Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1362 Nr. 40 dies^Belt Mangel empfinden und sich nach ihr mit ganzem Herzen sehnen oder, mit anderen Worten: Es ist nötig, daß ein starkes nationales Gefühl auf dem Grunde aller Herzen schlage, bis daß kein Mann in Israel in seinem persönlichen Wohlergehen allein die Ruhe seiner Seele finden kann, bis daß er in Wahrheit, ganz und gar, „den Namen Jerusalems auf den Gipfel seiner Freude erhebe"*) — dann wird der Glaube von selbst kommen und die Tat nach ihm. 3. Ein solches Gefühl war wohl dereinst in unserem Volke zu finden, zurzeit als Israel auf seiner Scholle wohnte. Aber infolge der furchtbaren Zerstreuung und der folgenden Wanderschaft schwand es immer mehr, bis es fast verloren war; und nun ist es nicht mehr im Herzen der Mehrheit. Auch die Uebrigen, die noch seine Spuren in ihrem Herzen fühlen und sich von Zeit zu Zeit aufraffen, wenn es seine Stimme erhebt, und sich zusammentun, um etwas für das allgemeine Wohl zu tun, — auch bei ihnen sehen wir oft, daß, wenn der Satan, der Egoismus, kommt, um das Gemeingefühl zu vertreiben und seine Stimme zum Schweigen zu bringen, er stärker ist als dieses. Dieser Satan treibt sein Wesen unter uns auch dort, wo wir ihn nicht vermutet hätten: unter den Trägern der Fahne des Nationalismus und der Zionsliebe. Die Männer, von denen wir gemeint haben, sie würden ein lebendes Zeugnis in unserer Mitte sein, indem sie allem Volke zeigen, wie stark die Kraft der Idee und das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist, die Entfernten einander nahe zu bringen, ihnen ein Herz und einen Sinn zu geben, — auch sie konnten sich nicht beherrschen und strauchelten ebenso auf verschiedene Arten, wie wir es bei anderen Parteien finden. Unter diesen Umständen dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn wir die Verzweiflung sich in die Herzen vieler einschleichen sehen; wenn sie zu denken beginnen, daß das Alter über uns gekommen ist, daß die Energien in uns vom Kopf bis zur Sohle versiegt sind und daß in uns nicht mehr die Kraft ist, weiter zu leben. 4. Aber kein Ding kann bestehen vor dem Glauben! Trotz all dieser trüben Ausblicke gibt es in unserer Mitte wahre Nationalisten, die mit ganzem Herzen an die Auferstehung unseres Volkes glauben und wirklich bereit sind, ihr ein Opfer zu bringen, nicht nur mit dem Munde, sondern einem wesentlichen Teil ihres Egoismus und ihrer Ehre, ihrer Ruhe und ihres Vermögens. Nicht daß sie die Augen zudrückten vor allem Uebel und mit fröhlichem Herzen „Frieden, Frieden" riefen, — sondern im Gegenteil: sie sehen die Zerfahrenheit in Israel, den Leichtsinn, der in jedem Herzen herrscht, und sie wissen, es gibt nicht Nationalisten ohne Volk, und es gibt kein Volk ohne nationales Gefühl. Doch da ihre Seele von ihrer Jugend an mit der Seele des Volkes verbunden ist und ihre Liebe zu ihm ihren Glauben daran stärkt, darum denken sie, statt an aller Hoffnung zu verzweifeln, Tag für Tag darüber nach, wie sie zurückkehren und sein Herz auf rütteln könnten zur Auferstehung, auf daß es fühle und wolle, glaube und wirke. Nationale dieser Art sind in unserer Mitte, aber da sie. zerstreut und in verschiedenen Parteien, verteilt sind und der eine den andern nicht kennt, darum wird ihr Tun nicht bemerkt und ihre Stimme nicht gehört vor der Stimme der großen Menge der anderen Nationalen. Jeder von ihnen trägt in der Tiefe seines Herzens seinen Glauben und seine Hoffnung, und in seinen geheimen Träumen baut er sich seine Welten und tröstet sich mit ihnen über alle Wahrnehmungen seiner Augen hinweg, während es nicht in seiner Macht steht, auch nur das Geringste zu tun. Aber wenn sich nun diese Männer, wo immer sie sind, zusammentäten zu einem Verein, und jeder dem andern hülfe, auf den Geist des Volkes nach dem Wunsch ihres Herzens einzuwirken, wer weiß, ob es ihnen nicht mit der Zeit gelänge, ihm ihren Geist einzupflanzen und ihm die sittlichen Grundlagen wieder- *) Vgl. Ps. 