Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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136Ö müdlichen Mitarbeit aller Zionisten sicher sein, vom ersten bis zum letzten. Zu dieser Mitarbeit fordern wir auf! Noch nie war der Zionismus so aktuell im jüdischen Leben wie in diesem Augenblicke; die Zukunft scheint mit eiligen Schritten heranzukommen, der Orient mit seinen großen Problemen erwacht. Unser Volk soll den ihm gebührenden Platz Nr. 40 in dieser Entwickelung einnehmen, und das Leben des Volkes soll unter dem Zeichen des Zionismus stehen. Das gesamte Judentum wird «unser Streben um so sicherer würdigen, je einmütiger alle Zionisten an der Arbeit sind. Wenn uns der Geist innigen Zusammenwirkens erfüllt, sichern wir die Verwirklichung unseres großen Ideals. Unsere Losung ist: durch Arbeit zur Einheit, durch Einheit zur Erlösung! blEUgKELT Das Engere Actions-Comit6 der Zionistischen Organisation Warburg Tschlenow Hantke Jacobson Levin Sokolow EIN ROSCH-HASCHANAH-WUNSCH Aus der Fülle der traurigen Erscheinungen in unserem Volksleben, die eine Folge unseres abnormalen, von fremden Notwendigkeiten bedingten, mehr äußeren als inneren Einflüssen unterworfenen Daseins sind, wollen wir eine einzelne herausgreifen und sie zum Gegenstand unserer Neujahrsbetrachtungen machen. Wir meinen die Taufepidemie unter der russisch-jüdischen Jugend, die in den letzten Jahren durch die ungeheuren Dimensionen, die sie annimmt, zu einer wahren Katastrophe geworden ist. Das sind nicht mehr Einzelfälle, die nur auf die nächste Umgebung einwirken, nicht mehr leichte Wunden am Volkskörper, die plötzlich entstehen und rasch vernarben. Es kann hier nicht mehr die Rede sein von „welken Blättern“, deren Abfall nach der bis zum Ueberdruß wiederholten Versicherung mancher Leute, die aus der Not eine Tugend machen, sogar zur Gesundung und Erhaltung des Stammes beiträgt. Tiefe Einschnitte sind es, grausame Hiebe, die ein beträchtlicher Bruchteil unserer Gemeinschaft dem Volksganzen versetzt. Nicht in der Dämmerstunde und nicht durch die Hintertür — dreist und ohne Scheu, am hellen Tage wandeln Hunderte von jugendlichen Verrätern, klingeln am Haupteingange des Popen oder des Pastors, statten diesem einen kurzen Besuch ab, um als „Andere“, als Frischgetaufte in ihr Elternhaus, in ihren früheren Bekanntenkreis wieder einzutreten, als ob inzwischen nichts geschehen wäre. Der seelische Zustand der „Bekehrten“ hat keine Wandlung erfahren, sie haben keinen neuen Gott im Herzen, dafür aber einen neuen Paß in der Tasche, der, wenn er auch nicht die Tore des Himmels öffnet, doch seinem Inhaber eine Menge von Privilegien sichert, mit Freizügigkeit, unbeschränkter Berufewahl und Namensänderung als Gratiszugabe. Entrüstete Proteste, Kundgebungen der Treugebliebenen, scharf abgefaßte Zeitungsartikel — es wäre naiv, anzunehmen, daß man mit solchen unzulänglichen Mitteln das lodernde Feuer löschen, die zersetzende und verheerende Kraft bannen könnte. Es ist die höchste Zeit, daß die ganze jüdische Gesellschaft geschlossen, wie e i n Mann zu dieser drohenden Gefahr Stellung nimmt und Wege und Mittel sucht, um prophylaktisch einzugreifen. Wir wollen uns keinen Selbsttäuschungen hingeben. Mit banalen Erklärungen, mit Schönfärberei und Unterschätzung der gefährlichsten Erscheinung unseres nationalen Lebens werden wir nichts ausrichten. Wie bei jeder Seuche kommen nicht nur die eigentlichen Krankheitserreger in Betracht. Auch sie, die Erreger, verlieren an Wirkungskraft, wenn sie einen für ihr Gedeihen ungünstigen Nährboden vorfinden. Die Erreger kommen von außen, die öffentliche Gesundheitspflege ist innere Pflicht, Pflicht der Gesellschaft, der Nation. Ganz unvermittelt und unvorbereitet hat noch niemand Hochverrat an seinem eigenen Gott und Volke begangen. Vielmehr bildet die Taufe die, letzte Phase eines lange vorangegangenen Entwicklungsprozesses oder vielmehr — Fort entwicklungsprozesses, denn bevor der J üiigling sich taufen läßt, muß er zuerst völlig e n t j u di e t sein. Nur der Inhaltlose glaubt an keinen Inhalt und entschließt sich leichten Herzens, etwas Fremdes in sich aufzunehmen, das ihn zu nichts verpflichtet. Das sind die „nackten Seelen“, von denen unsere Alten sprachen, wobei man unter „nackt“ die innere Hohlheit, die Inhaltslosigkeit zu verstehen hat. Wie vor einer Katastrophe stehen wir der Massenpsychose der Taufe gegenüber und wollen nicht begreifen, daß die Assimilationssucht den Weg zur Taufe allmählich vorbereitet. Die Taufbewegung ist eine Folge des Erziehungssystems, das als verbrecherisch angesehen werden muß. Das historisch Gegebene, also Natürliche, dem Wesen des Kindes allein Entsprechende wird dem Schüler mit Gewalt entrissen, und nachher wundert man sich, wenn er in reiferem Alter, bar jedes inneren seelischen Gehalts, bei der ersten Gelegenheit ein fremdes Feigenblatt ergreift, um die eigene Blöße zu verschleiern. Genau so, wie es eine kirchliche und eine Zivilehe gibt, gibt es auch eine kirchliche und eine Ziviltaufe. Die Zivi 11aufe geht immer der kirchlichen voran. Die Entjudeten sind Täuflinge in der Potenz. Nur ganz kräftige Naturen, nur einzelne Auserwählte ringen sich durch und gelangen zur Rettung ihres angeborenen Ich. Und wenn wir unserer Empörung über die Massentaufen freien Lauf geben «und in der Stunde der Betrübnis aus der Tiefe unserer Seele nach Stützpunkten suchen, um den nationalen Schmerz überwinden zu können, sollten wir uns vor allen Dingen den bedrohten jüdischen Kindern zuwenden und ihnen unsere ganze Aufmerksamkeit widmen, den jungen, unverdorbenen «und für alles Gute noch empfänglichen Seelen einen jüdischen Inhalt schenken. Gebt dem jüdischen Kinde, was ihm zukommt, gebt ihm eine Schule, die von dem Geiste seines Gottes erfüllt ist und von der Geschichte seines Volkes durchdrungen. Beraubt das wehrlose jüdische Kind nicht seines seelischen Inhalts, entziehet der Ziviltaufe den Boden. Oder ihr werdet erleben, daß euere eigene Kinder sich von euch abwenden, euch verdammen werden. Nicht ein neues Jahr — denn es handelt sich hier nicht um kurze Zeiträume in unserer Entwicklung —, eine neue Epoche muß für uns anbrechen, eine Epoche der inneren Erneuerung, der Vorbereitung für eine eigene Zukunft auf der festen Grundlage unserer ruhmreichen Vergangenheit. Sch mar ja Levin.