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Die Welt · 1913-09-26 · 39 (26.9.1913) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nr. 39 1338 WERKELT Ch. N. Bialik, stürmisch begrüßt, hält eine Rede in hebräischer Sprache, in der er etwa ausführt: Hoher Kongreß! ln dieser großartigen Tagung hatte der jüdische Geist eine schwere Prüfung zu bestehen, und e r hat sie bestanden! Die tiefste Wunde der jüdischen Nation besteht eben darin, daß eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihren materiellen und geistigen Bedürfnissen und ihren Möglichkeiten besteht. Ein Volk, das über alle Erdwinkel zerstreut ist, im Schoße verschiedener Kulturen erzogen und aufgewachsen, hat es sich die verschiedensten und oft einander widersprechenden Bedürfnisse angeeignet, die gar nicht zu seinen nationalen Möglichkeiten passen. Diese Kluft zwischen Wollen und Können ist auch in den Lebensbedingungen unseres Volkes gegeben: es ist ja nicht auf natürlichem Wege zu seinen Bedürfnissen gelangt; vielmehr hat es sie in den fremden Kulturen vorgefunden, in den Kulturen, an deren Schaffung und Großziehung andere und nicht wir gearbeitet haben, auch wenn wir dabei mithalfen. Wir haben uns die Kulturbedürfnisse anderer angeeignet, und als wir dazu kamen, etwas für uns zu schaffen, fanden wir keine Kraft mehr. Meine Herren! Es gibt eine Art von Wandervögeln. Die haben in alten Zeiten, ebensogut wie die anderen, ihre Nester zu bauen gewußt. Aber das dauernde Wanderleben, die Gewohnheit, überall bereite Nester vorzufinden, hat sie dazu geführt, daß sie die Kunst des Bauens verlernt haben; es ist ihnen der Instinkt dafür verloren gegangen! Hoher Kongreß! Es ist die größte Tragödie eines Volkes, wenn es seiner Schöpfungskraft entwöhnt wird — aber es ist ein Trost, wenn es noch den Willen hat, jetzt ein Werk zu unternehmen, das zum Stolz der Menschheit werden soll. „Hat es ein Gott versucht, ein Volk aus einem Volke zu nehmen!“ — und wir wollen ja „ein Volk aus den Völkern“ nehmen, in kultureller noch mehr als in ökonomischer und national-politischer Hinsicht. Uns fehlt nur dabei das Haupt- Instrument, die Sprache. Weil wir eben von fremden Kulturgebieten kommen, haben wir auch viele unserer Kulturbegriffe in fremden Sprachen mitgebracht, und wenn wir nun kommen und sie in unsere Sprache übertragen wollen, finden wir schwer die dazu nötigen Worte. Und es kommt das Schrecklichste: wir arbeiten herum auf allen fremden Gebieten, und wenn wir heimkommen und möchten dieselbe Arbeit für uns machen, stehen wir da in unüberwindlicher Verzweiflung, denn wir haben die Instrumente nicht, die zur Arbeit nötig sind! Und da gibt es zwei Wege, aus der Zwangslage herauszukommen: Entweder reduziert man das Bedürfnis, man begnügt sich mit wenigem, man wird bescheiden; oder man strengt alle Kräfte an, um die Möglichkeiten zu vermehren. Unser Kongreß, als er die Gründung einer hebräischen Universität beschlossen hat, hat gezeigt, daß er den zweiter. Weg gehen will! (Anhaltender Beifall.) Meine Herren! Wir sollen uns aber fragen: woher kommt denn dieser wundervolle Glaube an die eigenen Kräfte, und was ist der Gegenstand unseres Glaubens, die eiskalte Arithmetik oder der unzerstörbare alte Geist Israels, der so wundersam die nüchternste Berechnung mit dem flammendsten Idealismus zu verschmelzen weiß? Ich glaube, hier gibt es nur eine Antwort. Es ist im höchsten Grade merkwürdig, daß der erste Initiator des hebräischen Universitätsgedankens gerade ein Professor der Mathematik war. Und auch hier haben wir als Referenten über dieses fast phantastische Unternehmen Leute gehört, die sonst mit kalten Zahlen und mit exakten Experimenten umzugehen gewohnt sind. Die jüdischen Ideen sind seit Jahrhunderten ihrer Formen beraubt und deshalb nie in ihrem vollen Glanz offenbart worden. Wir