Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39 1337 zunächst darüber abzustimmen, ob der Kongreß die En bloc- Abstimmung wünscht , oder nicht. Ich befrage also den Kongreß, ob wir en bloc abstimmen sollen. Wer für die En bloc- Abstimmung ist, erhebe die Hand. (Geschieht.) Ich bitte um die Gegenprobe. (Geschieht.) Der Kongreß hat sich mit großer Majorität für die En bloc-Abstimmung entschieden. (Stürmischer Beifall.) Wer nun für die Annahme der ganzen Liste ist, erhebe die Hand. (Geschieht.) Ich bitte um die Gegenprobe. (Geschieht.) Die Gesamtliste ist mit allen gegen 20 Stimmen angenommen. (Stürmischer Beifall.) Del. Dr. Weizmann: Für das Kongreßgericht schlagen wir Ihnen vor: Dr. Isaac Strauß, Dr. Walter Munk, S. Gronemann, Dr. E. Leszynsky, Dr. S. Moses, sämtlich in Berlin. Ich beantrage die En bloc-Annahme der Liste. Die Liste wird en bloc angenommen. Als Kongreßanwalt wird Justizrat Dr. Bodenheime r, als Anwalt beim Ehrengericht Dr. Friedemann, als Revisoren Dr. Georg H a 1 p e r n und Leon L e v i t e, als stellvertretende Revisoren Dr. Munk und Wolisteiner gewählt. Präsident Wolffsohn: Geehrter Kongreß! Bevor wir auseinandergehen, müssen wir zu einer Angelegenheit, die uns alle, die das gesamte Judentum betrifft, hier Stellung nehmen. Ich meine damit jene fürchterliche Anklage, die uns entgegengeschleudert wird in dem Beilis-Prozeß in Kiew. (Pfuirufe.) Ich ersuche Herrn Rabbiner Dr. Thon eine Resolution darüber zu verlesen. Del. Dr. Thon verliest die bereits in der sechsten Nummer der Kongreßausgabe mitgeteilte Resolution. Der Kongreß erhebt sich unter stürmischen Kundgebungen zum Zeichen des Protestes. Hierauf erhält Prof. Dr. Warburg das Wort. Prof. Dr. Warburg (mit stürmischem, immer von neuem einsetzenden Beifall empfangen): Hochverehrter Kongreß! Wir sind am Ende einer bedeutungsvollen Sitzungswoche angelangt. Sie haben unter der Leitung eines energischen und würdevollen Präsidiums in langen und teilweise recht schwierigen Debatten und Diskussionen über die Ihnen vom Actions- Comite vorgelegten Referate ernst verhandelt, Sie haben hierbei ausgiebig Gelegenheit gehabt, die zweijährige Tätigkeit der Leitung zu prüfen. Wenn das Resultat Ihrer Beurteilung dieser Arbeit ein für die bisherige Leitung günstiges gewesen ist, so ist sich diese wohl bewußt, daß der Fortschritt unserer Bewegung doch nur zum geringen Teile ihrer Tätigkeit zuzuschreiben ist, daß vielmehr das Hauptverdienst der Mitarbeiterschaft so vieler tapferer Mitkämpfer gebührt, von denen nur ein Teil, wenn auch ein sehr maßgebender, augenblicklich unter uns weilt. Sie haben es für gut befunden, die bisherige Leitung im großen und ganzen wiederzuwählen, das Engere Actions-Comite, d. h. den Arbeitsausschuß der Leitung, sogar vollständig, indem Sie den bisherigen Fünf, ein sechstes Mitglied hinzugesellt haben. Das bisherige E. A. C. begrüßt den neuen Kollegen aufs herzlichste, und ist fest davon überzeugt, daß die Wahl unseres verehrten Dr. Tschlenow eine überaus glückliche gewesen ist und der Arbeit, die uns bevorsteht, außerordentlich förderlich sein dürfte. Ich glaube, ich kann im Namen des gesamten Actions- ComitSs, und des E. A. C. im besonderen, dem Kongreß für dies Zeichen des Vertrauens hier den herzlichsten Dank aussprechen und dem Kongreß versichern, daß es das Bestreben der neuen Leitung sein wird, auf den bisherigen Bahnen und mit verstärkter Energie