137. (Anm. d. Uebers.) zugeben, ohne die kein Volk bestehen kann? Und wer weiß, ob dann nicht im Herzen des ganzen Volkes der Wille entstünde, wie ein Mann den Staub von sich abzuschütteln, zurückzukehren und ein Leben voll Ehre und Unangefochtenheit im Lande unserer Väter zu leben? Und wer weiß, was dann kommen wird? 5. Ein solcher Verein wird allerdings sein Augenmerk auf das erhabene Ziel richten: das Land unserer Väter. Mit größter Aufmerksamkeit wird er alles, was dort geschieht, verfolgen und betrachten, und mit Vorsicht und Besonnenheit wird er bemüht sein, wieder gut zu machen, was andere dort verdorben haben, und auch selber, soweit es in seiner Macht steht, etwas Ganzes und Rechtes zu leisten. Aber, nichtsdestoweniger wird er, da er weiß, daß zur Vollbringung großer Werke im Lande es not tut, daß das Geschlecht der Aufgabe gewachsen sei, nicht nur auf das Land bedacht sein, sondern auch auf das Volk; nicht nur zu bauen wird sein Ziel sein, sondern auch zu pflanzen, nicht nur mit der Hände Kraft, sondern auch mit dem Geiste. Vor allem wird es seine Sache sein, sich die Herzen zu gewinnen und seinen Namen und sein Programm bei den Menschen durch moralische Mittel beliebt zu machen. Sozusagen den Begriff „Nationalismus" zu erweitern und ihn zu einem hohen, erhabenen Begriff zu machen, zu einem ethischen Ideal, in dessen Mittelpunkt — die Liebe zu Israel steht, an dessen Peripherie — jede gute Eigenschaft und jede ehrenhafte Einrichtung; von der Bezeichnung „national" die materielle Bedeutung, die ihr jetzt anhaftet, zu nehmen — daß jeder, der diesen Namen führen will, sich mit seinem Scherflein bei einer bestimmten Kasse beteiligt — und sie zur Höhe einer ethischen Bezeichnung zu erheben, geehrt und geliebt vom Volke, die nicht jeder Mensch sich verdient und die ihren Träger verpflichtet, die Ehre der Fahne, die er trägt, über alles hochzuhalten, daß sie nicht durch ihn oder durch andere entweiht werde. — Allmählich wird der Verein seinen Wirkungskreis erweitern können, seine Aufmerksamkeit der Erziehung des kommenden Geschlechtes zuwenden, uns unsere Söhne und Töchter, die einem fremden Volke dienen, zurückführen und überhaupt alles Verbesserungsbedürftige bessern können. Bis daß — sei es wann immer — aus unserer Mitte das neue Geschlecht hervorgewachsen und auf den Plan des Lebens hinausgetreten ist, das wir brauchen: Das Geschlecht, das sich nicht vor falschen Göttern beugt und nicht den Staub von den Füßen seiner Hasser leckt, das stolz ist auf sein Volkstum, sich seiner Herrlichkeit rühmt und bei seinem Namen schwört, dem das Herz in der Brust glüht und nicht Ruhe läßt, und dem der Sinn danach steht, Gerechtigkeit zu üben und die rechte Zeit für jedes Ding zu erkennen — dieses Geschlecht wird Israel erlösen; dieses wird das Wunder nach Zion tragen, wird die Rettung vollbringen. 6. Zu diesem Ziele führen viele Wege, Wege der verschiedensten Art. Darum wird der Verein frei sein in seinen Handlungen: überall greift er ein; seine Zeit ist: die Zeit des Handelns; sein Ort — jeder Riß und jede Spalte. In seiner inneren Organisation wird er sich feste und bestimmte Regeln machen, nur wird er eben von vornherein seine Wirksamkeit für Volk und Land nicht beschränken und abgrenzen können. Es genügt, wenn er sein. Ziel genau kennt und es sich immer vor Augen hält; die Zeit, der Ort, die Lebensbedingungen werden ihm jeweils zeigen, was er zu tun hat. Nur des Einen muß er an jedem Ort und zu jeder Zeit eingedenk sein, daß die moralische Qualität des Vereines wichtiger ist als die Quantität. Denn nicht durch die Zahl der Mitglieder wird seine Kraft vermehrt, sondern vor allem — durch ihren Wert. Daher muß er sich sehr hüten, daß er nicht an Männern scheitert, die ungeeignet sind, und auch nicht selbst an Große und Gute sich wendet, wenn ihnen eine der notwendigen Bedingungen—für einen solchen Verein abgeht: — dann wird er gesichert seines Weges gehen, und es ist eine Hoffnung auf seine Zukunft.