, daß ihr der ungestörte Verlauf des Kongresses wider den Strich ging, ist wieder ein Beweis für die übliche Nichtachtung der jüdischen Wählerschaft. Erheiternd wirkt eine Artikelserie im „Wiener Montags- Journal“, die allen Ernstes für ein Zusammengehen der Juden mit den — Christlichsozialen Eintritt. Agrarkreditfragen in Aegypten Die ägyptische Regierung will sich die Sympathien der Masse gewinnen, indem sie ihre materielle Situation bessert. Eine dahingehende Maßregel ist die Erlassung des sogenannten. „Fünf Feddan-Gesetzes“, das seit Anfang dieses Jahres in Kraft ist. Es verbietet die Belastung des ländlichen Besitzes, der 5 Feddan (d. i. 210 ar) nicht übersteigt, und ist ganz deutlich gegen die fremden Kapitalisten gerichtet. Doch scheint es, daß die ägyptischen Kleinbauern davon nicht viel Freude haben: denn da sie auf Kredit angewiesen sind, müssen sie statt des bisherigen auf den Grundstücken sichergestellten Kredits solchen ohne derartige Sicherstellung suchen, der natürlich viel teurer ist. Für den Hypothekenkredit hat die Gründung der „Banque agricole“ viel gutes geschaffen; sie hat es bewirkt, daß höhere Prozentsätze als 25o/0 nicht mehr Vorkommen, außer bei Wakufgütern (Güter der toten Hand), die hypothekarisch nicht belastet werden dürfen. Diesen werden nun alle Kleingüter durch das neue Gesetz gleichgestellt; keineswegs zu ihrem Vorteil. Professor Polier von der ägyptischen Universität hat eine Reihe von Vorlesungen über diese Probleme gehalten; man denkt an die Ausgestaltung der Agrarbank und an die Schaffung landwirtschaftlicher Genossenschaften. Die ganze Angelegenheit hat für uns wegen der großen Analogie der palästinischen und der ägyptischen Verhältnisse viel Interesse. Verband der deutschen Juden Zuhörerkarten zur Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden, die am 9. November in Hamburg stattfindet, werden im Bureau des Verbandes in Berlin, Potsdamer Str. 45, vom 15. Oktober bis zum 1. November in der Zeit von 11—1 Uhr vormittags verausgabt. — Schriftliche Vormerkungen unter genauer Angabe der Namen und Adressen werden notiert. Zur Beachtung Unsere Abonnenten in Deutschland, soweit sie die „Welt“ durch Postüberweisung erhalten, dürften diese Nummer, die am Mittwoch vormittags bei der Post aufgeliefert wird, gleichwohl erst am Freitag erhalten. Die Postbehörde teilt uns nämlich mit, daß sie infolge des aut den Mittwoch fallenden Quartalstermins, zu dem neue Postzeitungslisten in Kraft treten, eine Garantie für die Beförderung am Mittwoch nicht übernehmen könne. Verlag „Die Welt“.

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