Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1364 Nr. 40 haßte auch dieser Täufling die übrigen jüdischen Ueberläufer, und zwar ganz besonders die jüdischen Assimilantenkreise in Ungarn. Wenn er von diesen sprach, konnte er in Wut geraten und der an höfische Umgangsformen gewohnte Mann drastisch werden: „Selbst wenn sich die ungarischen Juden Paprika in die Nasenlöcher stecken und die Ohren mit Schnurrbartwichse füllen, bleiben sie doch Juden!" Oft kam er auf seine Kinderjahre in der Judengasse, auf seine alte Mutter, eine brave Jüdin aus Lundenburg, zu sprechen. Dann stiegen in seinem Geiste die Jugenderinnerungen auf, die ja mit zunehmendem Alter immer stärker werden, und erzählte mit sichtlichem Behagen von den Zeiten, wo er noch zum Cheder ging, von der jüdischen Erziehung, die er genossen hatte. „Ganz spurlos ist sie an mir nicht vorübergegangen. Schweinefleisch habe ich noch nie im Leben gegessen," sagte der Feind aller Religionen. Allein auch bei seiner Liebe zum Judentum kam das Widerspruchsvolle seines Wesens zum Ausdrude. Der Mann, der so viele orientalische Sprachen meisterhaft beherrschte, der Schöpfer des ersten türkisch-deutschen Wörterbuches, hatte fast keine Ahnung vom Hebräischen. Aber inmitten des Gespräches über Juden und Judentum schauerte er plötzlich zusammen. Und vergebens saß er umringt von Bildern, die ihm „sein Freund, der König von England" und andere Herrscher der Erde gewidmet hatten, vergebens dachte er an die vielen Ehren und Würden, die er inne hatte. — er fühlte, daß er weit von den Seinen, als Fremder unter Fremden weile. Und aus dem Tiefsten seiner Seele kam der Wunsch: „Meine Leiche sollen s i e nicht haben . . ." Ich mußte daran denken, als ich von seinem letzten Wunsche las, ihn ohne kirchlichen Gesang, ohne Pompes funebres, ohne Reden zu Grabe zu tragen. Nach den geheimen Weisungen der heiligen Inquisition an ihre Häscher waren die dem Marannentum verfallenen Judenfamilien unter anderem daran zu erkennen, daß sich ihre Mitglieder im Sterben mit dem Antlitz nach Morgen wandten und bei der Bestattung jedes kirchliche Gepränge tunlichst vermieden. So ging auch Armin Vämbery von dannen. Im Leben glich er den Marannen, er war gleich diesen bestrebt, seinem Volke behilflich zu sein, indem er ihm beim Bau der neuen Heimat an die Hand ging, wiewohl er sich doch von diesem Volke gewaltsam losgerissen hatte, und er glich ihnen auch im Tode. Allein wir verstehen ihn, der eine jüdische Seele im Busen trug, wenn auch freilich die eisernen Krallen des Galuth sie zerrissen hatte. Diese Seele war widerspruchsvoll und zwitterhaft — eine Marannenseele. ä g'y 'LJS PALASTINA-RTJNDSCHAU Aus den Städten (Von unserem Berichterstatter.) Jerusalem. Dieser Tage sind es 25 Jahre geworden, seit durch Dr. H erzberg, den bekannten Verfasser der „jüdischen Familienpapiere", die Loge der Bne-Brith gegründet wurde. Die Loge hat in der ersten Zeit ihres Bestehens vieles zur Verbreitung allgemeiner und jüdischer Bildung in Jerusalem sowie zur Pflege und Belehrung der hebräischen Sprache beigetragen. Aus der kleinen Bibliothek, die noch in der ersten Zeit begründet wurde, entstand nachher, dank der unermüdlichen Arbeit des begeisterten Zionisten Dr. Josef Chasanow i t z in Bialvstok, die stattliche Zentralbibliothek, die über 30000 Bücher umfaßt und die noch jetzt von der Loge verwaltet wird. Leider — denn der Zustand dieser Bibliothek, die manche die Jüdische Nationalbibliothek nennen, beweist, daß die Loge dieser Kulturaufgabe nicht