Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 39 -- -- ~ DlE3|gELT=;= -■^grr,ff=a 1343 DIE PRESSE ÜBER DEN XL KONGRESS Es ist schon mehrfach hervorgehoben worden, daß der XI. Kongreß in der Presse ein sehr viel stärkeres Echo gefunden hat als unsere früheren Kongresse. Ueber gewisse charakteristische Züge in der Haltung der Presse und einzelne interessante Details wird noch einiges zu sagen sein. Für diesmal begnügen wir uns damit, eine kleine Zahl ziemlich willkürlich herausgegriffener Zeitungsäußerungen wiederzugeben, die zumeist gröberen Artikeln entnommen sind. Wir werden die Veröffentlichung von Pressestimmen in den nächsten Nummern fortsetzen. „Sonn- und Montags-Zeitung“, Wien. „Seit Beginn der abgelaufenen Woche tagt in Wien der Kongreß der Zionisten, einer Anzahl von ernsten Männern aus aller Herren Länder, die das reine und ehrliche Bestreben haben, ihren bedrückten jüdischen Glaubensgenossen eine neue, wirkliche Heimat, bessere Lebensbedingungen auf der Grundlage einer nationalen Zusammengehörigkeit zu verschaffen. Man kann über die Idee, die der zionistischen Bewegung zugrunde liegt, verschiedener Meinung sein, man kann die Bestrebungen jener Vereine, die dem gesteckten Ziele nachjagen, für utopische oder erreichbare halten, jedenfalls dürfen die ehrlichen und würdigen Verfechter ihrer Meinungen und Anschauungen auf eine honorige Behandlung, auf eine laute oder auch stillschweigende Anerkennung ihrer Existenzberechtigung Anspruch erheben. Ehrliche und seriöse Kritik wird man keinem Organ übelnehmen, und obzwar es sich um eine Frage handelt, die denn doch das Judentum ziemlich ausschließlich angeht, wird man im Gegensatz zu der klerikalen Presse, die in Kultusangelegenheiten einen durchaus exklusiven Standpunkt einnimmt, jede Meinungsäußerung, sofern sie rein sachlich und nicht tendenziös ist, gelten lassen .. . (Folgt eine Polemik gegen die „Reichspost“, die einen Artikel über den Kongreß mit der Behauptung begann, die Juden hätten Jesus gekreuzigt.) „Der Morgen“, Wien. „Der tausend Jahre alte Schmerz des Judentums durch neue Drangsalierungen fühlbar gemacht, das wehmütige Erinnern an längst vergangene Zeiten, die in vergilbten Blättern festgehalten sind, und der Ruf eines von einer neuen Idee begeisterten Streiters nach Wiedererweckung und Selbstwehr, haben vor kaum zwei Jahrzehnten zur Gründung des praktischen Zionismus geführt. Die unmittelbare Folge der Propaganda der Tat des Judentums war die Spaltung der Angehörigen dieses Glaubensbekenntnisses oder dieser Nation in zwei Lager. Mit der Leidenschaft, die zu einer der Rasseneigentümlichkeiten der Juden gehört, wurde der Kampf für oder wider den Zionismus geführt. „Ins Ghetto zurück wollt ihr uns drängen" riefen die einen, während die anderen die junge Lehre mit der Aufstellung folgenden Leitsatzes verkündeten: „Wir wollen eine rechtlich gesicherte Heimstätte für jene Juden schaffen, die sich nicht assimilieren können oder sich nicht assimilieren wollen." Lange tobte der Streit zwischen den beiden Gruppen bis schließlich die neue Partei in jenen Ländern siegreich vordrang, in denen den Juden die Teilnahme an der Entwickelung, die Mitarbeit an-dem politischen und kulturellen Leben versagt blieb, wo sie dauernd zu den Ausgestoßenen gehören. Dort, wo sie in Knechtschaft verhöhnt und vergewaltigt leben mußten, war der Gedanke des Zionismus auf fruchtbaren Boden gefallen und die ausgestreute Saat trug gute Früchte. Heute nach 17 Jahren sind von der phantastischen Heilslehre Dr. Herzls große Schichten des Judentums kanalisiert, die den Weg suchen, der nach Zion führt. Die Bewegung ist also vorhanden und es wäre ein törichtes Versteckspiel wollte man sie nicht sehen oder darüber zur Tagesordnung hinweggehen. Wiewohl das Urteil über den Zionismus noch immer in der zeitgenössischen Geschichte schwankt, so ist doch die Tatsache nicht aus der Welt zu schaffen, daß Tausende und Abertausende Juden Rußlands, Rumäniens, Amerikas und auch uns näher liegender Länder, sich zum Judentum als Nation bekennen und die praktische Verwirklichung ihres Programms anstreben. Als seinerzeit der Streit der Anhänger und Gegner des Nationalgedankens jede ruhige Erkenntnis ausschloß, wäre die Abhaltung eines Kongresses in der Art, wie er gegenwärtig in Wien tagt, ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Jetzt haben sich beide Teile damit abgefunden, daß der Zionismus von der einen Seite begeisterte Förderung findet, von der anderen Seite entweder mit Skeptizismus