sind in dieser Hinsicht fast am Nullpunkt angelangt, und nach kühler Berechnung müßten wir fast verzweifeln. Aber nun ist der heilige Glaube wieder aufgeflammt und gab uns den Mut, an die Errichtung dieses Riesenwerkes heranzugehen. Schon durch diesen Glauben allein sind wir aus den Aermsten wieder die Reichsten geworden! Wenn es wahr ist, daß wir in gewissem Sinne Parasiten sind, so ist es gerade auf dem geistigen Gebiete, wo wir von fremder Arbeit und für sie leben. Nun sollen wir unsere große Schuld zurückbezahlen; wir sollen wieder von eigener Arbeit leben und noch zur Deckung unserer Schuld ersparen. Wir werden auch auf unserem eigenen Kulturfelde manche fremde Pflanze einsetzen. Aber da werden wir in der Lage sein, dafür mit eigenen Produkten ehrlich zu bezahlen. Wir werden dann einen freundlichen geistigen Austausch mit den Kulturvölkern pflegen, und wir werden aufhören, nur Makler und Vermittler zu sein. Zwei Wege standen unserem Kongresse offen, und er hat bewiesen, daß er genug Selbstvertrauen besitzt, um gerade der. schwersten zu wählen. Wer aber an sich glaubt, der wird auch zum Siege kommen. (Stürmischer Beifall.) N. Syrkin (spricht hebräisch) dankt dem Präsidenten des Kongresses David Wolffsohn sowie Dr. Tschlen o w, der eine Kraft der Tat und eine noch nicht dagewesene Aufopferung für die Bewegung bewies, indem er sich entschlossen hat, seine Heimatstadt und seine Privatinteressen zu verlassen, um nach Berlin zu ziehen und dort der Bewegung zu dienen. Redner preist die Hingabe, die Treue und das Gerechtigkeitsgefühl des Präsidenten Wolffsohn und ruft ihm den Wunsch zu, ihn auch später wieder auf dieser Tribüne zu sehen. Zu Dr. Tschlenow gewendet, ruft er aus: „Nehmen Sie unseren herzlichen Dank entgegen, und möge dieser! Dank Ihnen eine gewisse Entgeltung für Ihre Tat sein, die Tat eines wahren Volkshelden!“ Präsident Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Wir sind mit unseren Arbeiten zu Ende. Zum 11. Male waren wir auf einem Kongresse zusammen, und auch dieser Kongreß hat uns schwere Arbeit bereitet. Aber, geehrter Kongreß, ist die Arbeit auch schwer, so ist sie doch lohnend für uns, weil wir dadurch immer einen Schritt weiter auf unserem Wege kommen, auf unserem Wege, der mit Dornen und mit vielen Schwierigkeiten bestreut ist. Wir kommen aber immer einen Schritt weiter, immer unserem Ziele, immer Zion näher. Geehrter Kongreß! Wir haben jetzt hier viel gestritten, manches harte Wort ist hier und da gefallen, aber, meine Herren, keiner von uns hat um Dinge persönlicher Natur gestritten, jeder von uns tritt für das Ganze ein, für die gesamte Arbeit, und deswegen bin ich überzeugt, daß auch einer dem anderen nichts nachtragen wird, weil er überzeugt sein muß, daß es jeder gut meint, und es nur der Sache wegen getan hat. Es ist heute hier ein Wort gefallen, das mir nicht besonders angenehm war, das Wort: „Wir wollen aus dem Kongreß hinausgehen und für die Prinzipien unserer Richtung weiter kämpfen.“ Nein, meine Herren, w irw ollen aus dem Kongresse hinausge he n und Arm in Arm für unsere gemeinsame Sache arbeiten. (Bravo, lebhafter Beifall.) Unser Ziel werden wir erst dann erreichen, wenn unsere Anzahl gewachsen, wenn der größte Teil des jüdischen Volkes erst zum Bewußtsein gekommen ist, daß es für uns kein anderes Mittel und keine andere Lösung gibt, als in unserem Lande, in Erez Israel, die Heimstätte zu schaffen, die das jüdische Volk seit Jahrhunderten entbehrt hat und nicht mehr länger entbehren kann. Und dazu müssen wir alle Kräfte, die wir haben, benützen und immer neue Kräfte heranzuziehen suchen. Es braucht uns wirklich nicht bange um unsere Zukunft zu sein: solange wir noch-Männer unter uns haben, diebereit sind -die- <rrnßtpn fTnfpr fi'.r hmcwiv U«.: iirfH

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