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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1366 Nr. 40 LE JUIF ERRANT Davis Trietsch Eine Geschichte der jüdischen Wanderungen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart will — im kurzen Abriß — das Buch von Kaplun-Kogan bieten, das er „D i e Wanderbewegungen der Juden“ betitelt.*) Es ist eine Arbeit von packendem Interesse, besonders für den Leser dieser Zeitschrift, der darin mit gutem Recht eine Grundlage des Zionismus erblicken kann. So trägt schon die Einleitung den Untertitel: „Die jüdische Frage als Wanderungsproblem“. Der erste Abschnitt beginnt damit, daß Mose die Juden sagen läßt: „Ein umherirrender Aramäer war mein Vater“ (Dt. 26, 5), und am Schluß des Buches heißt es: Nun kommt es darauf an, dieser Wanderungen des jüdischen Volkes Herr zu werden, sie zu organisieren und zu regulieren: ihnen ein bestimmtes Ziel zu setzen. Dem jüdischen Volke ist somit eine Aufgabe zugefallen, durch deren Lösung es ein Werk vollbringen kann, das in der Geschichte wohl einzig dastehen wird. Auch kommt dadurch in die jüdische Geschichte die Initiative, das eigene Geschick zu gestalten, die man in ihr bis heute fast gänzlich vermißte. Schon aus dieser kleinen Zusammenstellung charakteristischer Sätze geht hervor, daß für uns etwas aus diesem Buche zu holen ist. Und dies, trotzdem über die zionistische Wanderungsbevvegung — korrekter gesagt über die jüdische Einwanderung nach Palästina — hier nicht mehr zu finden ist als eine einzige Zeile einer Tabelle über die jüdischen Wanderungen von 1881—1908, die nach Herkunftsländern und Wanderzielen geordnet ist und wonach Palästina aufgenommen hätte: aus Rußland 20 000, aus Oesterreich-Ungarn 5000, aus Rumänien 1000 und aus anderen Ländern noch 10 000 Juden. Mir liegt -seit einem Jahr ein Buch im Kasten, das den Titel führt: „Jüdische Emigration und Kolonisation“. Von sieben Teilen enthält der erste und kleinste gerade soviel über das allgemeine der früheren Wanderungen, als nötig war, um den Leser darauf vorzubereiten, daß er an der Hand dieses umfangreichen Werkes in die Gegenwart und Zukunft der palästinensischen Einwanderung und Kolonisation geleitet werden soll. Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, in einem etwas ausführlicheren ersten Teil wenigstens die jüdische Emigration und Kolonisation unserer neuesten Wanderungsperiode auch auf die Westländer auszudehnen. Aber ich kam davon ab, weil ich allenfalls die Endresultate hätte bieten können, womit ich, ohne etwas Gründlicheres zu geben, anderweitigen spezielleren Arbeiten die „Rosinen“ vorweg genommen hätte. Jetzt kann ich selbst diese kurze Einleitung noch kürzen und auf Kaplun-Kogans viel weiter fassendes Buch hinweisen, das als willkommene Ergänzung zu dem meinigen insofern um so besser paßt, als auch hier die ökonomischen Gesichtspunkte weitaus die Hauptrolle spielen, während die anderen so weit als tunlich beiseite gelassen wurden. Aber auch zeitlich ist mein Buch eine Art Fortsetzung des hier besprochenen und ich kann ihm kaum ein besseres Motto voransetzen als das obige Zitat aus. Kaplun-Kogan. „Nur ein Volk befindet sich noch bis heute auf der Wanderung, ohne daß ein festes Ziel und eine bestimmte Richtung seiner Wanderbewegungen sich feststellen ließe. Auf der ganzen Erde zerstreut, in seinen Geschicken nicht nur von seiner eigenen Entwicklung, sondern in erster Linie vom wirtschaftlichen Leben der Herrenvölker abhängig, wandert dieses Volk durch alle Städte und /Gaue der Welt.“ *) Erschienen als zweites Heft der „Kölner Studien zum Staats- und Wirtschaftsleben“ in A. Marcus und E. Webers Verlag (Dr. Albert Ahn), Bonn am Rhein. (VIII. 164 Seiten 8°) Preis 4.