oder mit offener Gegnerschaft aufgenommen wird. Die Wahrheit liegt eben in der Mitte, und wenn nicht alle Zeichen trügen, so werden die beiden Strömungen sich bei der langgesuchten Diagonale finden. . . . Gleichviel ob der Grundkern des Zionismus philanthropischen Gehalt besitzt oder ob er, wie seine Wortführer glauben, ein Werk von politischer Bedeutung ist, die Bewegung ist ernst und verdient eine ernste Behandlung schon deshalb, weil die Vertreter der Idee einen Idealismus betätigen, wie er diesem real denkenden und materiell wirkenden Volk selbst von seinen Freunden nicht zugemutet wurde. Ob das Endziel des Zionismus eine Utopie bleiben wird, oder nicht, ist heute weder von den Freunden, noch von den Feinden zu beantworten, allein ungerecht wäre es, die bisher geleistete Arbeit ganz zu unterschätzen, hat sie doch dem Aermsten der Armen, den enterbtesten Proletariern etwas wiedergegeben, was groß und erhaben ist: die Hoffnung. Der folgenschwerste Fehler aber, den die Wortführer des Zionismus machen, ist, daß sie .ihr . Arbeitsfeld nicht cinschränken auf jene Gebiete, wo die Bewegung Berechtigung besitzt und wo sie sowohl von Juden als auch von den Angehörigen anderer Konfessionen und sogar von den staatlichen Faktoren wirkungsvolle Förderung verdienen würde. Die Agitation auch auf jene Länder zu erstrecken, wo die Juden unter dem Schutze der Gesetze und durch den Siegeslauf der Kultur als vollwertige Mitbürger Geltung besitzen, wo sie teilnehmen dürfen an den Schätzen der Bildung und der Kraft der vorwärtsschreitenden Nationen, an deren Größe sie ebenso mitgewirkt haben, wie die Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse, ist von Uebel. . . ." „Wiener Montagblatt", Wien. „In den Mauern Wiens tagt der Zionistische Kongreß. Dieses “Ereignis ist nicht nur deswegen interessant, weil Wien die Hochburg der antisemitischen Bewegung ist, sondern auch deshalb, weil das Judentum in Oesterreich eine ganz eigene Stellung inne hat und hier zu einer besonderen Mission berufen ist. Man mag über die zionistische Bewegung wie immer denken, man mag ihr Ziel, einen eigenen Staat in Palästina aufzurichten, für realisierbar halten oder nicht — das eine steht fest: der Zionismus hat das Nationalbewußtsein des Judentums angeregt und die ebenso erfolglosen als widersinnigen Assimilationsbestrebungen zurückgedrängt. Die jüngere Generation des Judentums empfindet national. Sie betont ihr Volkstum mit Selbstbewußtsein, indem sie darauf hinweist, daß das jüdische Volk das älteste Kulturvolk der Welt ist, ein Volk, das auf die Geschichte der Menschheit und der Kultur befruchtend, wie kein zweites bewirkt hat. Mag nun das Nationalbewußtsein der Juden in den anderen europäischen Staaten von einheitlicher nationaler Prägung, in der Schaffung eines eigenen jüdischen Staates sein Ideal sehen, für die österreichischen Juden gilt das nicht; denn Oesterreich ist ein national gemischter Staat, in welchem keine einzige Nation kraft ihrer Bevölkerungszahl die Möglichkeit hätte, zu dominieren. Es wäre daher gut, wenn sich in Oesterreich die jüdisch-nationale Bewegung in großösterreichischen Bahnen leiten ließe, wozu ja Ansätze, wenn auch in bescheidenem Umfange, vorhanden sind. Die Juden, die heute noch in den Reihen der nationalen Partei, in welche sie sich, kraft ihrer Energie und Intelligenz hineindrängen konnten, doch nur die Geduldeten sind, würden eine ganz andere, würdigere Stellung einnehmen, wenn sie nicht bloß sporadisch, wie es jetzt der Fall ist, sondern in ihrer Gesamtheit den jüdisch-nationalen Standpunkt einnehmen würden, um sich den übrigen Nationen gegenüber als ein selbständiges Volk zu bekennen und zu .betätigen." „Wiener Neueste Nachrichten“, Wien. „Wien hat jetzt das Glück, den Zionisten-Kongreß zu beherbergen. Wir wissen das zu würdigen, aber unsere Leser werden uns wohl entschuldigen, wenn wir darauf verzichten, die illustre Versammlung und ihre Tätigkeit nach Gebühr zu würdigen. Zwei Bemerkungen können wir aber doch nicht unterdrücken. Diese sind:" Erstens: Wenn die Zionisten wirklich und wahrhaftig eine Massenverpflanzung von Juden nach Palästina anstreben, so haben wir selbstverständlich nicht nur nichts dagegen, sondern wir sind allen Ernstes der Ansicht, daß ein so löblicher Gedanke von Staat und Regierung mit allen Mitteln gefördert werden sollte. Wir würden eine viertel oder halbe Million israelitische!» Mitbürger ohne weiteres entbehren können. Wie sie sich dann drüben im . gelobten Lande einrichten, bleibe ihnen