Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 40 1361 1 DIEÜ^KELT I- EIN INTERESSANTES DOKUMENT zur Geschichte des Zionismus In dem vor kurzem erschienenen vierten (und letzten) Band der gesammelten Aufsätze von Achad Haam*), der bereits in Nr. 14 dieses Jahrgangs der „Welt“ besprochen worden ist, veröffentlicht Achad Haam, ganz am Schlüsse seines Gesamtwerkes, unter dem Titel „Ein mißglückter Versuch“ („Nissajon schelo hizliach“) Dokumente zur Geschichte des Vereines „B’ne Moscheh“, die wohl geeignet sind, die Aufmerksamkeit jedes Zionisten in höchstem Maße zu erregen. Der Verein „B’ne Moscheh“ wird den Wenigsten auch nur dem Namen nach bekannt sein; und doch erstrecken sich seine Wirkungen weiter als wir ahnen. Als im Jahre 1889 der aufsehenerregende Artikel „Lo seh haderech“ im „Hameliz“ erschienen war, dessen Kenntnis man wohl bei jedem Zionisten voraussetzen muß — wem das hebräische Original nicht zugänglich ist, der kennt ihn aus der deutschen Gebersetzung in der Auswahl von F riedländer, die soeben in zweiter Auflage im „Jüdischen Verlag“ erschienen ist —, entspann sich eine überaus heftige Diskussion, in der die offiziellen Führer der „Chibath Zion“, gegen die sich der Artikel wendete, gegen den unbekannten Autor auftraten; besonders L i 1 i e n b 1 u m , der für das ohnedies schwach gegründete, durch künstliche Mittel aufrechterhaltene Werk der Chowewe Zion fürchtete, bekämpfte — mit einiger Resignation — die neue Lehre: er glaubte nicht mehr an das Vorhandensein des Nationalgefühles im Volke und wollte auf den Eigennutz des Einzelnen bauen. Damals stellten sich auf die Seite Achad Haams einige wenige enthusiastische Jünglinge; es wurden allwöchentlich Versammlungen abgehalten und man beschloß am 7. Adar 5649 die Gründung eines Vereines, einer Art Geheimbund, der gegenüber dem Opportunismus der Offiziellen die Grundsätze des wahren Nationalismus mit allem Radikalismus vertreten sollte. Dieser Bund, der fast wie ein Orden organisiert wurde, erhielt den Namen „B’ne Moscheh“, als ewige Mahnung an alle seine Mitglieder, daß sie „stets ihr Auge erhoben halten sollten zu diesem Auserwählten unseres Volkes, und eingedenk sein mögen alles dessen, was e r getan und gelitten hat aus Liebe zu seinem Volk, damit sie erkennen, was diese Liebe von ihnen fordert.“ Das Programm dieses Vereins wurde von Achad Haam verfaßt und hieß: „Derech hachajim“, Der Weg des Lebens. Im folgenden ist der Versuch gemacht, diese tProgrammschrift erstmals ins Deutsche zu übersetzen und so ihre Kenntnis dem weiten Kreise der Zionisten zu vermitteln. Das wird vielleicht als Ergänzung zu der neuen deutschen Ausgabe willkommen sein, die leider die „B’ne Moscheh“ nicht einmal in der Einleitung erwähnt. Der Einfluß Achad Haams ist in den letzten Jahren besonders im westlichen Zionismus immer stärker geworden und es ist daher auch die Neuauflage der deutschen Auswahl, die für jeden Zionisten ein unentbehrliches Buch ist, lebhaft zu begrüßen. Denn das Wesentlichste, das wir jenseits aller Schlagworte wie „Kulturzionismus“ u. a. von Achad Haam zu lernen haben, ist dieses: daß wir nicht untätig werden dürfen und daß wir die Wiedergeburt des jüdischen Volkes durch keinerlei äußere Mittel bewirken werden; daß wir vielmehr das Volk selbst erst für das große Werk erziehen müssen, und daher jeder sofort Hand anlegen soll, jetzt und hier. Wir müssen den Nationalismus zur Höhe eines ethischen Ideals erheben, das die Herzen entfacht und jene starke Liebe säet, die den Einzelnen selbst zu Opfern des Privatinteresses befähigt. Erst muß das Volk innerlich, geistig und moralisch, für die große Sache reif sein; jeder muß die nationale Sache als persönliche Aufgabe fühlen. *) „Al paraschath derakhim“ (Am Scheidewege). Verlag „Achiasaf“, Warschau. 