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Die Welt · 1913-10-01 · 40 (1.10.1913) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40 1363 - diei|eelt — EIN MODERNER MARANNE Von Ludwig Bat6, Wien Bernhard Kellermann schildert in seinem viel gelesenen neuen Roman „Der Tunnel“ die vielfachen Mauserungen eines ungarischen Juden, der in raschem Nacheinander Oesterreicher, Deutscher, Engländer und schließlich, nach Aenderung seines Namens auf S. Woolf, ein Vollamerikaner wird. Die feine Beobachtungsgabe des Schriftstellers läßt ihn mit glänzender Feder die einzelnen Phasen jüdischer Verwandlungskunst darstellen, die mehr oder minder allen Juden innewohnt. Dieses scheinbar restlose Aufgehen in einer fremden Umgebung ist ein Ergebnis der Anpassungsfähigkeit der Juden, die ihnen das Leben in der Zerstreuung wohl ermöglichte, am Gipfel der Entwicklung angelangt, aber die größte Tragik des jüdischen Lebens wurde. Sie führte zur Entwurzelung des jüdischen Wesens, zur Ueberzeugungslosigkeit, zu einem ewigen Mummenschanz. Kehrt heutzutage irgendein deutscher oder schwedischer Rabbiner das germanische Wesen hervor, so gibt es keinen Zweifel mehr über seine ungarische oder polnische Herkunft. Wer stiftet die stärkste kroatisch-nationale Partei? Ein jüdischer Rechtsanwalt aus Deutsch-Oesterreich. Jedes Blatt der neuesten Geschichte, die durch zahllose Fäden mit dem Geschick der Juden verknüpft ist, liefert uns neue Beispiele. Der geschickten Anwendung dieser Verwandlungskunst sind auch die abenteuerlichsten und erfolgreichsten Laufbahnen zuzuschreiben, die Juden zurückgelegt haben. Wir wollen jedoch nicht ungerecht sein. Aus dieser tragischen Kunst des jüdischen Volkes haben alle Zweige menschlichen Lebens Nutzen gezogen und nicht zuletzt die Wissenschaft. Die Forschungsreisenden, die zur Erschließung des dunkelsten Asien, als Orientalen verkleidet, unter Aufopferung des eigenen Lebens, in die unbekanntesten Gebiete drangen, waren Juden oder Judenstämmlinge. Allerdings war in solchen Fällen ihre Aufgabe eine leichtere, da es sich hier um die Annäherung an Rassenverwandte handelte. Ich erwähne nur Sven Hedin, Marc Aurel Stein und — eigentlich in erster Reihe — den vor kurzem verschiedenen Armin Vämbery. Dieser kleine Jude, der, aus dem ärmlichen Cheder einer ungarischen Judengasse als Herscheie Bamberger hervorgegangen, nach Konstantinopel kam, ein frommer Muselmann ward, um von dort in der Gestalt Reschid Beys als pilgernder Bettelderwisch, fromme Koransprüche murmelnd, durch Asiens Wüsten zu ziehen, der nach seiner Rückkehr nach Europa zum Christentum übertrat und als Armin Vämbery, an Ehren und Vermögen reich, Freund eines der mächtigsten Herrscher der Erde und des Khalifen aller Gläubigen wurde, dieser kleine Jude erschien mir immer als der Altmeister jüdischer Verwandlungskunst, der sich auf die feinsten Schattierungen der Mauserung wohl verstand, der in jeder Stadt in der örtlichen Mundart der Landessprache zu reden vermochte. „Ich habe in jedem Lande — sagte er mir einmal — die herrschende Religion angenommen. Das ist doch das wenigste, was man tun kann," fügte er erläuternd hinzu. „Ich hasse alle Religionen, da sie der Menschheit nur Schaden und Unheil zugefügt haben. Ich bin Jude, jedoch nur der Nationalität nach. Zur jüdischen Religion kann ich nicht mehr zurückkehren, weil ich an sie nicht glaube, aber . . .“ Und hier stockte er. Es erfaßte den alten Mann ein Grauen vor der ihm bevorstehenden christlichen Bestattung, der Einsegnung und vor allem, was drum und dran hängt. „Aber meine Leiche sollen s i e nicht haben, ich werde auswandern.