Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-09-19 · 38 (19.9.1913) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316610--57998-3376507
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1309 DIE^KELT Nr. 38 und Anhänger der Kulturarbeit. Und nun glaube ich, daß es Zeit, daß der Kongreß diese Gesichtspunkte klar und deutlich zum Ausdruck bringt. Ich schlage Ihnen deshalb folgende Resolution vor: 1. Der elfte Zionistenkongreß erblickt in der palästinensischen Kulturarbeit einen wichtigen Bestandteil der allgemeinen Arbeit für die nationale und politische Konsolidierung des jüdischen Volkes im Lande. Nun ist es klar, daß unsere wichtigste Kulturaufgabe auf dem Gebiete der Sprache liegt. Wollen wir ein politisch organisiertes Volk sein und als solches gelten, so muß das gesamte Volk, ob Mann oder Weib, ob alt oder jung, mit der Sprache unserer Vergangenheit und Zukunft unlöslich verbunden sein. Dies ist nicht nur eine Kulturfrage, sondern auch eine eminent politische Frage. Denn die Sprache ist entscheidend für den nationalen Einfluß. Wenn Sie nach einem Lande kommen und wissen wollen, welches Volk hier Herr ist, so brauchen Sie sich nur die Schilder auf der Straße anzusehen, oder die Umgangssprache der Leute auf dem Markte anzuhören. Die auf der Straße herrschende Sprache ist die Grundlage nationaler Vorherrschaft. Die hebräischen Schilder in Jaffa und Jerusalem repräsentieren vielleicht einen größeren nationalen Wert, als die formvollendetsten Gedichte, die von einer kleinen Anzahl von Menschen gelesen werden. Von diesem Standpunkte ausgehend, müssen wir all unsere Kraft darein setzen, unsere nationale Sprache auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in Palästina zur Herrschaft zu bringen. Nach dieser Richtung könnte der Einfluß der organisierten öffentlichen Meinung und unsere prinzipielle Stellungnahme von entscheidender Bedeutung sein. Unsere Organisation müßte daher auf unsere Institutionen in Palästina, desgleichen auf die uns nahestehenden Kreise und Einrichtungen nach dieser Richtung Einfluß nehmen. Aus diesem Grunde schlage ich Ihnen folgende Resolution vor: 2. Der Kongreß verpflichtet die ihm unterstehenden oder seinem Einflüsse zugänglichen Institutionen und Anstalten, ihr Möglichstes zu tun, damit die hebräische Sprache auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in Palästina vorherrschend wird. Haben wir hier ein wichtiges Gebiet nationaler Erziehungsarbeit zu verzeichnen, so müssen wir um so größere Aufmerksamkeit dem Schulwesen zuwenden. Ich will hier nicht von den einzelnen Lehranstalten in Palästina sprechen. Ich möchte nur betonen, daß wir in Palästina Schulen und Lehranstalten verschiedener Arten und Stufen haben, von denen jede uns in politischer Beziehung, je nach Stellung zu unserer nationalen Sprache, ebenso sehr schaden wie nützen kann. Die orthodoxe Schule „Chadar-Thora“ in Jerusalem und das freisinnige hebräische Gymnasium in Jaffa, wo sämtliche Unterrichtsfächer in hebräischer Sprache gelehrt werden, sind alle beide positive Machtfaktoren, während die Jargon-Talmud-Thoras, die Allianceschulen oder auch das Technikum, wenn es wahr sein sollte, daß die Unterrichtssprache desselben die deutsche sein soll, in gleicher Weise als negative Faktoren anzusehen wären. Hieraus ergibt sich die folgende Resolution: 3. Der Kongreß ist der Ansicht, daß von den palästinensischen Schulen verschiedenen Ranges, von den niederen bis zu den Hochschulen, nur diejenigen der materiellen und moralischen Stützung würdig sind, in denen die hebräische Sprache zur vollen Herrschaft gelangt ist und als Unterrichtssprache für die verschiedenen Lehrfächer verwendet wird. Stehen wir nun einmal auf diesem Standpunkte, so ist unser Verhältnis zur Sprachenfrage des Technikums von selbst gegeben. Wir können nicht zugeben, daß in einer Lehranstalt, die auf dem dem Nationalfonds gehörenden Boden errichtet wird, eine andere Sprache als die hebräische vorherrschen