1913. (Preis 1,25 Rbl.). Dieses ethische Pathos Achad Haams, das dem ethischen Nationalismus F i ch t e s vergleichbar ist, wirkt heute so stark wie vor vierundzwanzig Jahren. Vielleicht sind wir alle irgendwie unbewußt die Erben dieser „B’ne Moscheh“, denen ein dauerndes Gedenken in der Geschichte des Zionismus so wie den „B i 1 u“ gebührt. Und wenn der Verein selbst damals an unüberwindlichen organisatorischen Schwierigkeiten zerschellen mußte und sich im Jahre 1897 auf löste, — die Idee lebt fort. Achad Haam spricht von einem „mißlungenen Versuch“; aber der Versuch war nicht vergebens, und das jüdische Volle hat sich dem „Weg des Lebens“ zugewandt, den es nicht mehr verlassen Robert Weltsch. Der Weg des Lebens Progranfm des Vereins B’ne Moscheh von Achad Haam 1. Die Geschichte Israels in den Tagen seiner Verbannung im allgemeinen und in den letzten hundert Jahren im besonderen hat uns gelehrt, daß für uns keine Hoffnung besteht, inmitten eines fremden Volkes ein Leben als Volk und als Menschen zugleich führen zu können; als Bürger des Landes an allen Lebenszweigen teilzunehmen und zugleich ein Volk mit eigenem Denken und besonderen Eigenschaften zu bleiben. Wehe uns am Tage des Unglücks und wehe uns am Tage des Glücks! Das Unglück verletzt in uns den Menschen, das Glück — das Volkstum. Jenes macht uns zu elenden Menschen in den Augen der anderen, dieses zu einem in unseren eigenen Augen verächtlichen Volk. Darum werden wir vergebens unsere Kraft aufgeben und unsem Besitz verschwenden, um nur unsere Stellung zwischen den Völkern zu befestigen — es wird nicht gelingen. Zwei Wege stehen uns offen: derW egdes Lebens undderWegdesTodes. Wenn unsere Augen dem Tode zugewandt sind, dann lassen wir doch den Rat der falschen Aerzte und warten wir mit Seelenruhe auf den Tod, denn wenn er auch zögert, kommen wird er. Wenn wir aber das Leben wählen, dann ist es an uns, uns selbst ein Haus zu bauen an trautem Orte — und wo wäre ein Ort trauter als das Erbe der Väter? Uns also obliegt es, unsere besten materiellen und moralischen Kräfte dieser unserer einzigen Rettung zu weihen: der Wiederbelebung unseres Volkes im Lande unserer Väter. 2. Werden unsere geringen Kräfte genügen, uns zu diesem schweren und fernen Ziele zu führen? Welcher Mensch wäre so weise, daß er auf eine solche Frage mit klaren Zeichen und Beweisen antworten könnte? Wie sehr mühte man sich von rechts und links, ihr eine Lösung auf Grund der Logik oder der Erfahrung zu finden, aber man vermochte es nicht. Allein jenseits der Grenzen von Verstand und Beweis gibt es noch ein großes und mächtiges Reich, und sein Name ist „Glaube“, und jenseits aller Debatten der Nationalisten und ihrer Gegner steigt dieser Unterschied auf: die einen glauben, die anderen glauben nicht. In solchen Dingen, die in Zweifel sind, entspringen Gedanken und Taten aus ejem Herzen. Je stärker die Sehnsucht unserer Herzen nach dem Ziel, desto stärker ist auch unser Glaube an die Möglichkeit seiner Erreichung, und desto stärker werden unsere Hände, die Hindernisse, die uns im Wege stehen, zu überwinden. — Damit nun die Söhne unseres Volkes an ihre nationale Auferstehung glauben und sich entschließen, ihr ihre besten Kräfte zu weihen, ist es nötig, daß sie ihren