“ Allein er blieb, und so kam der kalvinistische Geistliche zu seinem Rechte. Dieser sprach das Gebet über Vämberys Sarge und geweihte Erde nahm seine Ueberreste in Empfang. Dieser selbe Gedanke, dieses Gruseln übermannt sehr viele Ueberläufer. Es i.st keine jähe Anwandlung mystischer Religiosität, es ist vielmehr die Abneigung gegen das Fremde, das sie bis in den Tod hinein verfolgt, das Bewußtsein der großen Kluft, die sie auch im Tode von den Ihrigen trennen wird. Und so kommen die seltsamsten Testamente zustande. Mit Empörung vernehmen strenggläubige Russen, daß Juden, die jahrzehntelang der orthodoxen Kirche angehört haben, in der letztwilligen Verfügung den Wunsch äußern, auf dem jüdischen Friedhofe begraben zu werden. So kam es auch, daß der größte österreichische Jurist, Seine Exzellenz der k. k. Minister a. D. Josef Unger, auf die geweihte Erde Verzicht leistete und sich in der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofes bestatten ließ. Was trieb den jungen Vämbery ins ferne Morgenland? War es lediglich der- Wunsch, die Urquellen der magyarischen Sprache zu erfahren, der in ihm den Drang nach Osten wach werden ließ? War es nicht vielmehr die Sehnsucht des vertriebenen Königssohnes nach den Herrlichkeiten des ruhmreichen Vaters? Die jüdische Seele, dieses lebendige Stück Orient, die ihn das Heimweh fühlen ließ? Denn er war trotz all seiner Verwandlungskünste durch und durch Jude,, ein moderner Maranne. Ist es doch bekannt, mit welcher Wärme er sich der jung-jüdischen Sache annahm. Er führte Theodor H e r z 1 beim Sultan ein, und der Empfang, den ihm der Padischah bereitete, überstieg alle Erwartungen. In seinen Gesprächen verweilte Vämbery stets gern bei den Kinderjahren der zionistischen Bewegung, und seine klugen Augen funkelten in ungewohntem Glanze, wenn er über Theodor Herzl sprach. „Jammerschade um den armen Herzl. Er war ein großer Mann, und die Juden tun recht daran, ihn zu betrauern.“ Er war stolz darauf, mit an den Grundlagen für die politische Tätigkeit im Orient geschaffen zu haben, wiewohl er die Sache für aussichtslos hielt. Sein jüdisches Gefühl war nicht nur bei seinem Eintreten für den Zionismus maßgebend, es bestimmte auch seine politische Stellungnahme im allgemeinen. Die überlieferte Vorliebe der Juden für England und ein grimmiger Haß gegen das judenfeindliche Rußland waren richtunggebend für seine überaus umfangreiche und hochwichtige politische Tätigkeit im Orient. Dem Wesen dieses großen Assimilanten par excellence haftete viel Zwiespältigkeit und Zwitterhaftigkeit an. Sein Tun und Lassen war voller Widersprüche. Als der König von Ungarn ihn mit einem Jahresgehalte von 1000 Gulden zum Lehrer der orientalischen Sprachen an der Universität zu Budapest bestallte, verwehrte der Rektor dem Juden den Eintritt in das Hochschulgebäude, und auch später — mit Ausnahme der letzten Jahre — hat Vämbery in Ungarn nie auch nur annähernd so viel Ansehen genossen, wie im Auslande. Und trotzdem konnte er sich niemals entschließen, Ungarn zu verlassen, wozu sich ihm glänzende Möglichkeiten boten; so schlug er das Anerbieten der englischen Regierung, die ihm eine ordentliche Professur in Oxford verleihen wollte, kurzerhand aus. Er widmete den größten Teil seiner Studien der Erforschung des Ursprunges der Magyaren, erging sich aber jedem gegenüber, der es nur hören wollte, in den leidenschaftlichsten und gehässigsten Ausdrücken gegen seine Landsleute, deren Undankbarkeit ihn aufs tiefste verletzte. Vor vier Jahren habe ich ihn kennen gelernt. Ich besuchte ihn in seiner geräumigen Wohnung am Budapester Franz Josefs-Kai. Er empfing mich in seinem großen, mit orientalischer Bequemlichkeit eingerichteten Arbeitszimmer. Die Wände voller Bücher und Bilder europäischer und asiatischer Herrscher mit eigenhändigen Widmungen. Unser Gespräch drehte sich bald um das Judentum, und man sah ihm an, daß es ihm Vergnügen bereite, sein Herz ausschütten zu können. Er redete offen, von der Leber weg. Wie Heinrich Heine,

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