soll. (Lebhafter Beifall.) Wollen wir aber unser Möglichstes dazu tun, daß die hebräische Sprache im Lande vorherrschend wird, so ist hierfür eine vielseitige Vorbereitungsarbeit unumgängliche Voraussetzung. In erster Reihe müssen wir dafür sorgen, daß in der Metropole des jüdischen Volkes eine autoritative Zentrale geschaffen wird, die für die Entwicklung und Verbreitung unserer nationalen Sprache in Palästina und in der Diaspora sorgen soll. Ich schlage Ihnen deshalb folgende Resolution vor: 4. Der Kongreß bevollmächtigt eine Gruppe von Sprachforschern, die ihren beständigen Wohnsitz in Jerusalem haben, die Zentrale zu bilden für die gesamte Arbeit zur Wiederbelebung und Entwicklung der hebräischen Sprache. Diese Zentrale soll in beständigem Kontakte stehen mit den jüdischen Gelehrten und Schriftstellern in der Diaspora. Der Kongreß erlegt dem Actions-Comite die Pflicht auf, diese Zentrale in jeder Weise moralisch zu fördern und sie auch materiell zu unterstützen. Der Organisation und dem Arbeitsprogramm der Zentrale liegt das Bestreben zugrunde, die Zelle zu bilden, aus der sich in Zukunft die hebräische philologische und literarische Akademie ausbilden soll. Es ist selbstverständlich, daß dieser Zentrale vor allem auch jener Mann angehören soll, der zuerst die Wiederbelebung der hebräischen Sprache proklamierte, Ben-Jehuda in Jerusalem. Ben-Jehuda hat auch in seinem großangelegten Wörterbuch ein Hilfsmittel nach dieser Richtung geschaffen, das nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Ich beantrage hier deshalb, auch folgende Resolution anzunehmen: 5. Der Kongreß erblickt im Ben-Jehudahschen Wörterbuch eine bedeutsame Stütze für die Bestrebungen zur Neubelebung der hebräischen Sprache und drückt den Wunsch aus, daß die zionistische Organisation die Fortsetzung des Werkes durch materielle Hilfe fördert. Die nationale Grundlage für die zukünftige Akademie ist aber eine große Zentralbibliothek. Der Keim für ein derartiges Institut ist ja in der den unermüdlichen Bemühungen des unter uns weilenden Dr. Chasanowitz zu verdankenden Nationalbibliothek gegeben. (Stürmischer Beifall.) Meine Herren, nicht durch Beifall und Händeklatschen werden sie unserem Chasanowitz Ihren Dank abstatten, sondern dadurch, daß sie das von ihm begonnene Werk zu Ende führen. Und es ist nicht Sache einer Einzelperson oder einer einzelnen Gruppe, dieses Institut zu einer wirklichen Nationalbibliothek auszugestalten, die unserem Volke zu Ehren gereichen würde. Dies wird erst der Fall sein, wenn sich unsere allgemeine nationale Organisation, die zionistische Organisation, der Sache annimmt. Ich schlage Ihnen daher folgende Resolution vor: 6. Der Kongreß ist der Ansicht, daß die Konsolidierung, Erweiterung und Ausgestaltung der Nationalbibliothek in Jerusalem geeignet erscheint, den Einfluß der hebräischen Kultur im Lande zu stärken und zur Konzentrierung von intelligenten Kräften in Jerusalem beizutragen, die sich wissenschaftlichen Arbeiten auf verschiedenen Gebieten widmen. Der Kongreß drückt daher den Wunsch aus, daß sich das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds mit der Leitung der Bibliothek in Verbindung setzt, behufs gemeinsamer Ausarbeitung von Bedingungen, unter welchen dieses Institut in den Besitz des Nationalfonds, als der Vertretung des jüdischen Volkes, übergehen könnte. Viel größere Bedeutung als der philologischen Zentrale und der Nationalbibliothek muß einem Zentralorgan beigemessen werden, das die obere Leitung und Aufsicht über das gesamte Volksschulwesen im Lande zur Aufgabe hat. Der Keim eines solchen Organs ist im palästinensischen Lehrerverband (Merkas hamorim), dessen zehnjähriges Stiftungsfest gerade am heutigen Tage hatte gefeiert werden können, gegeben. Der Einfluß dieses Verbandes würde enorm wachsen, wenn ihn die zionistische Organisation mit den ihr zu Gebote stehenden -materiellen und geistigen Mitteln fördern würde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.