weiterzuschreiten. (Stürmischer Beifall,) Der Kongreß hat uns so viel neue Aufgaben gestellt oder vorgezeichnet, daß es der Leitung noch schwerer sein wird, als in der vorigen Periode, sie auch nur einigermaßen zu Ende zu bringen, denn dazu treten noch die vielen unerledigten oder kaum in Angriff genommenen Arbeiten früherer Zeiten. Wenn wir trotzdem nicht verzagen, so geschieht es, weil uns dieser Kongreß mehr als irgendein bisheriger die Ueberzeugung verliehen hat, daß unsere Arbeit von dem Willen und der Seele der weiten jüdischen Volksmassen getragen wird, und daß die Impulse, die wir mit unseren schwachen Mitteln zu geben imstande sind, von den breiten Schichten unseres Volkes tausendfach verstärkt wieder zu uns zurückkehren. (Lebhafter Beifall.) Die Anregungen, welche dieser Kongreß uns gegeben hat, genügen zur Ausfüllung unseres ganzen Lebens, und Sie werden daher nicht verlangen, daß wir zum nächsten Kongreß schon mit großen, entscheidenden Erfolgen vor Sie treten. Aber das jüdische Volk hat in seiner zweitausendjährigen Leidensgeschichte Geduld und Standhaftigkeit gelernt wie kein anderes auf der Erde, und aus diesen beiden Charaktereigenschaften resultiert mit Notwendigkeit auch die Zufriedenheit mit kleinen Errungenschaften. Daß wir aber solche Ihnen bei unserem Wiedersehen nach zwei Jahren bringen werden, hoffen wir bestimmt und erwarten dann von Ihnen auch wiederum dieselbe Nachsicht und Milde wie auf dem jetzt beendeten Kongresse. Was uns moralisch hebt und zuversichtlich macht, ist die Beobachtung, daß unsere zionistische Arbeit, von weiteren Perspektiven gesehen, doch schon, und in von Kongreß zu Kongreß steigendem Maße, auf bedeutende Erfolge hinweisen kann. Daß sie ernst genommen wird auch in Kreisen, die ihr früher fern standen, hat auch dieser Wiener Kongreß wieder in hohem Maße gezeigt, und ein Dank gebührt auch der hiesigen Presse dafür, daß sie, mit wenigen Ausnahmen, unsere Bestrebungen in ernster und objektiver Weise gewürdigt hat. Auch der Bevölkerung dieser schönen Stadt möchte ich noch unseren Dank aussprechen dafür, daß sie den vielen Gästen, die sie gelegentlich des Kongresses in ihren Mauern beherbergt hat, mit so herzlichem Wohlwollen entgegengekommen ist, so daß wir alle gewiß mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Anhänglichkeit diese gastliche Stadt verlassen. Wir haben aber hier das Bewußtsein erlangt, daß wir jetzt getrost uns überall sehen lassen können, wo wir es für richtig halten, die Zelte unserer Kongresse aufzuschlagen; wir haben jetzt durch Wien eine Einführung erhalten, die es uns leichter macht als bisher, die Orte zur Abhaltung unserer Kongresse nur nach inneren Motiven zu wählen. Dies aber ist besonders aus dem Grunde wichtig, weil es die rapide Zunahme unserer Anhängerschaft immer schwerer macht und machen wird, geeignete Lokalitäten zu finden. Wie wir diesen zunehmenden Schwierigkeiten in Zukunft begegnen werden, mag dahingestellt bleiben, Tatsache aber ist, daß wir auch dem Kritischsten und Mißgünstigsten schon jetzt als eine nicht zu verachtende Macht erscheinen müssen. (Beifall.) Und auf diesem Wege werden wir fortschreiten, von Staffel zu Staffel, in dem Bewußtsein, daß wir ein wichtiges, notwendiges Glied darstellen in der noch lange nicht abgeschlossenen historischen Entwicklung unseres großen jüdischen Volkes. (Stürmischer Beifall, der sich zu Ovationen für den Redner steigert.)