— Mk. ' ' Solcher Zitate ließen sich aus Kaplun-Kogans Buch noch eine Menge zusammenstellen .... Ist es da nicht merkwürdig, daß der Verfasser, so ganz und gar am Zionismus, auf den — uns wenigstens — seine Anschauungen hinzuzielen scheinen, vorübergeht? Oft erklären sich ja solche Dinge auf sehr überraschende Weise, aber möglich wäre es sehr wohl, daß unser Mangel an Aufklärungsarbeit nach außen daran schuld ist. Ich werde gelegentlich von alten Bekannten, die in früherer Zeit — zufällig oder nicht zufällig — über den Zionismus bis in die Finessen hinein informiert waren, gefragt, ob die Sache eingeschlafen sei, sie hätten seit Jahren nichts mehr davon gehört .... Aber wie dem auch sei: dieses Buch über Vergangenheit und Gegenwart ist eine gute Grundlage für Gegenwart und Zukunft, und es bietet meines Erachtens einen äußerst wertvollen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte der Juden. Besonders interessierte mich die schöne und übersichtliche Darstellung der früheren und frühesten Wanderungen in ihren Beziehungen zu Fortschritten und Rückschritten der Kultur und den Konkurrenzverhältnissen der Aus- und Einwanderungsländer. Auch hier gibt es allerlei zionistische Anklänge. „So konnte noch vor der Vertreibung aus Spanien und Portugal ein in die Türkei eingewanderter Jude, Isaak Zarfati, an seine Stanfmesgenossen von Schwaben, der Rheingegend, Steiermark, Mähren und Ungarn u. a. folgendes schreiben: Ich, Isaak Zarfati, der ich aus Frankreich stamme, in Deutschland geboren bin und dort zu den Füßen von Lehrern gesessen, rufe euch zu: daß die Türkei ein Land ist, in dem nichts fehlt.“' Oder Stellen wie die folgenden: „Byzanz war von den Türken noch nicht erobert, und die Türkei kam somit als Einwanderungsland für die Juden noch nicht in Betracht“ .... „Die Eroberung Aegyptens durch den türkischen Sultan Selrml. (Anfang des 16. Jahrhunderts) hat ihre Lage noch verbessert und die weitere Einwanderung erleichtert.“ .... Oder ganz aktuell klingend, obwohl es sich auf die erste Zeit der Türkenherrschaft in Europa bezieht: „ . . . . militärische Rücksichten machten es notwendig, die den Eroberern feindlich gesinnte einheimische Bevölkerung von allen wichtigen Geschäften femzuhalten. Den Türken selbst aber fehlten die notwendigen Kenntnisse, Praxis und vor allem Kapitalien, die für die Weiterführung des Handels und der Industrie unentbehrlich waren. Mithin bestand — wir würden heute sagen: die Wirtschaftspolitik der neuen türkischen Herrscher darin, eine zuverlässige, reiche, tüchtige und mit besten Kenntnissen ausgestattete Klasse von Industriellen und Kaufleuten zu schaffen. Dafür waren nun die Juden, die in dieser Zeit in Deutschland und Frankreich den schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt waren, am besten geeignet.“ Andererseits macht Kaplun-Kogan eine Bemerkung, die ihn ganz azionistisch erscheinen läßt. Er sagt nämlich in dem Einleitungskapitel, die ökonomische Widerstandskraft der Juden sei um so geringer, je größer ihre numerische Stärke sei. Je weniger zahlreich sie seien, desto besser wären ihre Chancen; im entgegengesetzten Falle litten sie durch innere und äußere Konkurrenz und mit ihrer ökonomischen, verschlechtere sich auch ihre rechtliche Lage. Hier wird in eklatanter Weise die einzige Lösung der Frage, nämlich die bis zur Majorität gesteigerte numerische Stärke und die geschlossene Wirtschaft, die alle Berufsarten umfaßt, außer acht gelassen. Dies aber entspricht gerade den neuen jüdischen Entwicklungen in Palästina, wo jüdische Majoritäten und geschlossene jüdische Siedlungen bereits bestehen. — übrigens ohne die fortwährend dagegen geltend gemachten Uebelstände gezeitigt zu haben — und zur. Schaffung weiterer geradezu drängen.

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