gewachsen ist. Die Ausrede, daß es an den nötigen Geldmitteln fehlt, will wenig sagen. Das jüdische Volk hat in den letzten Jahren ganz ansehnliche Summen für palästinensische kulturelle Institutionen aufgebracht und würde sich gewiß auch der Zentralbibliothek annehmen. Dazu ist aber erforderlich, daß an der Spitze Leute stehen, die Liebe und Verständnis für das Empfinden des Volkes haben und die ganze Juden sind. Für die hiesige Loge ist es aber bezeichnend, daß manche ihrer hervorragenden Mitglieder dem Bestreben ausländischer „Israeliten", die hebräische Unterrichtssprache durch europäische Sprachen aus den palästinischen Mittelschulen zu verdrängen — wohl als Analogie des Grundsatzes „cuius regio eius religio" — bereitwillig und liebedienerisch entgegenkommen. Ruchi Ilchaldi, der unser Deputierter im türkischen Parlament war, ist dieser Tage in Konstantinopel gestorben. Seine Stellung der jüdischen Kolonisation gegenüber war stets schwankend. Erst in letzter Zeit besuchte er unsere Kolonien und lernte sie würdigen. Jaffa. Bei der ersten Reifeprüfung, die hier kürzlich im Hebräischen Gymnasium stattfand, bestanden folgende 20 Schüler das Examen: Ahron F e 1 k o w i t z , Jossef \V i n a - kur, Mosche M a n u c h i n , Dom H o s , Akiwa G i n z b u r g . Alexander S a 1 z m a n n , Mosche Wolfsohn, Elijahu G o - 1 o 1 o m b, Jizchak Kohen, Naman B e r m a n n , Mosche K a r i n i, Jekutiel B a h r a b , Jerubabel C h a b i h , Mosche Schertok (Sohn des bekannten, kürzlich verstorbenen Bilumitgliedes; Lilah Feinsberg, Chaja Weiss, Chanah Chin und Jona P a p o. Frl. Chanah Chin ist gleich nach der Absolvierung vom Gymnasium als Lehrerin für die Vorbereitungsklassen engagiert worden. Wie mir vom Sekretariat des Gymnasiums mitgeteilt wird, ist im letzten Jahre durch das Hebräische Gymnasium z u - mindest eine Million Francs vom Auslande nach Jaffa gekommen. Genaue Zahlenangaben werden der Generalversammlung vorgelegt werden. Dieses Geld ist von den ausländischen Eltern zur Unterhaltung ihrer Kinder und Angehörigen geschickt worden. Daß von diesem Gelde die gesamte Bevölkerung profitiert, braucht wohl nicht erst betont zu werden. Wohl aber ist es an der Zeit, daß wir auch eine unseren Leistungen angemessene Behandlung beanspruchen. Tel-Awiw war früher ein wüster Sandhügel und ist jetzt dank der jüdischen Arbeit zu einer Kulturstätte geworden, die auch nicht wenig zur wirtschaftlichen Hebung der arabischen Bevölkerung beiträgt. Für das nächste Jahr wird erwartet, daß die Schülerzahl des hiesigen Gymnasiums etwa 70ö betragen wird. Auch alle anderen nationalen Schulen des Landes (Jerusalemer Gymnasium, Landwirtschaftliche Mittelschule in Pethach-Tikwah, Lehrerinnenseminar in Jaffa usw.) erhalten fortgesetzt Zuzug aus dem Ausland, und es wird daher mit Recht behauptet, daß die Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem auch ökonomisch ein Segen für die Stadt wäre. Andererseits ist es gewiß ein Zeichen der Zeit, daß die assimilatorischen Schulen von diesem Aufschwung nicht berührt werden und von einer Schließung der Schule in M i k w e h Israel, sowie der Gewerbeschule der Alliance in Jerusalem die Rede ist! Sollte dies nicht für den „Hilfsverein der deutschen Juden" bei seinem Bestreben, die hebräische Sprache noch aus ihrer jetzigen bescheidenen Stellung in seinen Schulen zurückzudrängen ein Fingerzeig sein, daß er sich auf einer bedenklichen schiefen Ebene befindet? Die Sommerkurse für die Lehrer haben noch folgende Ergänzung erfahren: