Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Nr 39 1344 DIEI^EIT überlassen. Zweitens: Die Eröffnungsrede auf dem Kongreß hielt ein Herr Warburg aus Berlin. Sie war teilweise politischer Natur und Herr Warburg sagte, daß die Juden in dem letzten Kriege ihrer Tradition getreu auf Seiten der T ürkei gestanden seien und immer anderen Seite stehen würden. Ganz richtig! Die Juden stehen immer dort, wo die Feinde des Christentums und der Christen stehen. Für sich verlangen sie die Freiheit und die Gleichberechtigung, aber daß die Christen unter der Herrschaft des Moslims bleiben sollen, ist ihnen ganz sympathisch. Das muß doch wieder einmal festgenagelt werden!" (Kommentar überflüssig.) „Hagener Zeitung“, Hagen!. W. „Vom 2. bis 9. September tagt in Wien der elfte Zionistenkongreß. Wie auch bei früheren Tagungen dieser Bewegung, in der die verschiedenartigsten Kräfte am Werk sind, ist es zu sehr heftigen Auseinandersetzungen gekommen, die sich an die Person Max Nordaus, des berühmten Schriftstellers, schlossen, der sehr viel für den Zionismus getan hat, aber mit der jetzigen Leitung nicht einverstanden ist. Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß es im Zionismus die stärksten persönlichen und sachlichen Gegensätze gibt und daß weder theoretisch noch praktisch Einmütigkeit herrscht über die wichtigsten Fragen des Gegenwarts- und des Zukunftprogramms. Diese Meinungsverschiedenheit verhindert freilich nicht, daß der Zionismus nach außen hin scharf aggressiv auftritt und vor allem die große Zahl der westeuropäischen Juden, die aus irgendwelchen Gründen den Zionismus ablehnen, nicht eben glimpflich anfaßt. Aber wie man auch zu den Zukunftsplänen und zu der heftigen Kampfesweise der zionistischen Bewegung sich stellen mag, jedenfalls muß man anerkennen, daß ein hohes Maß von Idealismus und Tatkraft auch heute noch in der von Theodor Herzl geschaffenen Bewegung lebendig ist. Vor allem muß betont werden, daß sich der Zionismus nicht in mehr oder weniger unfruchtbaren Diskussionen erschöpft, sondern sich bemüht, in dem alten Land der Verheißung, in Palästina, praktische kolonisatorische Arbeit zu leisten. Geber das Ergebnis dieser Arbeit berichtet ausführlich das Actions- Comite der zionistischen Organisation . . . (Folgt ein langer Auszug aus dem A.-C.-Bericht!) „Prager Tagblatt“, Prag. Unter dem Titel „Nach dem Zionistenkongreß44 schreibt ein Anonymus, der sich selbst als „Zichtzionisten" bezeichnet, in einem längeren Artikel: „Die Begeisterung der Zionisten für ihre Idee ist augenscheinlich eine sehr große. Förmliche Jubelschauer erschütterten die mächtige Versammlung, wenn der Name Herzl genannt wurde, wenn die nüchternen Zahlen der Referate das Emporblühen der jüdischen Kolonien erwiesen, wenn des Wiederauflebens der hebräischen Sprache, die immer mehr die Unterrichts- und Umgangssprache des Landes wird, wenn des Schulwesens in Palästina gedacht wurde, der Kunstgewerbeschule „Bezalel", von deren fortschreitender, künstlelerischer Entwicklung die gleichzeitige Ausstellung Zeugnis ablegte, der Mädchenfarm in Kinereth, in der Mädchen systematisch zum Verständnisse der Landwirtschaft erzogen werden, des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, dessen Schüler heute zum ersten Male maturieren, und es gab tosenden Beifall, als der Beschluß einer Universitätsgründung in Jerusalem mit stürmisch aufflammender Begeisterung einmütig gefaßt wurde. Jene, die dem Zionismus klerikale Tendenzen Zutrauen, wird es zu hören überraschen, daß am hebräischen Gymnasium in Jaffa überhaupt kein Religionsunterricht erteilt wird, und daß für dessen Schüler keinerlei Zwang zur Teilnahme an irgendwelchen religiösen Uebungen und gottesdienstlichen Handlungen besteht. Der Kongreß stellte die uneingeweihten Gäste vor die überraschende Tatsache eines in allen Einzelheiten vollständig ausgebauten Volkslebens, das sich keineswegs in der fortschreitenden kulturellen Blüte der Kolonien Palästinas erschöpft, sondern auch die Juden der übrigen Länder erfaßt. Eine hebräische Weltkonferenz, die dem Kongreß vorausging und eine große Zahl von Teilnehmern zum Gedankenaustausch in ausschließlich hebräischer Sprache vereinigte, erwies die wissenschaftliche Durcharbeitung dieses Idioms; eine mächtige internationale Versammlung zionistisch gesinnter Frauen verblüffte geradezu durch das geistvolle Referat, durch das hohe Niveau der Intelligenz und Sachkenntnis in den Debatten; drei Massenversammlungen zionistischer Sozialisten Marxscher Richtung bekundigten die Klassenscheidung; eine Festversammlung zionistischer Akademiker bildete einen der Glanzpunkte des Kongresses; ein Turnfest von etwa 1500 Turnern vor mehr als 10000 Zuschauern bezeugte die Bestrebungen um die körperEche Regeneration; im Theater der Neuen Wiener Bühne gab eine Theatergesellschaft Proben der Dicht- und Schauspielkunst in hebräischer Sprache; ein Czernowitzer Gesangverein, der 90 ausübende Mitglieder zählt, sang melancholische jüdische Volkslieder in vollkommener Weise; und um das Kulturbild zu vervollkommnen: in den großen Sofiensälen gab unter gewaltigem Zulauf ein zionistisches Kino seine Vorstellungen, doch stand auch dieses ausschließlich im Dienste der Bewegung, indem es nur Bilder aus dem jüdischen Leben in Palästina vorführte, die nicht wenig zur Hebung der Kongreßstimmung beitrugen und die Erfolge der zionistischen Palästinaarbeit anschaulicher und wirksamer dartaten als lange Reden. So schloß sich der gesamte Verlauf des Kongresses zu einem Bilde zusammen, geeignet, auch dem Unbeteiligten Respekt vor einer Bewegung einzuflößen, die vielleicht noch vor wenigen Jahren utopisch erscheinen mußte, und die für die osteuropäischen Juden seither eine ansehnliche Kulturarbeit geleistet hat.44 „Kölnische Zeitung44, Köln a. R. „Der XI. Zionisten-Kongreß hat vom 2. bis 9. September in Wien stattgefunden, in der Stadt Theodor Herzis, der den Zionismus geschaffen hat, und an dessen Grabe die Kongreßteilnehmer auch eine erhebende Gedenkfeier veranstalteten. Man konnte gespannt darauf sein, welcher Empfang den Zionisten von der Judenschaft Wiens und dem Teil der Presse werde bereitet werden, der von Juden geschrieben wird. Wien ist ja mit seinen rund 300000 Juden nicht nur eines der Hauptzentren des Judentums, sondern hat auch eine Presse, die, von wenigen deutschnationalen und christlichsozialen Blättern abgesehen, fast ausschließlich von Juden hergestellt wird und in jüdischen Händen ist. Da muß man nun feststellen, daß von diesen Tatsachen bei Gelegenheit dieses Zionistenkongresses nichts zu merken war. Die Wiener Judenschaft beteilige sich nur zu einem ganz kleinen Teil an dem Kongreß. Die jüdische Intelligenz Wiens steht fast durchweg dem Zionismus ablehnend gegenüber, weil sie in den altliberalen Anschauungen aufgewachsen ist, wonach dem Judentum nur noch als Religionsgemeinschaft ein Sonderdasein zukommt und ihm im übrigen ein Anpassen an die Wirts Völker und ein Auf gehen in diesen zur Aufgabe gemacht wird. Das Wiener jüdische Proletariat ist aber ganz und gar in den Banden der Sozialdemokratie, die ja überhaupt alles nationale Empfinden als veraltet bekämpft. Dementsprechend verhielt sich auch die Wiener von Juden geschriebene Presse. Die Blätter liberaler Weltanschauung schwiegen den Kongreß teils ganz tot, teils beschränkten sie sich auf den Abdruck der Verhandlungsberichte. Die sozialdemokratische Arbeiterzeitung aber, deren Redaktion fast ausschließlich aus konfessionslosen Juden besteht, goß die volle Schale ihres giftigen Hohnes über den Kongreß und über den Zionismus aus als über die Ausgeburt borniertester jüdisch-bourgeoiser Orthodoxie. Man kann daraus entnehmen, daß der Zionismus noch weit davon entfernt ist, die Gesamtheit der Judenschaft zu umfassen oder auch nur denen sympathische Unterstützung zu finden, und wird sich daher nicht darüber wundern, daß der jüdische Nationalfonds erst vier Millionen beträgt, eine recht geringe Summe in Anbetracht der großen Vermögen, die in jüdischen Händen vereinigt Von den sonstigen Beschlüssen des Kongresses verdienen nur noch zwei hervorgehoben zu werden, erstens der auf Einsetzung eines engeren ActionscomitSs (!!), welch letzteres auch bereits gewählt wurde, und zweitens der, dieses engere Actionscomite aufzufordern, einen Ausschuß zum Zweck der Vorbereitung der Gründung einer Universität in Jerusalem einzusetzen.44 (Der letzte Passus beweist die Orientiertheit des Verfassers so schlagend, daß ihm auch die objektiv unrichtigen Behauptungen des ersten Abschnitts kaum als absichtliche Entstellungen angerechnet werden dürfen.) „Bosnische Post“, Sarajewo. „. . . Es hat auch auf diesem Kongreß gute Reden gegeben. So verdient namentlich das vortreffliche Referat Dr. Ruppins über die zionistische Arbeit in Palästina hervorgehoben zu werden. Dr. Ruppin, der selbst seit Jahren in Palästina an der Spitze der landwirtschaftlichen Organisationen der Zionisten steht, kennt den Stoff natürlich vollkommen und er versteht es auch, für seine Sache zu werben. Aus seinen Ausführungen sieht man, daß in einer, kurzen Spanne Zeit in Palästina von den Zionisten tatsächlich Unglaubliches geschaffen wurde, daß da unten eine neue Welt im Werden ist